Es geht noch viel spanischer als „Carmen“. Auf der Madrider Bühne wimmelt es von Toreros, Zigeunern und Banditen. Beim Einzug der Stierkämpfer erklingt der berühmte Paso doble, den bis heute die Kapellen in den Arenen schmettern. Aber „Die Wildkatze“ („El Gato Montés“) von Manuel Penella ist keine Anhäufung spanischer Klischees. Die Zarzuela des spanischen Komponisten kann es mit dem andalusischen Drama des Franzosen Georges Bizet aufnehmen.
Ausgerechnet ein Deutscher zeigt jetzt in Madrid, dass die Zarzuela mehr ist als die spanische Variante der Operette. Christof Loy reißt im Zarzuela-Theater mit seinem Debüt das Publikum zu Begeisterungstürmen hin. Das einzige Haus auf der Welt, das nur dieses spanische Genre spielt, verließ er durch die „Puerta Grande“, schrieben Kritiker.

Sie spielen damit auf triumphierende Matadore an, die ihre feiernden Anhänger auf den Schultern durch das prunkvolle Haupttor aus der Arena heraustragen – normalerweise muss der Stierkämpfer dafür mindestens zwei Ohren abschneiden. In Wirklichkeit kämpfte sich Loy, der während der Proben einen Unfall hatte, mit Krücken auf die Bühne.
Der deutsche Debütant hält sich nicht damit auf, mit den Stereotypen zu spielen oder sie zu demontieren. Dafür nimmt er seine Protagonisten und die Musik zu ernst. Für ihn ist diese Zarzuela eine große Oper, die von der griechischen Tragödie und Shakespeare inspiriert ist.
Der Torero Rafael und die „Wildkatze“ Juanillo, ein flüchtiger Bandit, lieben beide die Zigeunerin Soleá. Für den Regisseur sind es verletzte, zerbrechliche Seelen: Soleás Verlobter Rafael stirbt in der Arena von Sevilla, sie selbst zerreißt dieses Beziehungsdreieck. Juanillo, der aus Liebe zu Soléa getötet hat, raubt nach ihrem Tod ihren Leichnam und beendet sein Leben.

Den spanischen Komponisten Penella faszinierte hörbar der Italiener Giacomo Puccini. Er war in mehr als einer Welt zu Hause. Der vielseitige Abenteurer, der Südamerika durchstreifte und in Mexiko starb, war Kirchenmaler und zeitweise auch Torero. Der zweite Akt seiner Oper, die 1917 Premiere hatte, ist großes Theater, obwohl nur zu sehen ist, was in einem Nebenraum der Arena von Sevilla geschieht.
Aus der Ferne sind die Olé-Rufe, Applaus und der Paso doble zu hören. Dort findet Rafael den von einer Zigeunerin prophezeiten Tod. Doch für den Kampf selbst sucht Loy im Unterschied zu anderen Regisseuren keine Bilder. Blutüberströmt tragen seine Männer den sterbenden Torero an der kleinen Kapelle vorbei, in der er kurz zuvor noch gebetet hat, in die Krankenstation.
„Nicht nur der Stier kann tödlich sein, auch der Druck von außen“, sagt Loy über diese Schlüsselszene. Für ihn gehören die „emotionalen Reisen“ der drei Hauptfiguren zu den großen Entdeckungen in dem Werk, dessen Modernität ihn überrascht hat. Es ist Teil seiner eigenen Reise, die ihn 2020 nach Madrid führte. Als er im Teatro Real inszenierte, hörte er zum ersten Mal im Zarzuela-Theater eine ganze spanische Oper: Er verliebte sich in das Genre.

In der laufenden Spielzeit hat er gleich drei Zarzuelas neu inszeniert. Der Dreiundsechzigjährige erschließt sich einen musikalischen Kontinent und will mit seiner Begeisterung anstecken. „In Europa ist das keine Renaissance, sondern völliges Neuland“, sagt er über die Zarzuela. Zumindest deren Name ist in Spanien bis heute oft zu hören, denn er ist ein politisches Synonym. Musikalisch begannen die Zarzuelas als singspielartige Stücke, Schlechtwetterunterhaltung der Könige auf ihrem von Brombeerbüschen umgebenen Jagdschloss am Rand von Madrid. „La Zarzuela“ (Dorngebüsch) heißt bis heute die königliche Residenz.
„Zarzuela lässt sich nicht darauf reduzieren, was manche schnell spanische Operette nennen. Sie reicht von händelartigem Barockrepertoire bis zu Revuestücken und verbreitete sich bis nach Lateinamerika“, schwärmt Loy während einer Probenpause. Sie sei subversiv, spiele mit Geschlechterrollen, „Frauen sind meist die Klügeren“ – echtes, unmittelbares Volkstheater. In Barcelona gab es im 19. Jahrhundert mehr als dreißig Zarzuela-Theater. Die Madrilenen gingen oft nach der Oper um Mitternacht zu einem Einakter in eines der Zarzuela-Theater.
Textilien der Zivilisation über archaischer Männlichkeit: Torreros in der „Wildkatze“Elena del RealHeute existiert nur noch das eine (staatliche) Zarzuela-Theater zwischen Parlament und Puerta del Sol. Es hat ein diverses, sehr treues und überraschend junges Publikum: Jahrzehntelange Abonnenten sitzen neben queeren Paaren, Ministerinnen – in Kostüm, Anzug oder in Shorts, viele mit Fächern.
Loy hatte beim Theaterdirektor ursprünglich nur Rat für seine ersten eigenen Zarzuela-Schritte gesucht. Aber der bot ihm als Hausdebüt sofort „El Gato Montés“ an. „Das waren sofort die höheren Weihen“, scherzt er – als würde man seine erste Wagner-Oper gleich in Bayreuth auf die Bühne bringen.
Eine der großen Herausforderungen ist für ihn wie das ausländische Publikum, dass in der Zarzuela viel auf Spanisch gesprochen wird. In Madrid kam ihm jetzt entgegen, dass die „Wildkatze“ eine der wenigen durchkomponierten Opern ist. Aber für ihn stand von Anfang an fest: „Wenn ich Zarzuela machen will, muss ich richtig Spanisch lernen.“ Loy gibt inzwischen Interviews auf Spanisch. In den Proben korrigiert er sich sofort, wenn er aus Versehen anfängt, Deutsch oder Englisch zu sprechen.
Dass der Kampf mit dem Stier dem Ruhm bei den Frauen gilt, mag ein Klischee sein, ist aber blutiger Ernst: Szene aus der „Wildkatze"Elena del RealDas „Madrid de los Austrias“ – das Madrid der Österreicher – ist für den Deutschen mit Lebensmittelpunkt in Salzburg einer seiner „Seelenorte“ geworden; es ist nach den Habsburgern benannt, die es einst erbauten. An dessen Rand hat er eine kleine Wohnung.
Für ihn sei Madrid „total befreiend“ gewesen, erzählt Loy. Schon vor der Pandemie hatte er am Teatro Real inszeniert, im Herbst 2020 war es dann Antonín Dvořáks „Rusalka“. „Während in Deutschland und Österreich alles dichtgemacht wurde, zeigte Madrid, wie man mit solchen Situationen umgehen kann“, erinnert er sich. Am Teatro Real, wo 2027 eine neue „Katia Kabanova“ ansteht, ist er schon fast ein Hausregisseur, am Zarzuela-Theater fragt man sich jetzt gespannt, was er als Nächstes plant.
Loy bezeichnet sich auf seinem Linkedin-Portal schon als „Stage Director Opera and Zarzuela“. Er hat seine eigene Truppe gegründet. Sie heißt „Los Paladines“, die er scherzend die „Kreuzritter“ der Zarzuela nennt. Sein Partner ist dabei der großartige José Miguel Pérez-Sierra, der Chefdirigent des Zarzuela-Theaters, der musikalisch für die „Wildkatze“ verantwortlich ist. Dem Ensemble gehört zweimal auch der Bariton David Oller an, der in Madrid den Banditen singt.
Basel und Wien hat Loy bereits mit leichterem Stoff gewonnen – obwohl der Purist auch dort nur auf Spanisch (mit Übertiteln) sprechen lässt. „Die Schweizer sind verrückt nach Zarzuela“, sagt er über den Erfolg von „El barberillo de Lavapiès“ im vergangenen Jahr. Am Theater an der Wien war es im Februar ähnlich; dort saß bei „Benamor“ ein begeisterter Plácido Domingo in der Generalprobe.
Der Paso doble aus der „Wildkatze“ ist am 4. Juli in der Deutschen Oper in Berlin zu hören. Langsam interessierten sich auch größere Häuser für die spanische Oper, freut sich Loy. Mit seinen „Paladines“ gestaltet er eine „Gran Gala de Zarzuela“. Es ist leider nur ein Abend mit Auszügen, an dem auch die mitreißende Sopranistin Mané Galoyan auftritt, die ernste Madrider Soléa.

vor 1 Stunde
1








English (US) ·