Er habe einen optimistischeren Blick auf Amerika als Margaret Atwood, zitierte die „New York Times“ Volker Schlöndorff 1989. Die politische Prämisse ihres Buches „The Handmaid’s Tale“ habe ihn nicht überzeugt. Atwood, die ihre Version eines alttestamentarisch regierten Amerikas im Schatten der Berliner Mauer während eines Literaturstipendiums in Westberlin entworfen hatte, habe ihn im Gespräch jedoch überzeugen können, wie schnell eine puritanische Stimmung in einem Land umschlagen könnte. Wenig später, 1990, erschien seine „Geschichte der Dienerin“, die erste Verfilmung des dystopischen Stoffes fürs Kino.
Schlöndorffs Version der finsteren Zukunftsvision beginnt verglichen mit der erfolgreichen Serie von 2017 um einiges düsterer und brutaler. Unterlegt von den schaurig-unheilvollen Synthesizerklängen des Filmkomponisten Ryūichi Sakamoto, versucht die Amerikanerin Kate (Natasha Richardson) zusammen mit ihrem Ehemann und der kleinen Tochter nach Kanada zu fliehen. Denn die Vereinigten Staaten sind im Zuge von Unfruchtbarkeit und sinkender Geburtenraten einem frauenverachtenden Gottesstaat gewichen. Im System der Republik Gilead sind fertile Frauen eine wertvolle Ressource, die gnadenlos ausgebeutet wird. So erschießen die Grenzer (anders als in der Serie) Kates Mann, Frau und Kind nehmen sie aber gefangen.
THE HANDMAID’S TALE, 1990, (c) Cinecon International/courtesy Everett CollectionPicture AllianceOberflächlicher Thriller statt Kammerspiel
Danach folgen Szenen, die sich – ebenso wie die graue Betonmauer an der kanadischen Grenze – als Verweis auf die deutsche Geschichte lesen lassen: Hände ragen aus den Luftschlitzen von Viehtransportern, greifen flehend in die Luft; Menschen werden aus Lastwagen gescheucht, nummeriert, voneinander getrennt und lebensverschleißender Zwangsarbeit zugeteilt. Ein Schicksal, das der fruchtbaren Kate erspart bleibt. Sie wird der Kaste der Mägde zugewiesen, die der Herrscherklasse als Brutsklavinnen dienen müssen. So landet sie beim Kommandanten Fred und seiner Frau Serena Joy, gespielt von den eigentlich herausragenden Charakterdarstellern Robert Duvall und Faye Dunaway.
In dieser bedrückenden Konstellation hätten Schlöndorff und sein Drehbuchautor, der spätere britische Literaturnobelpreisträger Harold Pinter, nun Atwoods Stoff zu einem tiefgreifenden Drama oder Kammerspiel mit einer starken Hauptfigur ausbreiten können. Doch Schlöndorff entschied sich für einen oberflächlichen Thriller, der die politische und psychologische Wucht nur als Zündstoff für billige Knalleffekte nutzte. Seine Heldin hat kaum mehr Redeanteile als die Nebenfiguren. Natasha Richardson spielt ihre Kate merkwürdig passiv und manchmal fast schon devot und verträumt. Elisabeth Moss hingegen ließ in der Serie Trauma und Vergeltungswillen in jedem ihrer Blicke aufblitzen.
Kein echter Zugang zum Elend der Frauen
So floppte der Film trotz der so erfolgreichen Romanvorlage und eines durchaus prominenten Ensembles sowohl an den Kinokassen als auch bei den meisten Kritikern. Während der Berlinale 1990 strafte das Publikum des Zoo-Palastes Schlöndorff einem Zeitungsbericht zufolge gar mit Pfiffen ab. Dem Film war anzumerken, dass der Regisseur keinen echten Zugang zum Elend der Frauen in Atwoods Schreckenserzählung zu finden schien. Rita Kempley, damals Filmkritikerin bei der „Washington Post“, bilanzierte, Schlöndorff fühle sich in diesem feministischen Albtraum offenbar so unwohl wie ein Mann in einer Dessousabteilung.
Nach diesem Misserfolg verschwand der Film schnell wieder aus dem cineastischen Gedächtnis. Es ließe sich mutmaßen, dass Schlöndorffs Scheitern sogar der Grund dafür war, dass sich lange niemand mehr an eine Verfilmung des Erfolgsbuches wagte. 36 Jahre später lohnt die Rückkehr zu diesem Film dennoch, gerade im Vergleich mit der Serie.
Aber auch die Ästhetik, der Sound und der Blick der ausgehenden Achtzigerjahre in die Zukunft verleihen dem Film aus heutiger Sicht einen noch bedrohlicheren Anstrich. Am ehesten lässt sich diese retrofuturistische Irritation dadurch erklären, dass sie für uns anachronistisch anmutet, wie aus einer anderen Zeitachse, während den Kinogängern des Jahres 1990 die technische und ästhetische Entwicklung mit klobigen Röhrenfernsehern und blinkenden Telefonen wie eine realistische Version einer nahen Zukunft erschienen sein mag.
Wer jedoch weder den Film noch die Serie gesehen hat, dem sei empfohlen, zuerst Letztere zu schauen. Sie hat dramaturgisch und in Sachen Figurenentwicklung und -tiefe, allein aufgrund der (teils ermüdenden) Erzählzeit von sechs Staffeln, um einiges mehr zu bieten. Volker Schlöndorffs optimistischer Blick auf die Zukunft der Vereinigten Staaten dürfte sich indes verdunkelt haben. Sicher, Trumps Amerika ist weit davon entfernt, in alttestamentarische Zeiten abzudriften. Und dennoch scheint die Realität mit dem wachsenden Einfluss religiöser Hardliner ein Stück weit an die Welt von Atwoods Parabel herangerückt zu sein.

vor 6 Stunden
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