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Den Widerspruch debattieren
Vielleicht geht es Ihnen wie mir, ich vermeide die Auseinandersetzung mit dem Thema Organspende. In Deutschland warten mehr als 8000 Menschen auf ein Spenderorgan, in den meisten Fällen auf eine Niere. Zuletzt sind die Spenderzahlen gestiegen, aber nicht genug. Mich berühren die Geschichten über wartende oder gerettete Menschen stets sehr. Zum Beispiel diese hier . Und doch handele ich nicht.
Organspendeausweis: »Nur nach festgestelltem Hirntod«
Foto: Michael Kappeler / dpaWas tun? Seit Jahren wird in Deutschland über die Einführung einer sogenannten Widerspruchslösung diskutiert: Jeder Erwachsene wäre im Todesfall Organspender, wenn er nicht zuvor explizit widersprochen und dies dokumentiert hätte. Die Organspende würde der Normalfall. Bisher aber gilt: Wer nach dem Tod Organe oder Gewebe spenden möchte, kann dies zu Lebzeiten etwa über einen Spenderausweis festlegen.
Heute debattiert der Bundestag über das Thema, weil eine fraktionsübergreifende Gruppe von Abgeordneten aus Union, SPD, Grünen und Linken erneut einen Anlauf zur Widerspruchslösung unternimmt. Zuletzt hatte der Bundestag im Jahr 2020 einen solchen Antrag abgelehnt. Abgestimmt wird heute allerdings nicht.
Meine Kollegin Milena Hassenkamp, die sich bei uns im Hauptstadtbüro mit dem Thema beschäftigt, wünscht sich die rasche Einführung einer Widerspruchslösung: »Sie kann allerdings nur ein erster Schritt sein«, meint Milena. Denn wenn es mehr Organspenden geben solle, müsse auch debattiert werden, zu welchem Zeitpunkt ein Mensch als tot gilt: »Derzeit dürfen Organe nur nach dem festgestellten Hirntod entnommen werden. Wir müssen darüber sprechen, ob auch der Herzstillstand über zehn Minuten ausreicht.«
Rente reformieren, Ecuador schlagen
Friedrich Merz wirkt wie aufgepumpt. Gestern im Bundestag feierte er den Rentenkompromiss seiner Koalition: »Wirklich weitreichende Reformvorschläge zur dauerhaften Stabilisierung unserer Alterssicherungssysteme.« Am Tag davor hatte er sich schon gemeinsam mit SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas stolz wie Bolle gezeigt. »Genial«, sagte Merz. »Gesamtkunstwerk«, meinte Bas.
Miroslav Klose nach seinem ersten Tor gegen Ecuador, im Juni 2006
Foto: SHAUN BEST/ REUTERSKann aus diesem Durchbruch für die eben noch von Selbstzweifeln geplagte Koalition etwas Größeres entstehen? Da Fußballvergleiche in diesen Tagen aus Gründen wieder schwer in Mode sind, fragen wir mal so: Läuft die Regierung künftig als Eintracht Schwarz-Rot auf?
Bei meinem Kollegen Jörn Meyn aus dem Sportressort habe ich neulich diesen treffenden Kommentar zur deutschen Fußballnationalmannschaft gelesen. In dem Spiel gegen die Elfenbeinküste, bei dem sich die Deutschen nach einem 0:1-Rückstand schließlich ein 2:1 erkämpften, erkennt Jörn die Geburt einer Mannschaft: Es gibt Spiele, »deren Wirkmacht nach innen und außen so groß ist, dass sie alles verändern können: das Selbstbild und die Wahrnehmung durch das Publikum«, schreibt Jörn. Geschieht exakt das gerade mit der Bundesregierung? Mal abwarten. (Lesen Sie hier mehr zum Zustand der Koalition).
Denn nach der Rente ist vor den Streitthemen Sozialstaat, Gesundheit, Arbeitsmarkt, Steuern. Und dann ist da ja auch noch Mecklenburg-Vorpommerns SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, wie meine Kollegin Sophie Garbe hier und hier beschrieben hat. Schwesig kämpft erstens in Schwerin um ihr Amt und zweitens womöglich um ihren künftigen Einfluss in der SPD. Jedenfalls erklärte sie mit Blick auf die Rente trocken: »Ich bin nicht der Meinung des Kanzlers, dass diese Vorschläge eins zu eins umgesetzt werden müssen.« Zwietracht Schwarz-Rot? Mal abwarten.
Die Nationalmannschaft ihrerseits trifft heute Abend in ihrem letzten Vorrundenspiel bei der WM auf Ecuador. Schöne Parallele: Vor 20 Jahren standen die Deutschen bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land schon einmal Ecuador gegenüber, ebenfalls im letzten Vorrundenspiel. Der Fußballer Miroslav Klose machte zwei Tore, Lukas Podolski legte noch eins nach, Endstand 3:0.
Nach dem Spiel und damit dem Erreichen der K.-o.-Phase der WM sagte dann der Philosoph Miroslav Klose: »Jetzt fängt es wieder von null an. Wir müssen von Spiel zu Spiel denken, aber wir haben noch Großes vor bei diesem Turnier.«
Stimmte damals, stimmt heute.
Und sonst bei der WM? Alles Wichtige erfahren Sie hier im Newsblog .
Die Nichtregierungsorganisation
Es ist recht absehbar, dass die Linkspartei in den kommenden Monaten dringend gebraucht werden wird. Dann nämlich, wenn sie – auf welche Art und Weise auch immer – mit der CDU kooperieren muss, um eine Regierung jenseits der AfD zu ermöglichen und die extreme Rechte von der Macht fernzuhalten. Da könnte die Linke dann mal in der Praxis beweisen, dass sie tatsächlich die antifaschistische Partei ist, als die sie sich in der Theorie so gern selbst feiert.
Luigi Pantisano auf dem Linken-Parteitag in Potsdam
Foto: dts Nachrichtenagentur / IMAGODoch ausgerechnet jetzt, wo es um die Verteidigung von Republik und Demokratie geht, droht sie auszufallen. Ihr Antisemitismusproblem etwa hat die Linke auch auf dem Parteitag am vergangenen Wochenende nicht abstellen können. Gut 30 Prozent der Delegierten stimmten einem Antrag zu, der das Existenzrecht Israels infrage stellt. Und dann ist da der neue Parteichef Luigi Pantisano aus Baden-Württemberg, der via »Bild« die CDU mit Faschisten gleichsetzte. Grob geschichtsvergessen ist das, oder einfach: dumm. Pantisano brauchte drei Tage, bis er sich dafür entschuldigte. So kann man nicht (mit)regieren.
Manche Linke verstehen die Welt nicht mehr, besonders jene aus dem Osten. Meine Kollegin Anna Reimann hat mit der Bundestagsabgeordneten Mandy Eißing gesprochen. Eißing stammt aus Thüringen, arbeitete zuvor als Friseurin. »Es ist eine Katastrophe, wenn wir den Faschismus-Begriff so aushöhlen und falsch benutzen«, sagt Eißing in dem Interview mit Anna (mehr hier ). Sie wolle im Osten »auf Augenhöhe wahrgenommen werden«, für soziale Inhalte und »nicht als linke Spinnerin«. Und noch etwas sagt Eißing, was der Parteiführung in Berlin zu denken geben sollte: »Mit dem von Pantisano eingeschlagenen Weg wird die Rückeroberung der Arbeiter im Osten ganz sicher nicht funktionieren.«
Die ganze Geschichte hier: Er beleidigte die CDU. Doch seine Fans wollen mehr
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Verliererin des Tages …
... ist die Gemeinschaft der E5. Das ist im Diplomaten-Sprech das Quintett der mächtigen europäischen Staaten Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Polen. Gestern Abend hatte Friedrich Merz seine E5-Amtskollegen zu Besuch im Kanzleramt, man traf sich zur Vorbereitung des nahenden Nato-Gipfels und beriet endlich mal wieder die Frage, wie Donald Trump einzuhegen sei.
Präsident Macron, Kanzler Merz, Ministerpräsidentin Meloni, Premier Starmer im Kanzleramt
Foto: Ebrahim Noroozi / APDoch während es Merz noch mit markigen Ansagen versuchte, wie meine Kollegin Marina Kormbaki berichtet, wurde nur allzu offensichtlich, wie angeschlagen die Gruppe ist. So illustriert das plötzliche politische Ende des britischen Premiers Keir Starmer »die Krisenanfälligkeit Europas«. Starmer sei unter den an diesem Abend in Berlin zusammengekommenen Spitzenpolitikern das deutlichste Beispiel dafür, aber nicht das einzige, schreibt Marina: »Macron taumelt angeschlagen dem Ende seiner Amtszeit entgegen, Tusk ist ein Getriebener der polnischen Rechtskonservativen und der Kanzler, tja, muss jetzt, mit der geplanten Rentenreform, darauf hoffen, dass ihm die Deutschen eine zweite Chance geben.« Siehe oben.
Mehr zum Thema: Wie Merz und die Europäer versuchen, Trump zu beeindrucken
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Zwei starke Erdbeben erschüttern Venezuela: Zwei heftige Erdbeben haben schwere Schäden an Gebäuden in Venezuela verursacht. Laut der US-Erdbebenwarte USGS sind viele Opfer zu befürchten. Die Regierung hat den Notstand ausgerufen.
Trump legt sich mit der eigenen Partei an – Senator berichtet von lautstarkem Streit: Im Disput um ein verschärftes Wahlrecht erpresst Donald Trump seine Republikaner. Er will ein anderes Gesetz so lange blockieren, bis er seinen Willen bekommt. Ein Mittagessen mit Senatoren aus den eigenen Reihen ist nun eskaliert.
Marine stopft Risse am Wrack der 1999 untergegangenen »Erika«: Vor rund 26 Jahren ist der Tanker »Erika« vor der Bretagne gesunken – mit katastrophalen Folgen für die Umwelt. Noch immer lagert Schweröl in den Wrackteilen. Nun wurde ein schwieriger Einsatz in der Tiefe nötig.
Heute bei SPIEGEL Extra: Wie gefährlich Süßstoffe wie Aspartam wirklich sind
[M] DER SPIEGEL; Foto: Hanna Lenz, YAY Images / IMAGO
Sie sollen das Mikrobiom verändern, zu Heißhunger führen oder sogar krebserregend sein: Sind Zuckeralternativen wie Aspartam wirklich so schlecht wie ihr Ruf? Das sagt der Ernährungswissenschaftler .
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.
Ihr Sebastian Fischer, Autor im SPIEGEL-Hauptstadtbüro

vor 2 Stunden
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