Extremismus in Frankreich: Ein Herz für Hitler und Holocaustleugner

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Eine Schweigeminute bekommt im Nachhinein einen schrillen Beiton. Am vergangenen 17. Februar hat Frankreichs Abgeordnetenhaus, die Assemblée Nationale, in einem außergewöhnlichen Akt Quentin Deranques gedacht, eines Mathematikstudenten, 23 Jahre alt erst, der ein paar Tage davor in Lyon zu Tode geschlagen worden war. Eine solche Hommage wird normalerweise nur Personen zuteil, die im Dienst der Nation gefallen sind, Soldaten etwa oder Polizisten.

Quentin Deranque war weder das eine noch das andere: Er war ein junger Rechtsextremist. Getötet hatten ihn Linksextremisten am Rand einer Protestkundgebung in Lyon. Sie traten ihn in den Kopf, als er schon am Boden lag, immer wieder. Es gibt Videos davon. Sie erschütterten das Land. Und sie versetzten die Politik in Aufruhr.

Er war Mitglied mehrerer einschlägiger Gruppen, etwa der neofaschistischen „Allobroges Bourgoin“

Ein Abgeordneter der extremen Rechten, Éric Ciotti, forderte deshalb eine Schweigeminute für den jungen Mann, von dem es in den rechten Medien hieß, er sei ein eifriger Kirchgänger und Patriot gewesen. Allerdings wusste man da schon, dass er etwas mehr war als das: ein Extremist, Mitglied mehrerer einschlägiger Gruppen, etwa der neofaschistischen „Allobroges Bourgoin“, die er offenbar selbst gegründet und bei einem Marsch von Suprematisten und Neonazis in Paris im Sommer 2025 angeführt hatte.

Manchen Abgeordneten aus dem linken und zentristischen Lager war deshalb schon vor der Hommage unwohl. Doch wer mochte sich schon öffentlich gegen eine Schweigeminute wenden für einen jungen Mann, der unter so schrecklichen Umständen gestorben war? Es war ja eine Tragödie, die emotionale Aufwallung groß. Als die Parlamentspräsidentin die Abgeordneten aufrief, sich zu erheben, sprach sie vom „jeune Quentin“, dem jungen Quentin.

Nun hat das unabhängige Investigativportal Mediapart Tausende Posts gefunden und einige davon publiziert, die Quentin Deranque anonym, unter drei Pseudonymen, zwischen 2023 und 2025 auf der sozialen Plattform X geschaltet hatte: als @PatricienD, @Gavariou und @ultragavariou. Viele davon sind offen rassistisch, revisionistisch, antisemitisch, neofaschistisch, islam- und schwulenfeindlich. Mediapart schreibt dazu: „Sein Aktivismus im Netz war von seltener Brutalität, das lässt nur wenig Zweifel zu an seinen neonazistischen Überzeugungen.“

Er stellte Auszüge von „Mein Kampf“ ins Netz und forderte: „Das müsste Pflichtlektüre für alle Gymnasiasten sein“

In einem dieser Posts schrieb Deranque: „Ich bin für Hitler, jedem sein Ding.“ Im Dialog mit einem anderen Nutzer von X, der ihn daran erinnerte, dass der rechtsextreme Rassemblement National der Familie Le Pen einst auch von Mitgliedern der Waffen-SS mitbegründet worden war, schrieb er zurück: „Und das ist sehr gut so.“ 2024 antwortete er auf einen Post mit Auszügen aus „Mein Kampf“: „Das müsste Pflichtlektüre für alle Gymnasiasten sein.“ Er forderte auch die Streichung eines Gesetzes, das die Verleugnung des Holocausts unter Strafe stellt.

Einmal kommentierte er ein Video, das die Nationalbibliothek publiziert hatte. Es zeigte die Repression afrikanischer Sklaven, die versucht hatten, von den Erntefeldern zu fliehen. „Projekt 2027“, schrieb er dazu. Gemeint war wohl die Präsidentenwahl von 2027 und die mögliche Machterlangung der extremen Rechten.

Ein anderes Mal erklärte er, er werde an der Europameisterschaft im Fußball 2024 nicht die Mannschaft Frankreichs unterstützen, weil ihm die nicht weiß genug war, sondern stattdessen die aus Österreich. Manche Posts signierte er mit „TND“, einem Akronym, das in diesen Kreisen offenbar für „Total Nigger Death“ steht – ein Aufruf zur Ermordung von Menschen schwarzer Hautfarbe.

Es war, als hätte Frankreichs Rechte ihren Charlie Kirk gefunden

Die Rechercheure von Mediapart erklären in dem Bericht, wie sie die Posts fanden und den Eltern von Quentin Deranque für eine Reaktion zustellten. Die verwiesen auf den Anwalt der Familie, und der mochte keine Stellung beziehen.

Es war, als hätte Frankreichs Rechte ihren Charlie Kirk gefunden, ein Pendant also zum Anhänger und Berater von Donald Trump, der im vergangenen Jahr bei einem öffentlichen Auftritt erschossen wurde: eine Art Märtyrer, einen Helden.

Sébastien Chenu etwa, prominentes Mitglied von Marine Le Pens Partei und Vizepräsident des Parlaments, hatte neulich gesagt: „Dieser junge Mann ist gestorben, weil er seine Ideen verteidigte, die auch unsere Ideen sind, seine Vorstellung von unserem Land.“ Und dann: „Er war einer von uns, von unserem Stamm.“ Nun sagt Chenu, wenn es wahr sei, was er da lese, dann werde er seine Aussagen natürlich „noch einmal überdenken“.

Eine Hommage schickten Quentin Deranque auch seine politischen Freunde nach, in Lyon. Da mochten die Lepenisten aber nicht mitmarschieren, weil sie dachten, ihre Präsenz könnte womöglich ihrer Strategie der Entteufelung schaden. Fast 2000 Rechtsextremisten versammelten sich da. Manche zeigten auch den Hitlergruß.

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