„Aux grands hommes, la patrie reconnaissante“ („Den großen Männern das dankbare Vaterland“) – seit der Zeit der Französischen Revolution dient das Pariser Panthéon als Ehrentempel der Nation. Für die Aufnahme in ihn existiert im Französischen sogar ein eigenes Verb: panthéoniser. Es markiert die wohl höchste, stets postume Auszeichnung, die eine Person vom französischen Staat erfahren kann. Die Runde der hier Versammelten umfasst inzwischen auch Frauen – wie Marie Skłodowska-Curie, Simone Veil und Josephine Baker – und wird am 23. Juni um ein Mitglied erweitert: Mit Marc Bloch wird der erste Historiker „pantheonisiert“.
Verkündet wurde die Ehrung des Mediävisten und Widerstandskämpfers von Präsident Emmanuel Macron bei einer Rede in Straßburg im November 2024, als sich die Befreiung der Stadt zum achtzigsten Male jährte. Das Staatsoberhaupt, dem diese Entscheidung von großer politisch-symbolischer Tragweite allein zusteht, wurde wohl auch durch Initiativgruppen von Blochs Ausnahmestatus überzeugt.
Bloch wurde zur moralischen Instanz
Mit Bloch wird ein herausragender Gelehrter geehrt, dem allerdings zeitlebens die angestrebte Professur am berühmten Collège de France versagt blieb. Den Sohn des Althistorikers Gustave Bloch führte seine Karriere von der École normale supérieure über den Gymnasialbetrieb zunächst an die Universität Straßburg (ab 1919), bevor er ab 1936 an der Sorbonne in Paris lehrte. Gemeinsam mit Lucien Febvre gilt er als Vater der „Annales“, jener Zeitschrift, die mit ihrem innovativen Forschungsprogramm einer vergleichenden und interdisziplinär arbeitenden Sozialgeschichte legendären Status erreichte.
Hrsg. von Florian Mazel und Yann Potin: „Marc Bloch. L’histoire en résistance“.SeuilÜber sein wissenschaftliches Wirken hinaus wurde Bloch auch zu einer bedeutsamen moralischen Instanz. Zentral für seine Rezeption wurde zunächst seine schonungslose Bestandsaufnahme der französischen Niederlage im kurzen Krieg gegen Deutschland in den Jahren 1939/40. Schon am Ersten Weltkrieg hatte Bloch aktiv teilgenommen und sich ausgezeichnet; 1939 meldete sich der 53-Jährige freiwillig und legte seine Erfahrungen und Einschätzungen in einem Werk nieder, das er selbst als „Zeugnis“ bezeichnen wollte. 1946 durch Georges Altman als „L’étrange défaite“ („Die seltsame Niederlage“, deutsch 1992) herausgegeben, zählt es zu den bedeutendsten Dokumenten für die damalige Wahrnehmung der Ereignisse.
Nach seiner Demobilisierung folgte für den Juden Marc Bloch die Demütigung durch das Vichy-Regime und 1943 der Gang in den aktiven Widerstand. Am 8. März 1944 wurde er in Lyon festgenommen, wochenlang von der Gestapo verhört und gefoltert und schließlich am 16. Juni 1944 gemeinsam mit 29 anderen Résistants erschossen. Zuvor hatte er ein weiteres Werk verfasst: Die ebenfalls postum publizierte „Apologie de l’historien“ („Apologie der Geschichtswissenschaft“, deutsch 1974) bietet grundlegende Reflexionen über das historische Arbeiten. Ihr Autor diskutiert nicht nur methodische Fragen, sondern unterstreicht auch die moralischen Verpflichtungen des Metiers. Wer in Frankreich seit den Achtzigerjahren Geschichte studierte, lernte unausweichlich Bloch und seine „Apologie“ kennen.
In welcher Rolle wird er geehrt?
Blochs Leben und Werk führen mit Blick auf die anstehende Ehrung zu Deutungskonkurrenzen: Seine um sein Erbe bemühte Familie hat nachdrücklich unterstrichen, dass er Patriot, nicht Nationalist gewesen sei. Für die Zeremonie am 23. Juni bedingt sie sich den Ausschluss der extremen Rechten aus. Aber welcher Marc Bloch wird nun ausgezeichnet? Der Historiker als moralische Instanz? Der Zeitzeuge? Der engagierte Patriot und Kämpfer für seine Nation, der vom Vichy-Regime als Jude von der Gemeinschaft ausgeschlossen wurde, für die er bereit war, sein Leben einzusetzen (so jüngst die Zeithistorikerin Alya Aglan in einem schmalen Band zum „zweifachen Tod von Marc Bloch“)?
Marc Bloch als Soldat im Ersten WeltkriegBridgemanOder doch vor allem ein Widerstandskämpfer, der zu den anderen jüngst pantheonisierten Résistants stößt? 2021 wurde mit Josephine Baker eine gebürtige US-Amerikanerin in den Ehrentempel aufgenommen, die erst 1937 die französische Staatsangehörigkeit erhielt. Ihr folgten 2024 Missak und Mélinée Manouchian, armenische Geflüchtete, denen die Naturalisierung in Frankreich trotz wiederholter Beantragung versagt blieb und die als Kommunisten im Widerstand kämpften. Bloch repräsentiert hier eine weitere Kategorie der Résistants: jene, die von Vichy als Juden ihrer Rechte beraubt, verfolgt und deportiert wurden.
Klärung versprechen die seit November 2024 angestoßenen historischen Projekte – Tagungen, Diskussionsrunden, Ausstellungen –, deren Vielzahl kaum zu überschauen ist. Manche Grundlagenarbeiten werden für künftige Forschungen anhaltende Bedeutung haben: An der Pariser Universität Panthéon-Sorbonne zeigt eine Ausstellung Bücher aus dem Besitz von Marc Bloch. Parallel dokumentiert eine Datenbank fast 2800 Titel der von den Nazis 1942 konfiszierten und dann zerstreuten Bibliothek Blochs. Dieses wichtige Analysewerkzeug verzeichnet über fünfhundert deutschsprachige Werke; Bloch nahm die historische Produktion in Deutschland intensiv wahr, machte sie mit zahllosen Rezensionen in Frankreich bekannt und wurde so zu einem bedeutenden Vermittler. Wie sich der Zugriff auf den Nachlass entwickelt, muss sich noch zeigen. Aktuell hängt er von der Zustimmung der Familie ab, die der Forschung sehr zugewandt ist.
Verzögerte Rezeption in Deutschland
Gewiss war Bloch nicht der Einzige, der im früheren zwanzigsten Jahrhundert eine vergleichende Geschichte anmahnte oder – in seinem erst 1998 ins Deutsche übersetzten „Die wundertätigen Könige“ – radikal interdisziplinäre Perspektiven aus der Soziologie, Ethnographie und Medizin in das historische Arbeiten einbezog. Insgesamt ist er aber eine Ausnahmefigur, die der heutigen Geschichtswissenschaft ungebrochen Anregungen geben kann. Davon zeugen die 25 Beiträge, die Florian Mazel und Yann Potin jüngst in „Marc Bloch. L’histoire en résistance“ versammelt haben. Sie zeigen Blochs engagiertes Leben auf, in dem die Erfahrung des Ersten Weltkriegs zu einem Angelpunkt wurde, der sein historisches Arbeiten nachhaltig beeinflusste. Nachdrücklich werden sein Beitrag als Mittelalterhistoriker gewürdigt und seine Beeinflussung durch die Sozialwissenschaften analysiert. Zuletzt rückt auch die dornige Frage in den Fokus, ob Bloch ein „nationaler Historiker“ gewesen sei.
Panthéon, nationale Ruhmeshalle, Innenraum mit Kriegerdenkmal für die unbekannten Gefallenen des 1. Weltkriegs, Quartier Latin, Paris, FrankreichPicture AllianceSeit den Achtzigerjahren wird Leben und Werk Marc Blochs intensiv erforscht: Neben zahlreichen Sammelbänden legten die US-amerikanische Historikerin Carole Fink (1989), der deutsche Historiker Ulrich Raulff (1995) und der französische Zeithistoriker Olivier Dumoulin (2000) Monographien vor. Eine „intellektuelle Biographie“ Blochs von Peter Schöttler, einem der wohl besten Kenner, ist im Erscheinen.
Neben diesen vorrangig wissenschaftshistorischen Darstellungen bieten die Beiträge im Band von Mazel und Potin innovative Einblicke, die nicht zuletzt deswegen mit überraschenden und weiterführenden Gedanken aufwarten, weil die Autoren – darunter Étienne Anheim, Valérie Theis, Patrick Boucheron und Guillaume Calafat, der aktuelle Chefredakteur der „Annales“ – häufig keine Bloch-Spezialisten sind. Sie nähern sich aus ihren jeweiligen Perspektiven seinem Schaffen und fördern damit zuweilen lange Vernachlässigtes zutage.
Steffen Patzold, der sich selbst ausdrücklich in diesem Sinne positioniert, liefert mit seinem Beitrag über Bloch und Deutschland ein eindrucksvolles Beispiel. Überzeugend erläutert er, weshalb eines von Blochs Hauptwerken, die 1939/1940 in zwei Bänden erschienene „Société féodale“, in Deutschland bestenfalls eingeschränkt wahrgenommen wurde. Der junge Theodor Schieffer hatte es bereits 1941 und 1942 im „Deutschen Archiv“ positiv besprochen. Dass die Rezeption auch nach dem Krieg trotzdem verhalten blieb, lag an Blochs Zugang: Er war mit seinem Interesse an gesellschaftlichen Formationen und Vorstellungen für die dominierende „Neue Verfassungsgeschichte“, zu deren prägenden Vertretern der lange völkisch orientierte Otto Brunner zählte, wohl zu fremdartig.
Blochs Werk lag dann 1982 zwar erstmals als „Die Feudalgesellschaft“ übersetzt vor, aber diese Fassung wurde, ebenso wie eine Neuübersetzung von 1999, dem Original nicht gerecht, dessen sozialwissenschaftlich inspirierte Kernbegriffe stark verzerrt wurden. Grundlegender noch schreibt sich das Ausbleiben der Rezeption in einen Rahmen des gegenseitigen Missverstehens zwischen der deutschen und französischen Geschichtswissenschaft ein, das auch mit einer gewissen Herablassung verbunden war.
Vor diesem Hintergrund wird die vorgebrachte Aufforderung, Bloch zu lesen, erst so recht verständlich – und unterstreicht zugleich ein zentrales Anliegen von Mazel und Potin: Marc Bloch sollte nicht im Panthéon verschwinden und in der Erinnerung erstarren. Er, der sich für seinen Grabstein ein schlichtes „Dilexit veritatem“ wünschte, gehört in die Seminarräume, in die Diskussion, vielleicht sogar auf die Straße, wo er mit seinem Leben und seinem Werk den Mut zur Wahrheit einfordert, der beim Schreiben der Geschichte notwendig ist. Am 28. Mai 2026 lädt eine Veranstaltung des Centre Marc Bloch in Berlin dazu ein, dies zu vertiefen. Dass sie mit einem Schülerwettbewerb verbunden ist, hätte Bloch wohl gefreut, der 1942 emphatisch an seinen Sohn Étienne schrieb: „Ich glaube an die Jugend.“
Hrsg. von Florian Mazel und Yann Potin: „Marc Bloch. L’histoire en résistance“. Avec des textes inédits de Marc Bloch, Éditions du Seuil, Paris 2026, 600 S., br., 27,90 €.

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