Auffällige WM-Treter: Sind so pinke Schuhe

vor 2 Stunden 1

Schließt man für einen Moment bei einem Spiel der deutschen Mannschaft die Augen, nur ganz kurz natürlich, damit man nichts verpasst, ziehen sich die pinken Schuhe der Nationalelf noch Mikrosekunden lang wie kleine Blitze über die Retina. Seit den legendären pinken Trikots der Europameisterschaft 2024 wird die Farbe inzwischen – nach anfänglichen Kritikastereien – als Ausdruck einer jungen und modebewussten Mannschaft wahrgenommen.

Abgesehen davon, dass die Farbe sich kontrastreich gut vom Grün abhebt und möglicherweise sogar immer noch für einen kurzen Irritationsmoment als lange Jahre undenkbare, weil scheinbar zart-weibliche Farbe an einem strammen Männerbein beim Gegner sorgt, gilt es, ein tief verankertes Vorurteil so kaltblütig wie Deniz Undav aus dem Weg zu schießen: Das auffällige Pink war in der Kulturgeschichte keinesfalls dem weiblichen Geschlecht vorbehalten. Schon in der Farbpsychologie wird dem Rosé seit jeher eine spannungsreiche Wirkung zugesprochen. Die genderstupide Einteilung in „Rosa für Mädchen, Hellblau für die Buben“ entstammt jedenfalls erst der Barbie-Ära der Fünfzigerjahre. Noch um 1900 trugen Knaben selbst beim Modellstehen für Porträtfotografien durchaus oft roséfarbene Mädchenkleider, im 19. Jahrhundert schätzten beide Geschlechter Rosa sehr als „kleines Rot“.

Im Rokoko trug der echte Mann Rosa

Noch einmal hundert Jahre zuvor, in der Zeit des Rokoko, galt Rosa sogar als männlichste Farbe überhaupt. Die waffenstarrenden Arsenale der Städte waren häufig in dieser Farbe gestrichen; glücklicherweise wurde das Berliner Zeughaus, heute Sitz des Deutschen Historischen Museums, im Zuge seiner Generalsanierung in der alten originalen Farbigkeit des 18. Jahrhunderts wiederhergestellt. Niemand, der im Hof des Zeughauses je die von Andreas Schlüter geschaffenen 22 steinernen Häupter sterbender Krieger gesehen hat, wird behaupten wollen, das roséfarbene Zeughaus wirke in irgendeiner Weise unmännlich.

 Das originale Outfit des künftigen Zaren Alexander I. von Russland in der Ausstellung „Manga Royals“ in der Königlichen Rüstkammer StockholmPink regiert: Das originale Outfit des künftigen Zaren Alexander I. von Russland in der Ausstellung „Manga Royals“ in der Königlichen Rüstkammer StockholmLivrustkammaren

Ebenso finden sich in Berlin und Potsdam in den Museen und in Sanssouci gleich mehrere Porträts des Heerführers Friedrich des Großen, die ihn in Altrosa zeigen, vor allem in langen Seidenstrümpfen in dieser Farbe und ebensolchen Schuhen, da er unendlich stolz auf seine strammen Waden war. Auch in Wien kleidete sich jemand wie Mozart gern von Kopf und Fuß in der virilen Farbe, wobei das Satin zusätzlich edel mit Silberbrokat abgesetzt war.

Und selbst im fernen und kalten Moskau – das Klischee wähnt dort am allerwenigsten verweichlichte Kerle – trug der jung-sportliche Alexander I. im Jahr 1786 helles Rosé, bevor er 1801 Russlands Zar wurde. Die leuchtende Kleidung hat sich wie durch ein Wunder bis heute in der Königlichen Rüstkammer in Stockholm erhalten. Selbst der knackige Gott Apoll als Mannschaftsführer der in Unterzahl spielenden neun Musen schwebt auf Tiepolos Würzburger Residenzfresko aus einem in großen Teilen pinken Himmel herab.

 Hier die Schuhe von Portugals Cristiano Ronaldo im Spiel gegen UsbekistanAuch andere Mannschaften zeigen bei dieser WM Pink: Hier die Schuhe von Portugals Cristiano Ronaldo im Spiel gegen UsbekistanReuters

Auch viele moderne Künstler, deren vorrangiges Medium der Mitteilung die Farbe ist, wussten und wissen um diese lange Vorgeschichte des Rosa und spielen damit ironisch oder hintergründig. Ende der Sechzigerjahre schwenkt Philip Guston in New York von komplett schwarzen und abstrakten Gemälden um auf karikaturhafte Bilder von Ku-Klux-Klansmen in Baumwollkutten, die aber unter dem scheinbar überlegenen Weiß der vorgeblichen Herrenmenschen eine roséfarbene Untermalung durchscheinen lassen.

Im Medium der Fotografie ist die 1987 geborene Sanne de Wilde die Spielführerin von Team Rosa. Auf einem entlegenen mikronesischen Atoll im Pazifik mit sehr vielen Farbenblinden hat sie sich 2017 für ihre Publikation „The Island of the Colorblind“ gefragt, wie sich wohl die Wahrnehmung der Welt für Menschen mit Achromatopsie darstellt. Sanne de Wildes Antwort: Sie tönte alle Bilder, sämtliche Alltagsbeobachtungen bis hin zu den Fußballspielen der Jugendlichen, in intensives Pink, da diese retinale Farbe am stärksten der Weltwahrnehmungsschilderung der farbenblinden Insulaner entsprach.

F.A.Z.

Damit ist das Umdribbeln der kulturgeschichtlichen Wahrnehmung rosafarbener Accessoires damals wie heute auf das Spielfeld der Tatsachen zurückgeführt: Wie bei Tiepolo das Pink auch Licht zu verkörpern vermag, wünscht man sich für die weiteren Spiele der Deutschen, dass die pinken Schuhe an ihren Füßen sie nicht nur blitzschnell wie Licht, sondern auch mächtig torgefährlich machen.

In der WM-Kolumne „Freistoß“ beleuchten wir die Welt des Fußballs aus feuilletonistischer Sicht.

Gesamten Artikel lesen