Netflix-Serie „Unfamiliar“: Die Spione lassen bitten

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Schaut man die neueren Thriller­angebote der Streamingdienste durch, drängt sich bei den eigenproduzierten Filmen und Serien die Devise auf: egal ob London, Washington oder Nairobi, Hauptsache Agententhriller. Diese Vorliebe muss nicht verwundern, hat das Genre doch viele Vorteile. So ermöglicht es auf der Grundlage höchst diverser Ensembles die wildesten Plot-Twists; Lügen und Verstellungen schaukeln sich permanent hoch, denn es geht um Leben und Tod. Wer enttarnt wird oder nicht überzeugend performt, ist raus aus dem Spiel. Zumindest im Kleinen kann das jeder Arbeitnehmer im Kapitalismus nachvollziehen.

London ist bei den Agentenfilmen schon seit Jahren der mit Abstand beliebteste Schauplatz, dabei hat auch Berlin einiges zu bieten, nicht zuletzt den Nimbus als einstige Hauptstadt der Spione. An der Baumasse muss man stellenweise nur ein wenig kratzen, schon lugt der Kalte Krieg hervor, und kein Zuschauer staunt darüber, wenn sich BND, russischer Militärnachrichtendienst (GRU) und ausländische Söldner die Klinke in die Hand geben.

Wer ist der Maulwurf der Russen beim BND?

In der neuen Serie „Unfamiliar“, der, wenn wir richtig mitgezählt haben, zweiten deutschen Netflix-Produktion im Agentengenre (die erste war „Kleo“ mit Jella Haase als Ex-DDR-Agentin auf Rachefeldzug), ist Berlin fast ausschließlich dunkel und neblig. In der ersten Szene schießt sich ein junger Mann, gespielt von Aaron Altaras, auf einer finsteren Parkbank ins Knie, nachdem er sich zuvor einen Transponder aus dem Bauch entfernt hat. Mit der Behauptung, er sei überfallen worden, ruft er die Anbieter eines sogenannten Safehouse, einer konspirativen Wohnung, um Hilfe. Er benötige Notversorgung und müsse untertauchen.

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Seine Gastgeber sind Meret (Susanne Wolff) und Simon Schäfer (Felix Kramer), zwei frühere BND-Agenten, die nach einem missglückten Einsatz in Belarus vor mehr als zehn Jahren für tot erklärt wurden und sich eine zweite Existenz als Restaurantbesitzer in Berlin aufgebaut haben. Das Telefonat ereilt sie auf der Geburtstagsfeier ihrer Tochter, die gerade 16 Jahre alt geworden ist. Unter einem Vorwand schleichen sie sich von der Feier, und da Simon Schäfer nicht nur Ex-Agent und Koch, sondern auch Arzt ist, kann er dem Gast die Kugel entfernen. Aber irgendetwas stimmt mit diesem nicht: An der Einschussstelle finden sich Schmauchspuren – und woher er die wohl gehütete Telefonnummer der beiden hatte, kann er nicht recht erklären. Auf offene Fragen folgen Kugeln. Lautet die Hauptfrage in den ersten drei Folgen „Was ist in Belarus geschehen?“, heißt sie in den letzten dreien: „Wer ist der Maulwurf der Russen in den Reihen des BND?“

Statt „Fuck“ tut es hier auch ein „Oh Mann!“

Typisch deutsch an der Serie ist, dass das Restaurant der Schäfers „The Garden“ heißt. Fast ironisch, dass der Zug der Deutschen Bahn, in den die Schäfers ihre Tochter setzen, um sie aus der Schusslinie zu nehmen, nach der international berüchtigten Aussage „Thank you for travelling . . .“ allem Anschein nach pünktlich abfährt. Immerhin wird in der Serie, wenn etwas schiefläuft, nicht jedes Mal „Fuck“ geschrien, manchmal tut es auch ein gutes altes „Oh Mann!“ Genuschelt wird unter den deutschen Agenten schlimmer als weiland bei Schimanski, weshalb man im Original zuweilen die Untertitel einschalten muss.

Beim Humor setzt die Serie vorwiegend auf Kaltschnäuzigkeit. Fragt Simon seine Frau Meret am Handy, wie es ihr gehe, sagt sie, ach, eigentlich ganz gut, sie stecke nur gerade in einer Verfolgungsjagd. Im Morgengrauen lautet die erste Frage der beiden: „Wollen wir das hochrangige GRU-Mitglied vor oder nach dem Frühstück umbringen?“ Vertan wird die ­Chance, die humoristische Seite Henry Hübchens hervorzukitzeln, der den früheren Vorgesetzten der beiden spielt. Was in solch einer Rolle alles stecken kann, sieht man in der Serie „Slow Horses“ bei Apple TV, in der Gary Oldman als MI5-Legende Jackson Lamb brilliert – mit prägender Berlin-Erfahrung übrigens.

Bei der kleinsten Anstrengung sieht man die Adern unter den Augen

Wenn BND-Abteilungsleiter gestelzt daherreden, erinnert die Serie fast an einen mittelmäßigen „Tatort“. Allerdings sind Action und Ausstattung deutlich spektakulärer. Bei Schlägereien treten auch mal Hammer gegen Messer an. Die Besetzung ist gut, wie meistens bei Netflix. Susanne Wolff („Sisi & Ich“) und Felix Kramer („Dogs of Berlin“) müssen nicht viel tun, um Intensität auszustrahlen, ihre Gesichter sind so fein geschnitten, dass man schon bei der kleinsten Anstrengung die Adern unter ihren Augen hervortreten sieht. Samuel Finzi zeigt als russischer Agent Josef Koleev, wie virtuos er auch dumpfe Macht ausstrahlen kann. Selbst für die Nebenrollen hat man hauptfigurenerprobte Schauspieler wie Aaron Altaras („Die Zweiflers“) gewonnen.

Das Drehbuch von Paul Coates hat einige Schwächen. So wirkt die häppchenweise nacherzählte Operation in Belarus recht konstruiert, davon abgesehen, dass die Realität im heutigen Belarus ganz andere Horrorszenarien bereithält. Und in Sachen „Maulwurf“ wirbelt der GRU dermaßen viel Staub auf, dass er den BND geradezu mit der Nase auf das Leck in den eignen Reihen stößt. Wie schon in der vorzüglichen Serie „The Agency“ bei Paramount+ sorgen familiäre und andere Gefühle für zusätzliche Konflikte. „Unfamiliar“ im dramaturgischen Sinne ist die Serie – nach den ersten drei, vorab zu sehenden Folgen – jedoch nicht.

„Unfamiliar“ läuft von Donnerstag an auf Netflix.

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