Scharenweise strömen Kunsttouristen in Mailand in die Pinacoteca di Brera, nur wenige finden ihren Weg in das Museo Poldi Pezzoli. Dabei beherbergt es eine der atemberaubendsten privaten Kunstsammlungen Italiens. Sein Begründer, Graf Gian Giacomo Poldi Pezzoli d’Albertone (1822 bis 1879), stammte aus einer wohlhabenden Mailänder Familie. Er musste keinem Beruf nachgehen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, sondern konnte sich ganz und gar dem Aufbau seiner Kunstkollektion widmen. Später vermachte er seinen gesamten Besitz testamentarisch einer privaten Stiftung, damit die Sammlung, wie er festlegte, „zum öffentlichen Gebrauch und Nutzen auf ewig erhalten bleibt“.
Ein Wohnhaus, dreißig Säle, ein Museum
Im Italienischen nennt man solch eine Institution „casa-museo“, weil sich nach dem Tod des Besitzers die Sammlung weiterhin in dessen Wohnhaus befindet. Auf intime Weise wird dort anschaulich, wie die Kunst Teil der Einrichtung war. Das Museo Poldi Pezzoli mit dreißig Ausstellungssälen wurde schon im Jahr 1881 eröffnet und war weltweit eines der ersten Häuser dieser Art. Es befindet sich in einem Stadtpalast aus dem 17. Jahrhundert, nur wenige Schritte vom Mailänder Dom und dem Teatro alla Scala entfernt.
Der Gründer: Gian Giacomo Poldi Pezzoli d’Albertone, gemalt von Francesco Hayez 1851Museo Poldi PezzoliMit obsessiver Leidenschaft trug der Graf nicht nur Gemälde und Skulpturen, sondern auch Waffen, Rüstungen, Möbel, Wandteppiche, Juwelen, Porzellan, Glas und Keramik sowie Uhren zusammen, insgesamt rund 3000 Objekte. Den Schwerpunkt bildet die italienische Malerei vom 14. bis 18. Jahrhundert. Darunter finden sich Werke so bedeutender Künstler wie Mantegna oder Bellini, della Francesca, Botticelli, Raffael, Tintoretto, Tiepolo, Ribera oder Canaletto. Das berühmteste Werk, das zugleich als „signature work“ des Museums gilt, ist das hinreißende „Porträt einer jungen Dame“ im strengen Profil, das der Florentiner Piero del Pollaiuolo 1470 malte.
Die Uhrensammlung soll die wertvollste Italiens sein. Ein außergewöhnliches Exemplar von 1610 ist die goldene Augsburger Tischuhr mit einer Figur der Diana, die auf einem Triumphwagen sitzt, der von zwei Panthern gezogen wird. Aktiviert man einen Mechanismus, fährt der höchst unterhaltsame Automat auf vier Rädern über den Tisch, die Jagdgöttin rollt ihre Augen hin und her, die Panther springen auf und nieder und bewegen ihre Köpfe, während sich ein kleiner Affe auf dem Rücksitz des Wagens nach rechts und links dreht.
Rinascimento fürs Risorgimento: Blick in einen Saal mit Renaissance-Kunstwerken des Museo Poldi PezzoliMuseo Poldi PezzoliAuf ausgedehnten Reisen durch Italien, Frankreich, England, Deutschland und die Schweiz besuchte der Graf unermüdlich Museen, Kunsthändler und Sammlerkollegen, um sich weiterzubilden und bedeutende Werke aufzuspüren. Er stand im regen Austausch mit Kunstkennern, von denen er sich beim Aufbau seiner Sammlung beraten ließ. Dazu gehörten Giuseppe Molteni, der als Restaurator und Konservator an der Pinacoteca di Brera in Mailand arbeitete, und Giovanni Morelli, der italienische Begründer einer empirischen Kunstwissenschaft, sowie der von Paris aus agierende deutsche Kunsthändler und -vermittler Otto Mündler.
Aus Augsburg: Tischuhr mit Jagdgöttin Diana auf einem Triumphwagen, 1610Museo Poldi PezzoliMit Sir Charles Eastlake, dem ersten Direktor der National Gallery in London, verband Poldi Pezzoli ein enges intellektuelles Verhältnis. Beide interessierten sich besonders für die Malerei der italienischen Renaissance, und der Brite war jedes Jahr zu Gast in Mailand, um sich die neuesten Erwerbungen seines Freundes anzuschauen und mit ihm über Zuschreibungsfragen zu diskutieren.
Mit patriotischen Hintergedanken
Eastlake war nicht nur ein umfassend gebildeter Connaisseur, sondern in Großbritannien auch einer der ersten progressiven Museumsdirektoren: In der National Gallery präsentierte er von 1856 die Exponate mit einem pädagogischen Bildungsauftrag, geordnet nach ihren Herkunftsländern, in chronologischer Reihenfolge und mit kunsthistorischen Informationen. Poldi Pezzoli nahm sich diese Präsentationsform zum Vorbild und strukturierte seine eigenen Säle ebenfalls nach Epochen, Ländern und Stilen.
Berühmtestes Sammlungsstück: „Porträt einer jungen Dame“ von Piero del Pollaiuolo, 1470Museo Poldi PezzoliCharles Eastlake hatte für die National Gallery zwar fast unerschöpfliche Finanzmittel zur Verfügung, sodass er auf dem internationalen Kunstmarkt so gut wie jedes Objekt erwerben konnte, das er haben wollte. Doch mitunter befanden sich er und Poldi Pezzoli bei ihrer Jagd nach hochkarätigen Werken in einem Wettstreit, wenn sie sich für dieselben Bilder interessierten, was ihrer Freundschaft aber keinen Abbruch tat. Im August 1943 wurde die Mailänder Innenstadt von der britischen Royal Air Force bombardiert, was auch an dem Museumsgebäude zu erheblichen Schäden führte. Deshalb ist der alte Charme des Hauses mit seinen Fresken, Damasttapeten, Stuckreliefs und Holzvertäfelungen weitgehend verloren gegangen. Doch die Sammlung konnte gerettet werden und vermittelt heute, wenngleich auch nur noch ansatzweise, wie der Graf mit seinen Schätzen gelebt hat. In der einzigartigen Atmosphäre des Palazzo in Mailand kommen nach Meinung der heutigen Direktion nicht nur das ausgeprägte kunsthistorische Interesse und die große Leidenschaft des Sammlers zum Ausdruck.
Man kann die Vielfalt der Kunstwerke auch als ein politisches Statement interpretieren: Indem Poldi Pezzoli Werke aus unterschiedlichsten italienischen Regionen erwarb, etwa von Malern der emilianischen, lombardischen, toskanischen, umbrischen und venezianischen Schulen, war die Sammlung nach den Worten des Museums „ein Manifest einer kulturellen nationalen Einheit, die der politischen vorausging“. Denn der Graf war Anhänger der italienischen Nationalbewegung und finanzierte 1848 ein ganzes Artilleriekommando, um den Befreiungskampf gegen die Österreicher zu unterstützen.
Erst 1861 und 1870 kam es zur Einheit und Unabhängigkeit des Landes. In seinem Mailänder Schatzhaus war dieses Ideal eines italienischen Nationalstaats in Form einer kulturellen Eintracht verschiedenster Kunstregionen bereits anschaulich verwirklicht. So zumindest lautet die heutige patriotische Lesart der Museumsleitung.

vor 2 Stunden
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