Neuer Literatur-Newsletter: Wie kann der Bachmann-Preis gutes Fernsehen sein?

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Es gibt ja zwei Arten von Menschen. Die einen haben 0 ungelesene Mails am Ende eines Tages. Die anderen 38.718. Ich gehöre zu den Letzteren. (Die Zahl ist echt, es tut mir leid.) Egal, zu welcher Sorte Sie gehören: Ab jetzt gibt es eine Mail mehr, die in Ihrem Postfach landet und die Sie hoffentlich sofort lesen, in der U-Bahn, im Bett, auf dem Klo, immer dann also, wenn Sie eigentlich ein Buch in der Hand halten sollten. Ab sofort gibt es unseren neuen SPIEGEL-Newsletter Literatur & Bestseller, persönlich geschrieben von Redakteurinnen und Autoren des Kultur-Ressorts. Das hier ist die erste Ausgabe, Sie können Ihn hier abonnieren.

Sie denken jetzt vielleicht: Ist das nicht ein wenig spät? Sind Newsletter nicht schon wieder … vorbei? Warten Sie's ab. Wir machen es wie in der akademischen Literaturwissenschaft: Erst mal schauen, was Bestand hat, bevor man es zum Klassiker ausruft. Hat sich rausgestellt: Der Newsletter als Format ist einfach spitze. Dieser hier verbindet das Persönliche mit dem Analytischen, das Schwierige mit dem Leichten. Sie werden in die hintersten Winkel des Literaturbetriebs geführt und bekommen exklusive Mini-Interviews von angesagten Autorinnen und Autoren. Sie werden schlauer sein, wenn Sie ihn lesen, und besser gelaunt.

Ein Glück, dass zum Start jetzt der Bachmann-Preis ansteht. Diese Mischung aus öffentlich-rechtlicher Steifheit (das Ganze wird drei Tage lang live auf 3sat übertragen) und vogelwilder Gegenwartsdiagnose eignet sich perfekt für den ersten Aufschlag. Zudem wäre dieses Jahr die Namensgeberin dieses Literaturevents, Ingeborg Bachmann, 100 Jahre alt geworden. Wer wissen will, wo die deutschsprachige Literatur gerade steht, was die Themen sind (schreibt man noch über Traumata?) und wie Erfolg versprechende junge Intellektuelle im Jahr 2026 aussehen (sind die Hosen noch weit, oder schon wieder enger?) darf den Bachmann-Preis nicht verpassen. 14 Autorinnen und Autoren werden live gegeneinander anlesen und sich ebenso live von einer Jury auseinandernehmen lassen. Am Ende gewinnt vor allem das Publikum.

Los geht es Donnerstag. Einstimmen können Sie sich mit den traditionellen »Vorstellungsvideos« , bei denen jeder Teilnehmer ein Video ÜBER SICH SELBST machen muss. Eine Vorstellung, die derart absurd ist, dass es Absicht beim betreffenden Senderverantwortlichen gewesen sein muss, damit eine besonders perfide Kunstform zu entwickeln. Es sind auch dieses Jahr herrliche Stücke dabei, vom klassischen Neuschriftstellerpathos (»In den letzten anderthalb Jahren habe ich sehr angefangen mich für Zeit zu interessieren«) über die zumindest versuchte ironische Brechung (»Hat noch einen Milchzahn«) bis zum bürokratisierten Literaturbeamtentum (»Da geht es natürlich auch sehr stark um die Auseinandersetzung mit Normen und mit Regelwerken«).

Damit Sie mitreden können, geben ich unten noch ein paar Small-Talk-Hinweise. In zwei Wochen gibt es den nächsten Newsletter meiner Kollegen. Wir meinen das jetzt ernst.

... den Bachmann-Preis

  1. Nicht jeder hat ja die Zeit, knapp 20 Stunden lang fernzusehen, wochentags. Und Nachwuchsliteratur ist auch nicht die Fußball-WM. Verstehe ich, zähneknirschend. Falls Sie trotzdem mitreden wollen, wenn Ihre klugen Freunde darüber sprechen: Sagen Sie einfach, dass Kastbergers T-Shirts immer lustiger werden. Klaus Kastberger ist einer der Juroren, und weil sich seine Motto-Shirts erstaunlicher Beliebtheit erfreuen, wird Ihnen niemand widersprechen.

  2. Beschweren Sie sich (mit einem beschwipsten Grinsen, nicht zu ernst gemeint), dass es in Deutschland kein Soda-Zitron gibt, warum nicht, das kann doch nicht sein, warum können das die Österreicher und wir nicht?! Nicht so wichtig, ob Sie das schon einmal getrunken haben. Wer weiß, was Soda-Zitron ist, wird eh zustimmen. Und wer es nicht weiß, wird sich nicht outen wollen.

  3. Wenn Sie Lust auf Kontroverses haben: Verweisen Sie auf den Artikel, der neulich unter der Überschrift »Die Schreibkrise des Mannes« in der »Zeit« erschienen ist . Und merken Sie an, dass dieses Jahr in Klagenfurt zehn Autorinnen und vier Autoren eingeladen wurden. Verwenden Sie unbedingt das Wort »Heterofatalismus«, ziehen Sie sich dann aber langsam zurück und beobachten, wie die anderen übereinander herfallen.

Die große Literaturgeschichte

Feminismus? More like Existenzialismus!

Autorin Jacqueline Harpman

Autorin Jacqueline Harpman

Foto:

Philippe Matsas / Opale Photo / IMAGO

Bei mir persönlich lösen die Worte »Hype« oder »BookTok« mittlerweile Abwehrreflexe aus. Bei meiner Kollegin Anna Weiß Gott sei Dank nicht. Sie hat sich damit beschäftigt, ob das vor über 30 Jahren erschienene Buch »Ich, die ich Männer nicht kannte« der Belgierin Jacqueline Harpman wirklich verspricht, was zu halten die Marketing-Abteilungen der Verlage vorgeben. Spoiler: Tut es nicht. Gut ist es trotzdem.

Der literarische Steckbrief mit ... Dana von Suffrin

Dana von Suffrin

Dana von Suffrin

Foto: Gunter Gluecklich / laif

Was ist das Buch Ihres Lebens?
Das Tollste an Büchern ist, dass sie, je nachdem, wo wir uns gerade befinden im Leben, ganz verschieden zu uns sprechen: Manchmal erkenne ich ein Buch, das ich nach ein paar Jahren wieder lesen will, kaum noch, weil ich es ganz anderes in Erinnerung hatte. Es gibt trotzdem ein Buch, von dem ich seit viele Jahren besessen bin: Ich kenne keinen Roman, der so viel Leben enthält wie Benny Barbaschs »Mein erster Sony», ein Israel-Roman aus den 1990er-Jahren. »Mein erster Sony« liegt seit Jahren auf meinem Schreibtisch, und ich blättere ständig darin herum.

Und welches liegt gerade oben auf Ihrem Nachttisch?
Yade Yasemin Önder: »Anti Müller«.

Welches Buch wird gerade zu viel diskutiert?
Beinahe jedes schnell gestrickte Mode-Sachbuch. Ich glaube, am meisten leide ich unter Philosophinnen und Philosophen in Deutschland.

Und welches zu wenig?
Ich suche immer noch nach jemandem, mit dem ich über den absolut hinreißenden, tragischen Helden in Krasznahorkais »Zsömle ist weg« und dessen sympathische kulinarische Vorlieben sprechen kann, bitte melden.

An wen haben Sie die letzte WhatsApp-Nachricht geschrieben – und wie lautet sie?
Ich will ja nicht lügen: Ich habe meiner österreichischen Kollegin Anna Neata ein Selfie von mir auf der ICE-Toilette geschickt – damit sie sieht, was wir in Deutschland jetzt für schöne, neue Waschräume haben, ganz ohne aufgeklebte Orchideen an den Spiegeln.

Von Dana von Suffrin erschien gerade der Roman »Toxibaby« bei Kiepenheuer & Witsch. Direkt im SPIEGEL Shop bestellen.

»Ich habe einen Mann gekannt, der hieß Hans, und er war anders als alle anderen. Noch einen kannte ich, der war auch anders als alle anderen. Dann einen, der war ganz anders als alle anderen und er hieß Hans, ich liebte ihn.«

Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann wäre diese Woche 100 Jahre alt geworden. Es erscheinen Biografien, ein Kinofilm, überall wird über sie geredet. Ich lese ihren ersten Erzählungsband, »Das dreißigste Jahr« noch einmal. Dieser Satz aus der Erzählung »Undine geht« ist furchtbar komisch und furchtbar traurig zugleich. Klingt fast wie Heterofatalismus avant la lettre.

Die aktuelle SPIEGEL-Bestsellerliste

Foto: Heyne

Platz 2, Belletristik Hardcover: Eine Frau verdient ihr Geld auf Instagram, indem sie so tut, als lebte sie im 19. Jahrhundert. Dann wacht sie auf: im 19. Jahrhundert. Guter Plot-Twist. Das merkte auch Anne Hathaway, die sich die Filmrechte schon sicherte, bevor das Buch überhaupt erschienen war. »Yesteryear« von der amerikanischen Autorin Caro Claire Burke ist der erste große Tradwife-Roman, und damit das Buch, über das gerade alle reden. Ich frage mich, ob in Verlagskonferenzen mittlerweile vielleicht zu sehr gedacht wird wie in Feuilletonkonferenzen. Nichts gegen Feuilletonkonferenzen. Liebe ich. Aber eigentlich ist das doch das Schöne an der Buchwelt: dass dort alles ein klein bisschen langsamer und verschobener zugeht. Muss wirklich jedem Trend gleich ein Roman gewidmet werden? Dafür sind wir Journalisten doch da! Was kommt nächstes Jahr: Der erste große Heterofatalismus-Roman? Wobei, den hat Ingeborg Bachmann vielleicht schon geschrieben.

Belletristik Hardcover:

1. Fünf, sechs, sieben, acht · 1. Woche
Ewald Arenz · DuMont · € 25,00

2. Yesteryear · 8. Woche
Caro Claire Burke · Heyne · € 24,00

3. Die Straße · 8. Woche
Robert Seethaler · Claassen · € 25,00

4. Die Riesinnen · 17. Woche
Hannah Häffner · Penguin · € 24,00

5. Lázár · 32. Woche
Nelio Biedermann · Rowohlt Berlin · € 24,00

6. Die Mitternachtsreise · 5. Woche
Matt Haig · Droemer · € 24,00

7. Pause · 6. Woche
Lena Kupke · dtv · € 23,00

8. Pina fällt aus · 12. Woche
Vera Zischke · List · € 21,99

9. Guten Morgen, schönes Wetter heute · 1. Woche
Tanja Kokoska · dtv · € 23,00

10. Wenn die Kraniche nach Süden ziehen · 22. Woche
Lisa Ridzén · btb · € 24,00

Sachbuch Hardcover:

1. Dear Britain · 6. Woche
Annette Dittert · DuMont · € 24,00

2. Träume aus Feuer · 3. Woche
Florian Illies · Pfaueninsel · € 20,00

3. Bückbürgertum · 1. Woche
Ulf Poschardt · Westend · € 27,00

4. Alt genug · 17. Woche
Ildikó von Kürthy · Ullstein · € 22,99

5. Nein sagen · 15. Woche
Matthias Brandt · KiWi · € 16,00

6. Du bist nicht allein · 5. Woche
Jan Fleischhauer · DVA · € 25,00

7. Dreihundert Männer · 9. Woche
Konstantin Richter · Suhrkamp · € 30,00

8. Die Geschichte in mir · 8. Woche
Rüdiger von Fritsch · Siedler · € 26,00

9. Bakterien. Die heimlichen Helden · 7. Woche
Peter Wohlleben · Malik · € 23,00

10. Magnifica humanitas · 1. Woche
Papst Leo XIV. · Herder · € 16,00

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