Wenn der Bachmannpreis-Wettbewerb so etwas ist wie ein Song Contest der Literatur, wie öfter gesagt wurde, dann bietet sich ein einschlägiges Werk der Popkritik an, um seinen Zustand im fünfzigsten Jahr zu beschreiben: „Retromania“ von Simon Reynolds. Das spricht im Untertitel von einer Sucht nach der eigenen Vergangenheit, und diese Sucht machte sich auch an den diesmal vorgetragenen Texten sowie an den Diskussionen über sie bemerkbar.
Die Klagenfurter Jurys scheinen, über alle Umbesetzungen hinweg, süchtig nach gewissen Textformen, die sie immer wieder auf die Bühne holen – etwa solche über das Sterben und den (Selbst-)Mord, bevorzugt in österreichischen Grenzregionen; prosalyrische Performancetexte mit Knalleffekten oder den sogenannten Bachmannpreis-Metatext, der auf ironische Weise vom Literaturbetrieb oder gar dem Wettbewerb selbst handelt. Aber auch die Kritik hat einschlägige, immer wiederkehrende Refrains, seien es das Lob der Offenheit oder der Vorwurf der Geschlossenheit – wahlweise auch umgekehrt zu singen. Dabei sind sowohl Text als auch Kritik ähnlich wie die Literatur der Namenspatronin des Preises davon bedroht, im Zitat zu erstarren.
Lieber einen Kaffee trinken?
Die aktuelle Jury, großteils seit Jahren eingespielt, ist inzwischen auch schon zur Ironisierung ihrer selbst gewählten oder zugeschriebenen Rollen übergegangen: so etwa die ob ihrer nüchternen Kritik gern als „Eiskönigin“ bezeichnete Mara Delius, wenn sie eine Ästhetik betont als „kühl“ bezeichnete, oder Klaus Kastberger und Thomas Strässle in launigen Scharmützeln über die österreichische respektive Schweizer Literaturtradition und Brigitte Schwens-Harrant, wenn sie etwa auf ihre freundlich-deeskalierende Art sagte: „Ich setze mich jetzt mal dazwischen.“
Mitten in der Jury-Diskussion: Thomas Strässle und Mara DeliusJohannes Puch/ORFPhilipp Tingler, der die Rolle des Bad Cop lange lustvoll gespielt hat, gab sich diesmal geläutert („Man hat mir gesagt, ich soll freundlicher sein“), nur um dann wieder leidenschaftlich in sie zurückzufallen – beim Vortrag von Kinga Tóth etwa gestand er, er wäre eigentlich lieber einen Kaffee trinken gegangen. Mithu Sanyal blieb derweil ihrem radikal subjektiven Zugang zur Literaturkritik treu – schon in ihrer inzwischen zigfach gehörten Einleitung „Ich mochte an dem Text sehr …“.
Eine Konfettiparade der Konvention?
In Sachen Retromanie stellte sich naturgemäß öfter die Frage: Kann man das wirklich noch mal so bringen? Und wenn ja: Wie gut ist es gemacht? Empfiehlt es sich etwa, nachdem Kathrin Passig vor zwanzig Jahren den Bachmannpreis mit einem selbst reflexiven Text über den Literaturbetrieb gewann, hier mit einem neuen dieser Art anzutreten? Der österreichische Radiojournalist und Romancier Wolfgang Popp versuchte das mit einer tagebuchhaft-assoziativen Suada über jemanden, der aus der Einsamkeit des Schreibens auf die Klagenfurter Fernsehbühne muss und dort ein „Orchester von Augenlidervirtuosen“ auftreten lässt. Tingler empfand das als „Konfettiparade der Konvention“, so generisch, dass es nicht mal als Parodie durchgehe. Kastberger entgegnete: „In Österreich muss man gewisse Dinge immer wieder sagen.“
Kann man 2026 in Klagenfurt, eingedenk Marcel Reich-Ranickis berüchtigter Schmähung Jörg Fausers dort 1984, auch noch sagen, dass ein Text als Unterhaltungsliteratur kategorisch auszuschließen sei? Vielleicht nicht so deutlich – ein bisschen klang es aber wie vergiftets Lob, als der scheidende Juryvorsitzende Kastberger eine Dorfgeschichte Jovana Reisingers, in der sehr viel gestorben wird, als „Comedy“ pries und zugleich wohl auch abhakte.
Allein auf einem Berggipfel
Generisch, aber positiv gemeint im Sinne von vorführbar in einem Seminar für Literaturkritik, war die Diskussion über ein Exemplar des Genres „Bergsteigertext“ des Österreichers Christoph Szalay, das aber, wie schnell festgestellt war, wenig mit dem eines Petrarca auf dem Mont Ventoux gemein habe (Strässle): Man geht heute ins Gebirge ohne Erhabenheitsgefühl.
Brigitte Schwens-Harrant wies dann mustergültig darauf hin, dass manche Texte sich auch gerade durch ihre interpretatorische Offenheit auszeichnen und ohne „Moral von der G’schicht“ auskommen. Das war vielleicht auch ein Seitenhieb auf viele andere Texte des Jahrgangs, denen recht plakativ eine Moral eingeschrieben war – etwa dem von Slata Roschal mit dem Titel „Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet“, einem sarkastischen Plädoyer für Gerechtigkeit (mit nicht allzu originellem Klagenfurt-Metabezug). Oder jenem der „Zeit“-Kolumnistin Caroline Rosales über eine gut situierte Mutter, die sich einen Callboy nimmt und derweil über ihren Neoliberalismus nachdenkt.
Eigenwillige Schreibung und Vielsprachigkeit
Leider überwog im Jubiläumsjahr manchmal der Eindruck, dass die Jury besser war als die Texte. Einige davon waren bestenfalls mühsam heruntererzählt, ihre Schriftform auf der Website bachhmannpreis.orf.at wirkt teils unlektoriert. Eigenwillige Schreibung und Vielsprachigkeit zum Stilmittel dagegen machte der Text „OstblockMädl“ der 1983 im ungarischen Sárvár geborenen Kinga Tóth, der sich zudem durch einen Vortrag mit Geräuschen und litaneihaft gesungenen Stellen auszeichnete. Er lässt Stimmen aus dem österreichisch-ungarischen Grenzland hören, die alte Stereotype satirisch auf die Spitze treiben, und wurde mit dem Kelag-Preis (15.000 Euro) ausgezeichnet.
Kinga Tóth, Magdalena Schrefel, Lena Schätte und Ozan Zakariya Keskinkılıç mit ihren PreisurkundenJohannes Puch/ORFEinen neuen Ton brachte der 1989 in Hessen geborene Ozan Zakariya Keskinkılıç mit seinem Text „Vater ohne Sohn“, in dem sich ein mittelalter Ich-Erzähler gegenüber einer Freundin für seine erotische Beziehung mit einem halb so alten Mann rechtfertigen muss. Er wurde mit dem Deutschlandfunk-Preis (12.500 Euro) ausgezeichnet, obgleich Tingler darin nur „Neuköllner Biedermeier“ sah. Der 3sat-Preis (7500 Euro) ging an die 1984 im österreichischen Korneuburg geborene Magadalena Schrefel für ihren Text über eine vierzigjährige Frau, die eine Brustkrebs-Diagnose erhält.
Mit einem scharfen Löffel das Fett von den Knochen schaben
Von der Erzählung „Was wir tragen“ der 1993 in Lüdenscheid geborenen Lena Schätte waren Jury und Publikum ziemlich einhellig begeistert. Die adipöse Erzählerin berichtet darin drastisch anschaulich von ihrem Körpergefühl, Mobbing-Erfahrungen seit der Kindheit, Selbsthass und dessen Überwindung. Besonders die Beziehung zur Mutter wird hintergründig komplex dargestellt.
Wenngleich nicht formal avanciert, spielt der Text mit starken Kontrasten von Zärtlichkeit und Brutalität, die sehr eingängig sind, und ins Groteske kippenden Vorstellungen. Etwa, wenn die Erzählerin sich vorstellt, wie sie sich „mit einem scharfen Löffel das Fett von meinen Knochen schabe“ und es anderen „auf ihre Körper schmiere wie Lehm“. Schätte wurde dafür mit dem Bachmannpreis (30.000 Euro) ausgezeichnet. Thomas Strässle, der die Autorin nach Klagenfurt eingeladen hatte, sagte in seiner Laudatio, Schättes Sprache sei „in ihrer Schönheit und Schlichtheit unübertrefflich“.
Nicht zu vergessen: Die Mikro-Erzählung
Leider leer gingen hingegen zwei Texte aus, die Preise verdient hätten. In „Fragmente eines Suizids“ kontrastiert die 1998 in Berlin geborene Derya Uzun die persönliche Sicht einer hinterbliebenen Tochter auf den Verlust der Mutter ironisch mit einer literaturwissenschaftlich-analytischen, kulminierend in diesem Satz: „Selbstmordversuche waren in meiner Familie ein beliebtes Stilmittel.“
Wurde nicht ausgezeichnet, legte aber einen interpretatorisch reizvollen Text vor: Derya UzundpaUnd die 1974 in Köln geborene Malerin und Schriftstellerin Gesche Heumann erinnerte mit ihrer nur zwei Seiten langen Kunstbetriebs-Geschichte „Das tiefe Gesicht“, die Vorbilder wie Yasmina Reza oder Lydia Davis durchscheinen ließ, daran, dass es auch eine erfolgreiche Form der Mikro-Erzählung gibt, die nicht vernachlässigt werden sollte.
Am Samstagabend, als der letzte aktuelle Wettbewerbstag in Klagenfurt längst vorbei war, konnte einen allerdings die Retromanie noch einmal so richtig erfassen: In einer Live-Sondersendung aus dem Musil-Literaturmuseum blickte der Deutschlandfunk auf 50 Jahre Bachmannpreis zurück, unter anderem mit der ehemaligen Jurorin Daniela Strigl. Die erinnerte an Zeiten, in den Gewinnertexte komponiert gewesen seien wie Orgelstücke, und als man dann in Hermann Burgers „Hydrotestament in 5 Sätzen“ reinhörte, für das er 1985 den Bachmannpreis gewann, vermittelte sich dies sofort: „Ich strolchte als Wahrzeichen der schlimmsten Rückenkrankheit durch Badgastein.“ Zugleich mahnte Strigl aber, dass die Ergriffenheit, über die auch im 50. Wettbewerbsjahr gestritten wurde, oft vergänglich sei: „So begeistert alle sind, es kann noch verpuffen!“

vor 3 Stunden
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