Bayreuther Festspiele: Veranstaltung mit Michel Friedman findet doch statt

vor 3 Stunden 1

Katharina Wagner, Leiterin der Bayreuther Festspiele und Urenkelin des Komponisten Richard Wagner, hat den Publizisten Michel Friedman an diesem Donnerstag schriftlich und telefonisch um Verzeihung gebeten. Das berichtet die Süddeutsche Zeitung. Die Festspiele hatten eine Sonderveranstaltung, die für den Vormittag nach der Eröffnung geplant gewesen war und bei der Michel Friedman eine Rede halten sollte, kurzfristig abgesagt und Sicherheitsbedenken für diesen Schritt angeführt. Breite Empörung war die Folge.

Bayerns Kunstminister Markus Blume (CSU) hatte die Verantwortlichen kritisiert. „Ich erwarte von der Festspielleitung, dass sie eine Lösung für die Veranstaltung findet und zeigt: Im Kampf gegen Antisemitismus stehen wir zusammen“, sagte er. Der Umgang der Festspiele mit diesem Thema „war leider mehr als unglücklich in den letzten Tagen“, ergänzte Blume. Dem ZDF sagte der Politiker: „Mich überzeugt diese Begründung nicht völlig. Es ist wichtig, dass man kommunikativ Klarheit schafft und vor allem dieses so wichtige Signal, das von der Festspielleitung erdacht war, auch wirklich zu senden.“

Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde für München und Oberbayern, hatte vor der Entschuldigung Wagners mitgeteilt: „Diese Absage ist auf jeder Ebene eine Bankrotterklärung.“ Bei der „vermeintlichen Verschiebung handelt es sich faktisch um nichts anderes als eine Ausladung Friedmans durch die Festspielleitung“, die ihm durch die Begründung „Sicherheitsbedenken“ obendrein noch indirekt die Verantwortung zuschiebe. „Mir fehlen die Worte, um meine Wut und Enttäuschung auszudrücken.“

„Aufarbeitung erschwert“

Knobloch würdigte Friedman als einen „der bedeutendsten Intellektuellen, die wir in diesem Land haben“. Dass die Festspielleitung „ihm an dieser hochsymbolischen Stelle eine Bühne erst anbietet und dann unter fadenscheinigem Vorwand wieder entzieht, das ist unprofessionell und würdelos. Wer Bayreuth schwächen will, der muss genauso handeln.“ Die Festspiele hätten mit ihrem Vorgehen eine Gelegenheit zur Aufarbeitung ihrer eigenen NS-Vergangenheit nicht nur verpasst, sondern „auch für die Zukunft erheblich erschwert“.

Weiter sagte Knobloch: „Wäre Friedmans Vortrag für die Anwesenden schmerzhaft gewesen? Sehr wahrscheinlich. Das aber war doch Sinn und Zweck seiner Einladung: Ein Gespräch zu beginnen, das mehr ist als leere Symbolik und das deshalb auch wehtut. Nicht nur findet dieses Gespräch jetzt nicht statt – ich befürchte auch, die aktuelle Debatte wird dazu führen, dass das für einige Zeit so bleibt.“

Abermals zugesagt

Bayerns Antisemitismus-Beauftragter Ludwig Spaenle hatte mitgeteilt, die Absage habe ihn „sehr irritiert“. Es stehe für ihn fest, dass es möglich sei, die Sicherheit für eine solche Veranstaltung zu gewährleisten. „Die Veranstalter müssen sich über die Folgen einer möglichen Terminverlegung im Klaren sein: Die Aufmerksamkeit zu einem Zeitpunkt außerhalb der Festspielzeit und damit auch die Zahl der Besucherinnen und Besucher dürfte dann deutlich geringer ausfallen. Das schadet dem Anliegen einer kritischen Aufarbeitung erheblich.“

Der Komponist Richard Wagner (1813–1883), Gründer der Bayreuther Festspiele, verfasste antisemitische Schriften und äußerte sich auch immer wieder klar antisemitisch. Später galten die Festspiele als eng verflochten mit nationalistisch-völkischem Gedankengut und schließlich mit dem Nationalsozialismus. Adolf Hitler war immer wieder Gast in Bayreuth.

Wagner-Büste des Bildhauers Arno Breker am Grünen Hügel in BayreuthWagner-Büste des Bildhauers Arno Breker am Grünen Hügel in Bayreuthdpa

Jetzt hat Katharina Wagner nach Informationen der Süddeutschen Zeitung Michel Friedman gebeten, doch zum ursprünglich vereinbarten Termin nach Bayreuth zu kommen und zu reden. „Der Vorgang, ausgerechnet diese Veranstaltung aus angeblichen Sicherheitsbedenken abzusagen und dann in den August zu verschieben, musste nicht nur mir, sondern jedem als hoch befremdlich erscheinen, dem etwas liegt an der Kultur und der Verfassung in diesem Land“, sagt Michel Friedman der Zeitung, „erst recht im Hinblick auf den horrend wachsenden Antisemitismus und den Höhenflug der AfD.“ Der Publizist habe Wagners Bitte um Entschuldigung angenommen und abermals zugesagt: „Wenn sich jemand bewegt, sollte man sich mitbewegen.“

Gesamten Artikel lesen