Entlassungen bei „Washington Post“: Jeff Bezos folgt der Logik der Macht

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Was bei der „Washington Post“ geschieht, sei ein „Blutbad“, wird ein anonymer Mitarbeiter zitiert. Als solches darf man die Vorgänge im übertragenen Sinne wohl bezeichnen. Erst bekam die Belegschaft vom Chefredakteur Matt Murray und dem Personalchef Wayne Connell zu hören, dass rund 300 Leute ihre Papiere bekommen – etwa ein Drittel aller Angestellten – und ganze Ressorts und Büros geschlossen werden. Dann folgte per ­E-Mail die gute oder die schlechte Nachricht: Sie sind noch dabei, Sie sind draußen. Das ist Unternehmensführung schwärzester Art und die Preisgabe dessen, was die „Washington Post“ ausmacht. Die neben der „New York Times“ führende, liberale Zeitung der USA wird zerschlagen.

Buchrezensionen finden die Leser der „Washington Post“ in ihrem Blatt demnächst nicht mehr, den Reporterpodcast bekommen sie nicht mehr zu hören, die ruhmreiche Sportredaktion gibt es nicht mehr, Regionales aus Washington, Maryland und Virginia wird rarer – und Nachrichten aus der Welt gibt es nur noch ansatzweise. Das gesamte Redaktionsteam für den Nahen Osten wurde entlassen, das Korrespondentenbüro in Kairo geschlossen. Gekürzt wird bei den Büros in Berlin und Kiew, die Korrespondenten in Indien und Australien und Reporter in Iran, der Türkei und Lateinamerika verlieren ihre Jobs – von jetzt auf gleich, während sie im Einsatz sind.

„Mitten in einem Kriegsgebiet ist mir gekündigt worden“

Sie sei „gemeinsam mit dem gesamten Team der Nahostkorrespondenten und unseren Redakteuren“ entlassen worden, schreibt die Kairokorrespondentin Claire Parker auf der Plattform X. „Die Logik dahinter“ sei „schwer zu verstehen“. Siobhán O’Grady, die Leiterin der nun aufgelösten Ukraineredaktion in Kiew, schreibt, es sei ihr „eine Ehre“ gewesen, für die Zeitung zu arbeiten. „Mitten in einem Kriegsgebiet“ sei ihr gerade von der „Post“ gekündigt worden, teilt die ­Ukrainekorrespondentin Lizzie Johnson mit. Sie sei „sprachlos“ und „am Boden zerstört“. Die gleichen Worte wählt der Kolumnist Ishaan Tharoor, der in der „Post“ die Kolumne „Today’s Worldview“ verfasste. Der Auslandschef Peter Finn bat angesichts der Massenentlassungen in seiner Abteilung von sich aus um seine Demission. Die Zerschlagung seines Ressorts wollte er Berichten zufolge nicht mitexerzieren.

 das Gedeck für Jeff Bezos für ein Mittagessen anlässlich der Amtseinführung von  Donald Trump.Goldener Löffel: das Gedeck für Jeff Bezos für ein Mittagessen anlässlich der Amtseinführung von  Donald Trump.AFP

Die Entlassungen seien „schmerzhaft, aber notwendig“, sagte der Chefredakteur Matt Murray seinen Leuten, die „Post“ könne „nicht alles für jeden sein“ und müsse sich für das KI-Zeitalter rüsten. Sein Vorgänger Marty Baron, der die Redaktion bis vor fünf Jahren leitete, ordnet das ganz anders ein. Dies sei eine der dunkelsten Stunden in der Geschichte der „Post“, sagte er, „ein Fallbeispiel für eine nahezu sofortige, selbst verschuldete Markenzerstörung“. Man müsse sich, sagte Baron im Public Broadcasting Service (PBS), vor Augen halten, was alles gestrichen werde. Nicht nur der Sport und das Buchressort, sondern „so ziemlich das gesamte Kulturressort“. Es gehe um gewaltige Kürzungen, die „der Fähigkeit der Zeitung, über ihre Gemeinde, das Land und über die Welt in jeder Hinsicht zu berichten, enormen Schaden zufügen“.

2024 folgte der Schwenk

Wie es dazu kam, davon weiß Baron zu berichten. Er war 2013 schon Chefredakteur, als der Amazon-Gründer Jeff Bezos die Zeitung übernahm. Zu Beginn sei Bezos großartig und von der „Post“ begeistert gewesen – und diese von ihm. Er habe investiert, die Leserschaft sei gewachsen, die Zahlen stimmten. Bis 2019. Dann kam Bezos’ Scheidung, Amazon geriet in geschäftliche Schwierigkeiten, und als sich 2024 abzeichnete, dass Donald Trump die Präsidentenwahl gewinnen könnte, folgte der Schwenk: Vorgaben für die Meinungsseite, Bücklinge vor Trump, eine Million Dollar Spende für die Party zur Amtseinführung, jetzt 75 Millionen für den hagiographischen Film „Melania“ – diese Haltung habe die Abonnenten der „Washington Post“ vergrault.

Dass sie je wiederkommen, darf man bezweifeln. Die Zeitung, deren Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein einst den Watergate-Skandal aufdeckten, wird zum Regionalblatt. Mit dem Ethos von Woodward und Bernstein, die Wahrheit ans Licht zu bringen, den Menschen zu berichten, was ihre Regierung macht, was in der Welt geschieht, und hinter die Kulissen zu blicken, gingen die Journalisten der „Post“ auch heute ans Werk, meint der frühere Chefredakteur Baron. Sie wüssten um ihre Aufgabe für die Demokratie. Die zählt für Jeff Bezos, der sich in Sachen „Post“ in Schweigen hüllt und seinen Statthalter, den Herausgeber und CEO William Lewis, machen lässt, augenscheinlich nicht mehr. Er folgt der Logik der Macht. Der kann man eine Zeitung schon mal opfern.

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