Buch „Convent Wisdom“: Hör auf die Nonne in dir!

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Weil die Verwertungskette ausgeschöpft werden muss, haben die beiden Hispanistinnen Carmen Urbita und Ana Garriga aus ihrem in der spanischsprachigen Welt seit 2020 erfolgreichen Podcast „Las Hijas de Felipe“ auch ein Buch gemacht. „Convent Wisdom“ ist im vergangenen Jahr bei Simon & Schuster erschienen. Der Podcast folgt dem Motto „Alles, was dir heute passiert, ist im 16. und 17. Jahrhundert schon einer Nonne passiert“. Der Untertitel  – „Wie Nonnen aus dem 16. Jahrhundert dein Leben verändern können“ – weist das Buch als eine Art Ratgeber aus, der allerdings durchzogen ist von autobiographischen Schilderungen Urbitas und Garrigas aus der akademischen Welt.

Die Autorinnen beschäftigen sich mit den Strategien, mit denen Nonnen der Barockzeit navigierten, um der männlichen Dominanz in der Hierarchie der katholischen Kirche eigene Lebensentwürfe entgegenzusetzen. Ein wichtiger Bezugspunkt ist das „Buch der Rekreationen“ (1585) der spanischen Nonne María de San José, einer Unbeschuhten Karmelitin, die mit allen Mitteln dem Terrorregime des Bischofs Nicolás Doria widerstand.

Aber gleich selbst Nonne werden? Lieber nicht: Carmen Urbita und Ana GarrigaAber gleich selbst Nonne werden? Lieber nicht: Carmen Urbita und Ana GarrigaArden

Nonnen kommen in der Popkultur immer mal wieder in Mode, aktuelle Beispiel von „Nuncore“ sind Popstars wie Rosalía und Chappell Roan. Die Wiener Performerin Florentina Holzinger setzt auf halbnackte Nonnendarstellerinnen, und die drei rebellischen Nonnen aus dem Kloster Goldenstein sind auch längst Medienstars. Paul Verhoeven verfilmte vor fünf Jahren das Leben der italienischen Nonne Benedetta Carlini, die wegen einer lesbischen Beziehung im Kerker landete.

Dass viele Nonnen mit eiserner Disziplin und staunenswerter Tatkraft ihr Leben meisterten, ist keine wirklich neue Erkenntnis. Und damit sind nicht Ausnahmebegabungen wie Levitation und Teleportation gemeint, die nützlich waren, um das Image kolossaler Frömmigkeit in die Welt zu tragen, wozu auch Fanartikel wie Rosenkränze und Devotionalien sowie Wunder zählten. So reiste etwa María von Ágreda mehrmals auf dem Luftweg aus ihrer nordspanischen Heimat nach New Mexico und Texas, wo sie Indigenen vom Stamm der Jumanos in einem blauen Mantel erschien. Diese baten daraufhin 1626 beim örtlichen Franziskanerkloster um die Taufe.

Für eine raffinierte Antwort braucht es Zeit

Als Leuchtturmfigur fungiert im vorliegenden Band die Mystikerin Teresa von Ávila, der es gelungen war, bis zu ihrem Tod im Jahr 1582 siebzehn Klöster zu gründen. Sie wird flankiert von Katharina von Siena und einer ganzen Reihe von in Mitteleuropa weniger bekannten Figuren wie María de San José (doch Vorsicht, es gibt mehrere Nonnen dieses Namens). Eine wichtige Position nimmt auch die mexikanische Hieronymitin Juana Inés de la Cruz ein, nicht nur, weil es ihr Konterfei auf den 200-Peso-Schein geschafft hat. Ihr Leben wurde gleich zweimal verfilmt, zuletzt vor zehn Jahren in einer Netflix-Serie.

 „Convent Wisdom“Carmen Urbita und Ana Garriga: „Convent Wisdom“Gutkind

Sie wird als Genie der Selbstinszenierung gepriesen, als „die Ausnahmeerscheinung schlechthin“. Als 1689 ihre Textsammlung „Die kastilische Flut“ erscheint, fühlt sich der zuständige Bischof Manuel Fernández de Santa Cruz bemüßigt, dem Band ein Vorwort zu spendieren, in welchem er die Nonne in die Schranken weist und ihr empfiehlt, sie solle „noch tiefer sinken, um darüber nachzudenken, was in der Hölle vor sich geht“. Die Antwort der Gemobbten ließ auf sich warten. Drei Monate später kam sie in Form eines durchtriebenen Briefes, in dem Schwester Juana den Bischof, eingepackt in eine rhetorische Wolke aus Demut und Unterwerfung, fragt, warum er sie, wenn denn ihre Schrift so schrecklich sei, nicht bei der Inquisition anzeige?

Der verbindende Markenkern aller Nonnen ist ihre Empathie: „Sie alle eint, dass sie nach echter Verbundenheit zu ihren Mitmenschen strebten.“ Ein Ziel, das auch der heutigen Menschheit, da sind sich die im Laufe ihrer Zusammenarbeit zum Paar gewordenen Autorinnen sicher, guttäte. Denn merke: „Die verlässlichste Medizin für eine leidende Seele ist und bleibt die Zeit, die man mit guten Freundinnen verbringt.“ Das zielt auf ein weibliches Publikum der Gen Z, das ein wachsendes Desinteresse an Männern entwickelt, auch, um der „Tyrannei der Reproduktion“ zu entkommen.

Die Monotonie eines Klosterlebens wird dabei parallelisiert mit der Klage über die akademische Fron, der sich die Autorinnen zu unterwerfen hatten. Sie durchzieht „Convent Wisdom“ wie ein roter Faden. Die „nicht enden wollende akademische Monotonie“ und die „fordistische Akkordarbeit im Promotionsbetrieb“ seien Zutaten eines „Spießrutenlaufs“. Wohlgemerkt, Urbita und Garriga waren Promotionsstipendiaten an der Brown University, einer US-Eliteuniversität. Aber das Leben in Providence muss die Hölle gewesen sein, jahrelange Archivarbeit anstatt Sex und Halligalli. Immerhin erfahren wird, dass man für einen Doktorgrad in Hispanistik keine Lateinkenntnisse vorweisen muss.

Der zum schwedischen Bonnier-Konzern gehörende Gutkind Verlag macht die grassierende Unart mit, den Originaltitel unübersetzt zu lassen: „Klosterweisheit“ oder „Die Weisheit des Klosters“ ist deutschen Lesern offenbar nicht zumutbar. Das Versprechen, man produziere Bücher „mit Sorgfalt und Liebe zum Detail“, hat man jedenfalls für diesen Band nicht eingelöst. Die Lektüre trüben Grammatikfehler, falsche Akzente („Cittá de Castello“), Neusprech (Hater, Situationship, Almond Mom, Crush, People Pleaser), uneinheitliche Schreibweisen, und die Bilder haben weder Quellen noch Legenden. Immerhin helfen ein Personen- und Literaturverzeichnis weiter.

Fazit: Auf den Themenfeldern Arbeit, Ruhm, Körper, Liebe, Geld, Seele und Ruhm sind die Nonnen des 16. Jahrhunderts vorbildhaft. Die Entscheidung, ins Kloster zu gehen, scheint indes überwiegend von weltlichen Überlegungen getrieben worden zu sein – aus Berechnung, Standesüblichkeit, Zwang oder Karrieresucht. Mit Glauben scheint sie höchstens am Rand zu tun gehabt zu haben.

Carmen Urbita und Ana Garriga: „Convent Wisdom“. Wie Nonnen aus
dem 16. Jahrhundert dein Leben verändern können.
Aus dem Englischen von
Sascha Albrecht. Gutkind Verlag, Berlin 2026. 272 S., Abb., geb., 22,– €.

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