Preisschock an den Tankstellen: „Für viele ist Mobilität keine Wahl, sondern Voraussetzung“

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Die Angriffe Israels und der USA auf den Iran haben die Spritpreise in den vergangenen Tagen auf Rekordwerte ansteigen lassen. Im bundesweiten Durchschnitt kostet ein Liter Super heute 2,10 Euro. Der Preis für einen Liter Diesel liegt bei 2,16 Euro. Die Auswirkungen spüren die Menschen in ganz Deutschland. Dem Tagesspiegel haben sie erzählt, was sie von der Politik fordern.


Damla Celik aus Speyer, Rheinland-Pfalz

In unserem Reinigungsunternehmen spüren wir die gestiegenen Spritpreise deutlich. Unsere zwölf Mitarbeiterinnen fahren täglich mit dem Auto zu ihren Einsatzorten. Die 50 Euro, die wir pro Angestelltem steuerlich geltend machen können, reichen längst nicht mehr aus. Mehrfach wurde ich in letzter Zeit um zusätzliche Zuschüsse gebeten, meist für Tankkosten. Umso mehr würde ich mir wünschen, dass kleine Unternehmen wie unseres mehr absetzen können oder gezielte Unterstützung erhalten.

 Damla Celik

Die 34-jährige Damla Celik gründete im März 2024 mit ihrer Schwester und ihrer Mutter eine kleine Reinigungsfirma. Das reine Frauenunternehmen sitzt in Speyer in Rheinland-Pfalz. 

© Damla Celik

Viele unserer Mitarbeiterinnen sind Mütter, die sehr früh anfangen müssen, weil sie nachmittags ihre Kinder versorgen. Um 5.30 Uhr fährt in Speyer aber kein Bus. Um Kosten zu sparen, haben wir Fahrgemeinschaften gebildet. Das bedeutet aber Einschränkungen. Manche Kollegin wartet eine Stunde, bis eine andere fertig ist. Bequem ist das nicht, und bezahlt wird diese Zeit auch nicht.


Heinrich Vißer aus Geldern, Nordrhein-Westfalen

Die Preise schocken mich jeden Tag, wenn ich an der Tankstelle vorbeifahre. In den vergangenen Jahren habe ich im Mittel 1,60 Euro pro Liter bezahlt. Das war schon viel im Vergleich zu früher – und heute liegen wir noch mal weit darüber. Unser Dachdeckerbetrieb hat aktuell mit 26 Prozent höheren Spritkosten zu kämpfen. Unsere Teams fahren oft 50 bis 60 Kilometer täglich – da merkt man jeden Extra-Euro sofort.

 Heinrich Vißer

Heinrich Vißer ist Dachdeckermeister. Seit mehr als 30 Jahren ist er selbstständig.

© Heinrich Vißer

Die Preissteigerungen treffen uns aber nicht nur an der Tankstelle. Alles, was mit Rohöl zusammenhängt, wird teurer: Bitumen und Kunststoffe steigen um zehn bis 15 Prozent. Das heißt für ein Dachprojekt allein beim Material 15 Prozent Mehrkosten. Meine eigenen Kalkulationsspielräume sind klein: Ich liege bei acht bis zwölf Prozent Marge. Damit ich bei laufenden Großbaustellen nicht in die Verlustzone rutsche, muss ich jetzt Material im Wert von rund 100.000 Euro vorfinanzieren, um wenigstens die alten Preise zu halten.

Am Ende profitieren von den hohen Preisen die Mineralölkonzerne und wegen der Steuereinnahmen der Staat. Für uns bleibt nur die Belastung. Der Staat müsste sofort die Mineralölsteuer senken und die Unternehmen verpflichten, diese Senkung weiterzugeben. Auch braucht es eine Spritpreisbremse.

Bis von der Politik etwas kommt, steuern wir selbst dagegen. Wir setzen mehr E‑Fahrzeuge ein und laden sie über unsere PV‑Anlagen, reduzieren Einzel-Anfahrten und bündeln unsere Baustellenrouten. Für Extra-Anfahrten müssen unsere Kunden 120 Euro draufzahlen.


Steffen Gans aus Kiel, Schleswig-Holstein

Ich sitze gerade im Auto auf dem Weg nach Heiligenhaus, um Nachschub für unseren Cannabisclub zu holen. Solche Fahrten mache ich nur ab und zu. In meinem Alltag in Kiel nutze ich das Fahrrad oder die Bahn. Die hohen Spritpreise treffen mich persönlich deshalb kaum.

 Steffen Gans

Steffen Gans (32) ist Softwareentwickler. Im Jahr 2024 hat er einen Cannabis-Club mitgegründet.

© Steffen Gans

Trotzdem habe ich eine klare Meinung dazu. Wenn ich Preise in Höhe von zwei Euro pro Liter sehe, frage ich mich, wie Menschen das schaffen sollen, die wirklich auf ihr Auto angewiesen und ohnehin schon überall mit steigenden Kosten konfrontiert sind. Für viele ist Mobilität keine Wahl, sondern Voraussetzung, ihren Alltag überhaupt bewältigen zu können.

Mich frustriert das. Ich sehe mich mit jedem neuen Preisschock bestätigt in meiner Resignation gegenüber der Politik. Am Ende müssen diejenigen die Belastungen tragen, die jeden Tag arbeiten und funktionieren müssen. Statt echter Entlastung, bleibt es bei Symbolpolitik.

Der Vorschlag von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, den Spritpreis nur einmal am Tag anzuheben, mag sinnvoll sein, oder auch nicht, lenkt aber vom eigentlichen Problem ab: unserer Abhängigkeit von externen Energieträgern wie fossilem Brennstoff. Darüber wird aber in der neuen Regierung kaum noch gesprochen. Was es braucht, ist eine Mobilitätswende. Menschen dürfen nicht länger darauf angewiesen sein, jeden Tag ein fossil betriebenes Auto zu nutzen.


Diana Förster aus Großpösna, Sachsen

Ich habe das Gefühl, dass die steigenden Preise politisch gewollt sind. Entlastungen für Arbeitnehmer gibt es so gut wie keine, und gleichzeitig steigen die allgemeinen Kosten an allen Ecken. Diese Entwicklung verunsichert viele Menschen, und auch ich sehe die Folgen täglich in meinem Betrieb.

Wie stark die Spritpreissteigerungen seit dem Irankrieg finanziell durchschlagen, kann ich noch nicht exakt beziffern. Ich gehe jedoch davon aus, dass sie einen deutlichen Effekt haben werden. Gegenüber meinen Abschleppkunden gebe ich die höheren Preise bewusst nicht weiter. Viele von ihnen befinden sich selbst in schwierigen Situationen, und ich möchte sie nicht zusätzlich belasten.

Anders ist es in unserem Transportunternehmen. Dort habe ich die entsprechenden Anfragen gestellt, und die Geschäftskunden zeigen sich teilweise entgegenkommend. Dennoch reicht das nicht aus, um die gestiegenen Spritpreise vollständig aufzufangen.

Beim Thema Mobilität fühle ich mich von der Politik unter Druck gesetzt. Man weiß nicht mehr, ob man noch in einen Verbrenner investieren sollte oder das bestehende Auto einfach so lange wie möglich fährt. Diese Unsicherheit belastet auch mein Unternehmen. Über einen Umstieg auf Elektrofahrzeuge und Gasfahrzeuge denke ich trotzdem nicht nach. Ich glaube nicht, dass sich diese Technologie in der Fläche durchsetzen wird – zumindest nicht in einem Betrieb unserer Größenordnung.

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