Film „Resurrection“: Der Stoff, aus dem Träume sind

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Kaum ein Filmschaffender mit künstlerischem Ehrgeiz verzichtet darauf, an die Großen zu erinnern, die diesen Ehrgeiz entfacht haben.  Der chinesische Regisseur Bi Gan macht daraus in „Resurrection“ eine tiefe Verbeugung und geht mit der Filmgeschichte um, wie Italo Calvino es einst in „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ mit der Tradition des modernen Romans tat: Er widmet jeder wichtigen Strömung oder Idee ein eigenes Kapitel, gestaltet im jeweiligen Stil. Die Rahmenhandlung entführt das Publikum zu diesem Zweck ins Phantastische: Eine Stummfilmtafel verkündet zu Beginn, dass wir uns in einer Welt befinden, in der Träume aufgehört haben zu existieren; nur so leben die Menschen ewig. Vereinzelte Individuen sind noch traumfähig, aber dieses Können bringt die Zeitlinien durcheinander und stiftet Chaos. Deshalb werden diese Wenigen gejagt.

Die taiwanische Schauspielerin Shu Qi spielt eine Jägerin. Auf der Suche nach dem träumenden „Deliriant“ durchstreift sie im Seidenkleid Teehäuser und Opiumhöhlen, gelangt von den satten Farben chinesischen Puppentheaters in die scharfen Schatten des expressionistischen Kinos. Schräge Gänge mit spitzen Kanten erinnern an Wienes „Das Cabinet des Dr. Caligari“, und das gesuchte Monster schleppt sich gebückt wie Murnaus „Nosferatu“ durch Kulissen, die plötzlich wegklappen. Aus dem Opiumzimmer wird eine Mohnblumenwiese. Der Deliriant ist am Ende seiner Kräfte, bittet die Jägerin aber, sein Leben noch einmal anschauen zu dürfen. In seinem Innern findet die Frau einen Filmprojektor und setzt ihn in Bewegung – die titelgebende Auferstehung des Träumers zeigt uns, dass er kein Monster, sondern ein neugieriger Reisender ist.

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In vier Episoden arbeitet sich Bi Gan weiter durch die Kinogeschichte. Jackson Lee, der den Deliriant spielt und sich innerhalb weniger Jahre in seiner Heimat China vom Boygroup-Mitglied zum gefeierten Filmstar hochgearbeitet hat, darf sein vielfältiges Können hier unter Beweis stellen. Wir folgen ihm durch eine düstere Gangster- und Spionageepisode im Stil des Film noir, sehen ihn in einem verschneiten Tempel die Lektionen des Buddhismus lernen und mit einem Waisenkind Kartentricks üben, um einen Mafiaboss übers Ohr zu hauen. Am Ende taucht er im Neonlicht eines Hafenviertels am Silvesterabend 1999 auf und verliebt sich in eine Vampirschönheit.

„Ressurection“ zerfällt nie zu einem zusammenhanglosen Episodenfilm. Bi Gan webt alle seine Fäden virtuos zu einem schillernden Umhang, den er seinem Helden, dem Kino, überwirft. In Cannes erhielt er dafür im vergangenen Jahr den Spezialpreis der Jury. Der junge chinesische Filmemacher ist mit bislang nur drei Langspielwerken rasch zum Liebling der europäischen Filmfestivals geworden. Unsicher sei er sich lange während seines Filmstudiums gewesen, ob er sich wirklich in dieser Kunst versuchen sollte, erzählt er. Das änderte sich, als er den russischen Regisseur Andrei Tarkowski entdeckte.

Dass er aus dessen Werk seine größte Inspiration zieht, macht sich weniger am Erzähltempo bemerkbar – die Langsamkeit des Vorbilds streckt keine der 160 Filmminuten – als vielmehr in den mit ruhiger Hand ausgeführten Bildkompositionen, die das präzis Gezeigte ins mehrdeutig Traumhafte hinübergleiten lassen. Nebelschwaden schieben sich hinter der Jägerin ins düstere Opiumzimmer; auf einer Bahnhofsuhr hängt die Zeit für immer auf halb zwölf, während Splitter des gewölbten Glasdachs wie Sternenfunken auf Passagiere regnen. Und die Giebel der Tempelpagode biegen sich mit solchem Schwung zum Vollmond empor, als habe sie eine alte Gottheit selbst mit spitzen Fingern in Form gebracht. Wie ein Kerzengießer hat Bi Gan ein Symbol seiner Liebe zum Kino geschaffen, das als helle Flamme lodert.

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