Frederick Douglass: Er sollte gar nichts lesen dürfen

vor 2 Stunden 1

So! Wieder beim Schmökern! Und was für törichtes Zeug! Bei flüchtiger Betrachtung des Gemäldes von Jacob Lawrence sieht die Szene nach einem Fall ganz gewöhnlicher Haustyrannei aus. Der graubärtige Herr mit dem breitkrempigen Hut hält der Dame im Schaukelstuhl mit der ausgestreckten Linken ein aufgeschlagenes Buch hin. Mit der anderen Hand zeigt er auf den Schriftkörper des Delikts. Wir können zwar nicht lesen, was da gedruckt steht, weil Lawrence immer nur das Nötigste ausbuchstabiert. Aber die Geste ist eindeutig: Diese Lektüre ziemt sich nicht. Die Adressatin der Brandrede bewahrt die Ruhe. Sie scheint sich sogar gerade zurückzulehnen, sodass die Rotation des Stuhls sie in die Vertikale unerschütterlichen Selbstbewusstseins versetzt.

In den Winkel zwischen der Diagonale der Lehne und der Kurve der Kufen hat sich ein Junge geklemmt. Sein Hemd ist blütenweiß wie das Tischtuch. Er kann nicht das Kind des Paares sein, denn sein Gesicht, seine Hände und Beine sind braun. Seine Anwesenheit ändert alles. Er ist es, der nicht lesen soll, der nicht lesen lernen darf. Welches Buch der Herr ihm entreißt, ist egal. Auch das törichteste Zeug, wie Liebesromane, die Leserinnen an die Unterwerfung unter den eingebildeten Zauber der Manneskraft gewöhnen, würde ihn nur klüger machen.

Der Sklave, der Flüchtling, der freie Mann

Mit 32 Temperabildern hat Lawrence 1938 das Leben von Frederick Douglass nach dessen eigenhändigem, 1845 in der ersten von drei Fassungen gedrucktem Lebensbericht illustriert, in den Kapiteln „The Slave“,  „The Fugitive“ und „The Free Man“. Den Bildern sind Legenden beigegeben. Man kann diese Bildergeschichte vorlesen, denn der Maler nahm darauf Rücksicht, dass Kindern, die aussahen wie er, das Lesenlernen immer noch schwer gemacht wurde, 75 Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei.

Das sechste der 32 Bilder aus „The Life of Frederick Douglass“ von Jacob LawrenceDas sechste der 32 Bilder aus „The Life of Frederick Douglass“ von Jacob LawrenceHampton University Museum

In der Legende zum sechsten Bild erfährt man, dass Frederick Douglass im Alter von acht Jahren vom Eigentümer seiner Plantage als Mietarbeiter nach Baltimore geschickt wurde, wo er eine Herrin bekam, die bisher keine Sklaven um sich gehabt hatte. Im Bild versteckt er sich, obwohl der Schaukelstuhl ihn nicht unsichtbar macht. Gleichzeitig ist er auf dem Sprung, hat das eine Knie gestreckt und das andere angewinkelt, als käme gleich von oben ein Startschuss. Seine Interimsherrin ließ ihn lesen, konnte sonst aber nichts für ihn tun und ihm nicht die Freiheit schenken. Frederick Douglass wurde trotzdem ein freier Mann, weil er kein Analphabet blieb.

Seine Autobiographie demonstriert im buchstäblichen, ganz prosaischen Sinne die befreiende Kraft der Literatur. Mit den folgenden beiden Bildern der Serie verfolgt Lawrence das Thema weiter. Fredericks Freunde, weiße Schuljungen, lassen ihn mitlesen, und die riesengroße Feder im Tintenfass rechts vorne kündigt schon die traumhafte Möglichkeit an, selbst ein Buch zu schreiben. Dann steht Frederick ganz allein mit einem Buch an einem Tisch, der nicht als Schreibtisch gebaut ist, einem schafottartigen Ungetüm von Arbeitstisch. Die Legende nennt den Titel des Buches, das Frederick mit seinem Taschengeld kaufte: „The Columbian Orator“. Er las dort die Reden von Pitt Vater und Sohn und wurde in der Freiheit selbst Redner von Beruf. Es gab Leute, die sagten, er rede viel zu gut, um wirklich Sklave gewesen sein zu können. Darum schrieb er sein Buch, „Narrative of the Life of Frederick Douglass, an American Slave. Written by himself“. Durch die Details in seinem Buch lief er Gefahr, den Herrn, dem er entkommen war, auf seine Spur zu setzen. Daher ging er nach der Veröffentlichung zunächst auf Vortragsreise nach England.

Das achtzehnte Bild von Lawrence, eines der stärksten des Zyklus, zeigt Douglass als Redner. Die zu einem Block zusammengepressten Weißen folgen ihm mit aufgerissenen Augen, obwohl sie mutmaßlich alle schon Gegner der Sklaverei sind. Mit der ausgestreckten Linken weist der Redner in die rechte obere Ecke. Nach der konventionellen Logik des grafischen Erzählens müsste dort das gelobte Land der Freiheit liegen. Der Zeigefinger von Frederick Douglass lenkt unsere Aufmerksamkeit aber bis heute auf das Gegenteil.

In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstags der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.

Gesamten Artikel lesen