Nachwahl in Texas: Trumps Kuss des Todes

vor 1 Tag 1

Eigentlich hätte das alles ziemlich glattlaufen müssen für Leigh Wambsganss. Die Nachwahl für einen Sitz im texanischen Senat, bei der Wambsganss als Kandidatin der Republikaner angetreten war, fand schließlich in einem absolut verlässlich republikanischen Senatswahlbezirk statt. So dachte man jedenfalls – bis zum vergangenen Wochenende.

In dem Bezirk, der vor allem die konservativen Suburbs nördlich der Großstadt Fort Worth abdeckt, hatte Donald Trump bei der Präsidentschaftswahl 2024 noch mit gut 17 Prozentpunkten Vorsprung gewonnen. Wambsganss, eine im wörtlichen Sinne bestens vernetzte Kandidatin, die für die christlich, nationalistische Mobilfunkfirma Patriot Mobile arbeitet und sich auf ihrer Kampagnen-Website als „bewährte konservative Kämpferin“ präsentierte, schien ihrem demokratischen Gegenkandidaten Taylor Rehmet auch sonst weit überlegen zu sein. Rehmet, ein 33 Jahre alter Politik-Neuling, hatte für seinen Wahlkampf gerade einmal 70 000 US-Dollar zu Verfügung. Bei Wambsganss war es in etwa die zehnfache Summe. Sie wurde außerdem vom republikanischen Partei-Establishment in Texas tatkräftig unterstützt, inklusive des Gouverneurs Greg Abbott. Was sollte da also noch schiefgehen?

US-Medien sprechen von einem Schock für die Republikaner

Nun, am vergangenen Freitag, einen Tag von der Wahl, mischte sich dann noch US-Präsident Donald Trump in das Rennen ein. Offenbar wollte er helfen. „Ihr könnt diese Wahl für Leigh gewinnen, sie hat meine komplette und totale Unterstützung“, schrieb er auf Truth Social. Im Nachhinein stellt sich die Frage, ob dies für die Kampagne von Wambsganss womöglich der Kuss des Todes war.

Der Demokrat Rehmet hat diese Nachwahl jedenfalls nicht nur gewonnen. Er siegte mit 14 Prozentpunkten Vorsprung und hat Wambsganss damit regelrecht deklassiert. Die unmittelbaren Reaktionen in US-Medien changierten zwischen einem „Schock“ für die Republikaner und einer „Demütigung“ für Trump.

 Taylor Rehmet hat eine Nachwahl im texanischen Fort Worth für die Demokraten gewonnen.
Überraschungssieger: Taylor Rehmet hat eine Nachwahl im texanischen Fort Worth für die Demokraten gewonnen. (Foto: AP/AP)

Sicherlich kann man auch versuchen, dieses Wahlergebnis vom Gewinner her zu lesen, den noch bis vor wenigen Tagen jenseits von Texas so gut wie niemand kannte. Das hat sich nun schlagartig geändert. Taylor Rehmet, kräftig, vollbärtig, ist ein Veteran der US-Air Force, ein Flugzeugmechaniker und ein Gewerkschaftsaktivist, der in seinem Wahlkampf offensichtlich aus wenigen Möglichkeiten so ziemlich alles gemacht hat. Um die Kulturkampfthemen drehte er einen großen Bogen, stattdessen setzte er sich ein für eine anständige Bezahlung der sogenannten einfachen Leute. In seiner Siegesrede am Samstagabend sagte Rehmet: „Dieser Sieg geht an die hart arbeitende Bevölkerung.“ Das war in einer Zeit, in der sich viele Amerikaner um die weiterhin steigenden Lebenshaltungskosten sorgen, gewiss die richtige Kampagnenstrategie. Aber die hätte Rehmet zu anderen, zu halbwegs normalen Zeiten vermutlich auch nicht zum Sieg verholfen. Nach US-Medienberichten wurde seit den frühen 1980er-Jahren aus dem Wahlbezirk rund um Fort Worth kein Demokrat mehr in den texanischen Senat geschickt.

Im Weißen Haus dürften nun endgültig die Alarmglocken schrillen

Vieles, wenn nicht alles, deutet darauf hin, dass dies keine reine Regionalwahl war, sondern dass auch die allgemeine Stimmungslage im Land eine entscheidende Rolle spielte: vor allem der wachsende Frust über Donald Trump, der bei den Supermarktpreisen nicht wie versprochen liefert und mit seinem Angriff auf Minneapolis inzwischen selbst Teile der eigenen Anhängerschaft zu schockieren scheint. Eine Mehrheit der Amerikaner, zumal in konservativen Gegenden von Texas, ist Umfragen zufolge immer noch für eine härtere Migrationspolitik. Wenn aber die maskierten Truppen von ICE oder der Border Patrol in amerikanische Innenstädte eindringen und dort ohne ersichtlichen Grund Menschen erschießen und wenn dazu die Regierung auch noch so schamlos lügt, dass es nicht einmal die Nutzer von X oder Truth Social glauben wollen, dann geht das vielen republikanischen Wählern offenbar doch zu weit.

Rehmets Erdrutschsieg dürfte jedenfalls im Weißen Haus mit größter Besorgnis zur Kenntnis genommen werden. Denn er zeigt nicht nur, dass die Demokraten plötzlich im Herzland der Republikaner gewinnen können – zur Not auch mit einem politischen Nobody, der praktisch ohne Geld auskommen muss. Es sieht nämlich außerdem so aus, als wäre Trumps Machtwort in diesem Fall eher kontraproduktiv gewesen. Das bedeutet, dass sich die Republikaner bezüglich der Zwischenwahlen 2026 wohl noch deutlich mehr Sorgen machen müssen, als sie es ohnehin schon tun sollten.

Die Demokraten hoffen, im November die Mehrheit der Sitze im Repräsentantenhaus von Washington zurückgewinnen zu können. Und wenn es ganz gut läuft, vielleicht sogar auch die Mehrheit im Senat. Die Botschaft von Fort Worth, Texas, lautet: Diese Hoffnungen sind berechtigt.

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