Fiktionale Bösewichte verdienen ihr Geld wieder vermehrt als genuine Gangster. Das Böse in Gestalt vermeintlicher Rollenvorbilder, als Politiker, als Chef eines Unternehmens oder als Kinderfernsehstar, das sind entweder alte Hüte, fahle Masken oder eben: Realität. Das irritiert nur. Gewünscht wird das Bekannte, gepaart mit Exotik: Unterhaltung als Currywurst – auf Wunsch auch vegetarisch –, wer wollte da Nein sagen.
So könnte sich der Nostalgie-Ketchup erklären, in dem Serien wie „Stranger Things“ baden, um dem in die Jahre gekommenen Teil des Publikums zu signalisieren: Nicht nur gehören wir in dein Leben, wir sind Teil deiner Vergangenheit! Und was ist angesichts der aktuell heraufbeschworenen Zukünfte schöner als die Vergangenheit?
Nicolas Cage macht Schauspiel wieder zu einem Spektakel
Amazons neueste Superhelden-Erzählung geht indes so weit in die Vergangenheit zurück, dass allenfalls Hundertjährige noch anknüpfen könnten. New York in den Dreißigerjahren: Whisky (trotz Prohibition), Fedoras, Schnüffler, Thompson-Maschinenpistolen, Nachtclubs, tödliche Wimpernaufschläge, „Newsies“, die die neuesten Nachrichten in die Straßen schreien, und noch mehr Whisky. Die Zutaten für das, was filmisch unter dem fließenden Begriff „Film noir“ zusammengebunden wird, sind vorhanden. Das Konstrukt ragt weit über den Filmstil hinaus, hinein in die immer wieder überraschend fruchtbare Metaebene der Popkultur.
Auftritt Nicolas Cage! Gleichermaßen als das Bekannte (es gab eine Zeit, da konnte man sich Filme ohne Nicolas Cage gar nicht vorstellen) und das Exotische (er macht Schauspiel wieder zu einem Spektakel). Und während es in der Anti-Superhelden-Serie „The Boys“ noch hieß, Sony sei der Ort, an den Superhelden zum Sterben gehen (lange hatte die Produktionsfirma kein gutes Händchen für Helden), ist die Auskopplung dieser Figur „Spider-Noir“ aus dem Animationsfilm „Spider-Man: Into the Spider-Verse“ (Sony, 2018) ein Treffer ins Schwarze.

Mit der Rolle des Ben Reilly hat Nicolas Cage nun einen schrägen Schnüffler zu spielen, dessen Alter Ego, „die Spinne“, er vor Jahren zusammen mit einer verlorenen Liebe begraben hat. Hier dürfen sich Drama und Romantik noch auf ganz klassische Weise verbinden, ohne dass es Brutalität und Zynismus als Katalysatoren bedürfte. Zur Seite stehen ihm seine Sekretärin Janet (Karen Rodriguez), die wahre Spinne, die alle Fäden zusammenhält; sowie Robbie Robertson (Lamorne Morris), der wohl das charmanteste Porträt eines Reporters abliefert, das auf dem Bildschirm seit langer Zeit zu sehen war: im Küchenschrank alter Toast und Ketchup, doch gekleidet wie ein König.
Entgegen steht dem Trio die Dreißigerjahre-Version des alten Spiderman-Feindes Kingpin, hier eine „Silbermähne“ mit irischem Akzent (Brendan Gleeson), der auf seine alten Tage trotz aller vorgeschobenen Samtpfötigkeit beschlossen hat, der Politik noch einmal zu demonstrieren, wer die „five Boroughs“ kontrolliert.
Er spielt, als hätte ihm gerade jemand heftig auf den Kopf geschlagen
Als Zuschauer geht man dem Ganzen gern ins Netz, weil Nicolas Cage – der seine Rolle, wie er sagt, „zu 70 Prozent aus Humphrey Bogart und zu 30 Prozent aus Bugs Bunny“ schöpft – es mit all seiner Lust am theatralen Irrsinn angeht. Die meisten Szenen spielt er, als hätte ihm gerade jemand heftig auf den Kopf geschlagen. Selten gehen Lippen oder Zähne auseinander, Reilly nuschelt sich nasal durch das New Yorker Nachtleben. Man kann das für schrullig überspielt halten.
Man kann allerdings auch jemanden erkennen, der unter konstanten Schmerzen leidet. Der erste große Krieg hat nicht nur ihn gezeichnet, sondern auch die, die ihm entgegentreten (auch hier klassische Spiderman-Schurken wie der Sandmann oder Electro). Er hat sie zu fragilen Monstern gemacht, zu „Freaks“, die von Freaks gemacht wurden. Man will nicht zu viel verraten, aber ohne fiktionale deutsche Kriegsexperimente wäre das amerikanische Superheldengenre wohl nicht denkbar, was der Entstehungsgeschichte des generischen Comicsuperhelden einen feinen, kleinen Spin gibt.
Bringt die Spinnensinne des Helden zum klingeln: „Cat“ (Li Jun Li)Amazon PrimeEchtes Schauspiel ging zuletzt im Lärm der für viele Serien notwendigen Erregungsmechanismen unter. Doch was die alte Garde draufhat, das hat in Sachen Minenspiel zuletzt eine überragende Jamie Lee Curtis als manische Mutterfigur in der Serie „The Bear“ bewiesen. Das Spiel von Nicolas Cage, der zum ersten Mal die Hauptrolle in einer großen Serie übernimmt, fesselt vor allem, wenn die Femme fatale dieser Serie dazukommt. In der Nähe von Cat Hardy (Li Jun Li) wird Ben Reillys Nuschelfassade auf fast schon zeichentrickfilmhafte Weise lebendig, wird sein Gesicht zum Scheinwerfer, in dessen Lichtkegel die Nachtclub-Sängerin glänzen darf.
„Spider-Noir“ ist keine dieser Serien, die ihrem Publikum durch Schnelligkeit und smarte Taschenspielertricks den Atem rauben wollen. Noch verlässt sie sich auf Gag-Kanonaden oder die Nachahmung eines mäßig gealterten Film-Stils. Wenn Reporter Robbie Robertson bei der Tageszeitung „Daily Bugle“ sein Namensschild wieder auf den Schreibtisch stellt und mit einem ganze Armeen entwaffnenden Lächeln sagt: „Good to be back“, dann finden Kamera, Kostüm, Licht und Schauspiel auf eine Weise zusammen, dass man mit der Zunge schnalzen möchte.
Zudem interessiert sich die Serie ernsthaft für ihre Erzählung. Wenn Reilly mit dem Mob-Boss säuft, dann sind die Konsequenzen fünf Szenen später immer noch zu sehen. Was wiederum auch daran liegen könnte, dass alle ständig nur Whisky trinken. Szenische Einstiege werden bildkompositorisch gefeiert, als wären es Einstiege in Kinofilme. Und in den Dialogen ist kaum je ein Wort zu viel: Klar- statt Subtext.
Die Vorbilder und Inspirationen aufzuzählen – „Die Spur des Falken“, „Great Guy“ (den kann Reilly mitsprechen) oder „Chinatown“ –, ergibt kaum Sinn. „Spider-Noir“ macht sich all die mal so oder so gesehenen Bilder (Wasserdampf-Gassen mit Schattensilhouetten im Gegenlicht, Küsse vor wehenden Gardinen) zu eigen. Wer will, kann sich die Serie in Schwarz-Weiß ansehen oder in rauschenden Farben, beides ist bestechend. So bildschön und auf bierernste Weise unernst hat man lange nicht mehr ferngesehen.
Spider-Noir läuft bei Amazon Prime Video.

vor 3 Stunden
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