Am Ende dieses einen langen Tages, als alles vorbei und alle geschafft sind, steht die Küchenmannschaft des Restaurants „The Bear“ am Hintereingang. Es wird geraucht – obwohl Vizechefkoch Carmen Berzatto sich dies in den Staffeln zuvor mühsam abgewöhnt hatte. Es wird geraucht, als wäre es das Wichtigste, den eigenen Atem sehen zu können, als Indikator dafür, dass man noch lebt.
Die Kamera steht (geradezu stellvertretend für den Zuschauer) ungewohnt weit weg. Für einen kurzen Moment leuchtet Da Vincis „Das Abendmahl“ zwischen den Bildern hervor. Nur dass der Verrat hier umgekehrt gewissermaßen schon präventiv an den Jüngern begangen worden ist. Aus Liebe natürlich.
Menschen, die fehlenden Zutaten hinterhertelefonieren
Die fünfte Staffel von „The Bear“ knüpft (auch zeitlich) direkt an die letzte Folge der vorangegangenen Staffel an. Die Zeichen stehen auf Untergang, Zeit und Geld sind bei der Unternehmung „Bear“ immer noch knapp. Sintflutartiger Regen fällt auf ein Chicago, das in den ersten Minuten inszeniert wird, als sähen wir gleich Replikanten, die durch die engen Gassen eines neuen „Blade Runner“-Films gejagt werden – anstelle von chronisch angespannten Menschen, die fehlenden Zutaten hinterhertelefonieren.
Neu ist in dieser fünften Iteration der Küchenschlacht, die ganz aufs Wesentliche reduziert ist (keine Rückblenden, kaum private Szenen), nichts. Sehen will man es trotzdem. Schließlich hat das Kamerateam um Andrew Wehde, Adam Newport-Berra und Chloe Weaver in den vergangenen Staffeln meisterhaft dafür gesorgt, dass der Zuschauer nicht nur nah dran, sondern Teil des Geschehens, Teil des Teams ist. Denn oft bewegt sich die Kamera auf Augenhöhe, fängt den Blick der Figuren ein. Dann wiederum pfeffert der Schnitt seinem Publikum Details – angerichtete Teller, brutzelndes Fett auf dem Rand einer Pfanne, Ausschnitte der Reservierungssoftware – um die Ohren, als handele es sich um eigens Erlebtes.

Diese Immersion drückt sich auch darin aus, dass man die meisten Figuren regelrecht vermisst hat. Als Zuschauer erinnert man sich verschwommen, mit ihnen gelitten und gelacht zu haben. Vielleicht auch, weil einem die als sehr amerikanisch erscheinenden Kommunikationsgepflogenheiten so fremd sind.
Die letzte Staffel, die einen einzigen Tag im „Bear“ erzählt, hat, wenngleich die filmische Ausführung fesselt, erzählerisch die Qualität eines Shonen-Anime, in dem die Helden erst einmal so lange von einem scheinbar übermächtigen Gegner verdroschen werden, bis sie scheinbar ohne Aussicht auf Rettung am Boden liegen: In der Zeit, die dem Zuschauer und den „Bären“ gegeben ist (beides läuft in den sieben meist etwa halbstündigen Folgen fast parallel), passiert, was passieren kann. Reservierungschaos, Versorgungschaos, Personalchaos, Infrastrukturchaos, Gefühlschaos – es fehlt eigentlich nur noch Godzilla.
Natürlich stellt sich eine gewisse Genervtheit ein, weil das Unterfangen wieder mal Gefahr läuft, zu einem gut vierstündigen American-Pep-Talk-Potpourri („aus Kollaboration entsteht Jazz“) zu degenerieren. Was für manchen die Workout-Songlist im Fitnessstudio, so scheint es, das ist „The Bear“ für das Leben, irgendwo zwischen Dienen und Herrschen.
Doch dann begreift man, dass man es mit einer Superhelden-Serie zu tun hat, mit Fernsehen. „Ich würde dich eine Pussy nennen, aber das verdienst du nicht“, sagt die unverwüstliche Sydney (souverän dominierender Star der Serie: Ayo Edebiri) zu Neil Fak (Matty Matheson). Und das zeigt: Nicht nur schaffen es die meisten Teammitglieder, angesichts der perfekten Katastrophenlage Humor, Teamgeist und Respekt zu bewahren, sie bewältigen auch Stresslevel, die vermutlich selbst routinierte Neurochirurgen zum Weinen gebracht hätten. Nur dass Tränen hier stets hektisch weggeatmet werden.
Gastronomie ist Knochenarbeit. Was die Serie aber nicht vergisst – und auch hier blitzt das Heldenhafte in einer durchaus realen Form durch –, ist, zu zeigen, wie sehr die Arbeit all derer, die in der Gastronomie tätig sind, dazu beiträgt, eine Gesellschaft zusammenzuhalten. Und wenn sie nur dem allseitigen sozialen Unvermögen ein Glas Bier zur Seite stellt, an dem man sich festhalten kann, während man versucht, sich und andere in Welt und Zeit zu verorten.
Die finale Staffel von „The Bear“ startet bei Disney+.

vor 1 Stunde
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