Kinder, immer wieder Kinder. Neugeborene, schlafende Säuglinge, ein einjähriges Mädchen bei seinem ersten Stehversuch, der Sohn lesend, als Abiturient, die Töchter beim Spielen, ein Mädchen im Spagat, eine schwangere Maria. Am Ende des Flurs mit Vitrinen voller Kinderköpfe sitzt eine lebensgroße Skulptur auf einem Hocker, eine nackte junge Frau, halb im Schneidersitz, die Hände auf den Oberschenkeln, der Blick versunken. Vier Wochen saß sie so Modell.
Wenn einst Fotoapparat oder Filmkamera gezückt wurden, und heute das Handy, hat Ingrid Baumgärtner zu Gips und Ton gegriffen, um wichtige Augenblicke im Leben ihrer Kinder festzuhalten. Hat einem Moment in der Zeit mit meist lebensgroßen Figuren Ausdruck verliehen, Gesten gebannt, die zugleich einen überzeitlichen Charakter haben.
Familienaufstellung: Ingrid Baumgärtner hat ihre Liebsten verewigt.Maria IrlMimik, Haltung – individuell und universell zugleich. Eine Skulptur der Tochter steht da als Siebzehnjährige, überlebensgroß, mit durchgedrückten Beinen im Bikini, ein Tuch über den Haaren, ins Gesicht gezogen. Eine junge Frau noch halb in der Pubertät, trotzig, stolz und verletzlich zugleich. Wie im richtigen Leben.
Warum ist Ingrid Baumgärtner nicht viel bekannter? Um das herauszufinden, bedarf es einer vorsichtigen Annäherung, denn öffentliche Auftritte umschifft die 1958 in München geborene Bildhauerin weiträumig. Im Kunstbetrieb taucht sie kaum je auf – wenn, dann in Gruppenausstellungen, einige wenige Skulpturen in Kirchen, Altenheimen, im öffentlichen Raum.
Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt
Seit bald dreißig Jahren lebt sie mit ihrem Mann, dem Bildhauer Bernd Stöcker, einem Schüler von Rückriem und Hrdlicka, im Markt Triftern im niederbayerischen Hügelland. In einem stattlichen ehemaligen Wirtshaus am Ortsrand hat das Paar drei Kinder aufgezogen und parallel dazu jeweils eigene künstlerische Wege eingeschlagen, Stöcker hinaus in die Außenwelt, seine Frau in die Innenwelt.
Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit: Ingrid Baumgärtner im Atelier.Maria IrlIngrid Baumgärtner ist eine schlanke, groß gewachsene Endsechzigerin, langes glattes Silberhaar, helle blaue Augen und ein Lächeln, das sich Zeit nimmt. So wie ihre Kunst Zeit braucht, bis die Figuren wie lebendig wirken. Dass ihr der Ruf vorauseilt, lieber nicht in Erscheinung zu treten, weiß sie, und tatsächlich sagt sie, wolle sie gar nicht in die Öffentlichkeit. Ihr Leben, „wie es sich eben so ergeben hat“, gefalle ihr.
Studium der Malerei und Bildhauerei an der Kunstakademie Stuttgart. Dort lernt sie auch ihren späteren Ehemann kennen. „Um nicht als Lehrerin an die Schule zu müssen“, habe sie noch einen Aufbaustudiengang Glaskunst drangehängt. „Vor einer Klasse zu stehen, das wäre nichts für mich gewesen“, sagt sie. Das Referendariat bricht sie ab, als 1985 das erste Kind unterwegs ist. Sie habe immer am besten funktioniert, wenn sie für sich sein konnte. „Alleine war ich immer glücklich.“
Die Wohnung unter dem Dach ihrer Großeltern in Gräfelfing ist viel zu klein, zudem wütet der Vater gegen den Lebensentwurf der Tochter. „In Gräfelfing wohnen nur reiche Leute, da haben wir nicht hingepasst“, sagt Baumgärtner ohne Bedauern. Niederbayern habe sie nicht gekannt, aber der Umzug sei „für die Kinder ein Segen gewesen“, die Aufnahme durch die Einheimischen freundlich.
Das Atelier als Archiv und verwunschener Ort
Die Glaskunst gibt sie bald auf, widmet sich ganz der Bildhauerei. Und die Ambition, auf dem Kunstmarkt zu reüssieren, überlässt sie ihrem Mann, dem diese Übung auch gelingt. Baumgärtner bleibt bei ihrer Linie. Wenn sie arbeitet, diskutiert sie nicht gern mit ihrem Mann. „Das ist nicht gut, den anderen da reinzuholen. Bernd hat natürlich einen guten Blick, aber er bringt mich dadurch auf eine andere Bahn.“
Sprich, Erinnerung, sprich: Schlafendes Baby und FamilienfotosMaria IrlDer Renovierungszustand des hundert Jahre alten Hauses mit Nebengebäuden gleicht einem Palimpsest. So musste der Terrazzoboden im Flur erst freigelegt werden, Holzfenster werden nach und nach ersetzt, die Öfen sind im Originalzustand. Das Atelier belegt mehrere große Räume im ersten Stock, es ist gleichzeitig Archiv, denn es birgt die Produktion aus drei Jahrzehnten in allen denkbaren Entstehungsstufen, von der Zeichnung bis zur fertigen Skulptur, überall liegen auf Tischen und in offenen Regalen zersägte Gipsfiguren, die ihr Innenleben – Eisenarmierungen und gipsgetränkte Jute – offenbaren.
Dass sie der figürlichen Kunst treu geblieben ist, all den Anfeindungen des Zeitgeists zum Trotz, erscheint ihr das Natürlichste der Welt. Bildhauer unter den Verdacht zu stellen, sie seien reaktionär, weil sie den Weg in die Abstraktion nicht mitgingen – wie es etwa dem aus dem Rottal stammenden Hans Wimmer (1907 bis 1992) vorgeworfen wurde –, da kann Baumgärtner nur den Kopf schütteln. „Den menschlichen Körper, seine Bewegungen zu erfassen, darum geht es im Kern bei meiner Arbeit bis heute. Der nackte Körper ist das vollkommene Natürliche, das war immer mein Ausgangspunkt.“
Ein Leben, das inneren Notwendigkeiten folgt
Fragt man nach Vorbildern, kommt die Antwort postwendend: „Griechen, Römer.“ Kein Wunder, dass die Glyptothek in München ihr Lieblingsmuseum ist. Unter den dort gezeigten römischen Porträtbüsten würden sich Baumgärtners Köpfe harmonisch einfügen – mit dem fundamentalen Unterschied, dass sie eine entschieden weibliche Sichtweise mitbrächte: Mädchen und Frauen sind in ihrem Œuvre eindeutig in der Überzahl. Ungewöhnlich in einem Genre, das von Männern dominiert wird.
Künstlerpaar: Ingrid Baumgärtner mit ihrem Mann Bernd Stöcker und Labradorhündin LolaMaria IrlSpät habe sie die Kunst des 19. Jahrhunderts entdeckt. Und mit einem Mal ist das Gespräch weit weg von Triftern, man betritt die Skulpturensammlung in der Friedrichswerderschen Kirche zu Berlin nahe der Museumsinsel. So plastisch wie Ingrid Baumgärtner davon erzählt, verfügt sie über diese Skulpturen auf einer inneren Landkarte, kennt deren Volumina, spürt ihren Formen mit der Hand nach. An Louis Tuaillons im Kolonnadenhof ausgestellte „Amazone zu Pferde“ (1895) fasziniert sie weniger die weibliche Figur denn das Tier – es habe „so eine zarte Seele“. Tuaillon war ein Schüler von Reinhold Begas, dessen von Ingrid Baumgärtner bewunderter Neptunbrunnen heute vor dem Roten Rathaus steht.
Ein Leben also, das inneren Notwendigkeiten folgt, keinen Moden des wechselwendischen Kunstmarkts. Sie verhehlt nicht, dass sie diese Freiheit auch Bernd Stöcker verdankt: „Mein Mann hat mich gerettet. Ohne ihn wäre es nicht gegangen. Er hat immer dafür gesorgt, dass Geld im Haus ist.“ Dass Stöcker sich mittlerweile mit Leidenschaft um die von ihm erworbene Alte Post und den örtlichen Kunst- und Kulturverein Triftern kümmert, sieht sie mit einer gewissen Skepsis. Sie findet, er solle sich mehr auf sein Werk konzentrieren.
Fragen bleiben. Wie kann es sein, dass hier eine ganze Welt entstanden ist, die kaum jemand kennt? Was sagt das über den Kunstbetrieb, die Neugier von Museumskuratoren? Wäre es nicht Zeit für eine Einzelausstellung? „Wer würde mich denn ausstellen, mich kennt ja keiner“, sagt Ingrid Baumgärtner ohne jede Larmoyanz und wirft bestimmt zum tausendsten Mal einen prüfenden Blick auf die überlebensgroße Bikini-Skulptur ihrer Tochter. Schließlich ist sie selbst ihre strengste Richterin: „Ich habe nicht genug gewagt.“ Die Außenwelt sieht das gewiss gnädiger als die Innenwelt.

vor 2 Stunden
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