In Cortina d’Ampezzo liegt Schnee, in Mailand nicht. Trotzdem findet die Eröffnungsfeier der von beiden Städten gemeinsam ausgerichteten Olympischen Winterspiele heute in Mailand statt. Im legendären San-Siro-Stadion, bevor es abgerissen wird, vor 75.000 Zuschauern, die den einziehenden Sportlern zujubeln werden – auch wenn niemand von denen auf Skiern stehen wird. Das war bei der Schriftstellerin Antje Rávik Strubel anders, als sie im Winter-Olympiajahr 2010 an einem Wettkampf teilnahm, bei dem mehr Schaulustige die Loipe säumten, als sich wohl jedes Buch von Strubel bislang verkauft hat. Und sie hat 2021 mit „Blaue Frau“ immerhin den Deutschen Buchpreis gewonnen.
Es ist ein nach Hunderttausenden zählendes Publikum, das an jedem ersten Märzsonntag beim überaus populären Vasaloppet zusieht, dem berühmtesten aller Skilanglauf-Wettbewerbe. Seit 1922 wird er in der mittelschwedischen Provinz Dalarna im Gedenken an den Begründer der schwedischen Wasa-Dynastie ausgetragen, dem zwei Boten im Winter 1521 eine Nachricht überbrachten, die ihm zwei Jahre später den Thron bescheren sollte. Sie fuhren damals auf Skiern von Sälen nach Mora, neunzig Kilometer weit. Und das ist denn auch die Streckenführung des Wasalaufs – vierzig Kilometer mehr als die Königsdisziplin des Nordischen Skisports bei den Olympischen Spielen.
Antje Rávik Strubel: „Kein Schnee, nimmermehr“. Neunzig Kilometer Mutmaßungen übers Skifahren, das Schreiben und den Tod.Residenz VerlagDas dauert; selbst Jörgen Brink, der Sieger des Jahres 2010, immerhin seinerzeit Weltcupstarter im Skilanglauf für Schweden, brauchte mehr als vier Stunden. Antje Rávik Strubel lief neuneinhalb. Da kann man manchen klugen Gedanken fassen. Etwa diesen über den Wasalauf selbst: „Vom aufgeschreckten Losjagen bis zum abgekämpften Finish erinnern wir ans Nimmer-Aufhören, indem wir es vor aller Augen immer noch ein bisschen schneller überlisten; ein Abwehrzauber gegen den Tod. Unsere Körper haben alle Zeit der Welt, sie sind die Zeit. Und je mehr wir uns fordern, desto wirksamer ist der Zauber.“
Zaubern ist auch eine Leistung großer Literatur, und die 1974 in Potsdam geborene Schriftstellerin beherrscht diese Magie. Auch in ihrem jüngsten Buch „Kein Schnee, nimmermehr“, das pünktlich zum aktuellen Olympiawinter erschienen ist. Worin sie von ihrem Wasalauf erzählt, aber die Spanne (und Spannung) des Wettkampfs als großes Gedankenspiel rekapituliert, in das all ihre Begeisterung für den Skisport und all ihre Skepsis betreffs dessen Voraussetzungen einfließen. „Für Schnee wird es zu heiß auf diesem runtergerockten Planeten“, heißt es da, und weil das Buch über das Kälteerlebnis mit heißer Nadel gestrickt ist: „Aus Schnee lässt sich kein Besitzanspruch ableiten. (Erst schneefrei wird Grönland für das patriarchale Herrschaftsprinzip interessant.)“
Es geht um das Uneindeutige, Widersprüchliche, Absurde im Leben
Antje Rávik Strubel denkt also über sich, ihr Schreiben und die ganze Welt im suggerierten Gleitmodus nach, aber nichts dabei ist glatt geworden. Sportliebhaber werden ebenso auf ihre Kosten kommen wie die Verfechter von gesellschaftlicher Emanzipation. Erschienen ist das Buch in der Reihe „Unruhe bewahren“ (jeder größere Verlag nimmt nach dem Riesenerfolg der Hanser-Berlin-Serie „Das Leben lesen“ derzeit etwas autobiographisch Lebensweltliches aus prominenten Federn ins Programm), aber ganz gegen diesen Obertitel ist Antje Rávik Strubels Fundamentalkritik von ruhiger Abgeklärtheit. Sie bewahrt kühlen Kopf, wenn sie vom „Uneindeutigen, Widersprüchlichen, Absurden“ erzählt.
Zu Letzterem dürften von ihrer Wasa-Warte aus auch die Olympischen Winterspiele gehören. Eintrittskarten für die heutige Eröffnungsfeier in Mailand waren gestern noch zu haben, als „Hospitality Tickets“ mit Preisen von 850 Euro bis zum Zehnfachen. Da ist Antje Rávik Strubel seinerzeit mit neuneinhalb Stunden Laufzeit günstiger zu ihrem Spektakel gekommen. Und wir haben noch immer etwas davon. „Bra kämpat“ haben die Zuschauer ihr damals beim Zieleinlauf zugerufen – gut geschlagen. Und anderthalb Jahrzehnte später gut geschrieben.
Antje Rávik Strubel: „Kein Schnee, nimmermehr“. Neunzig Kilometer Mutmaßungen übers Skifahren, das Schreiben und den Tod. Residenz Verlag, Wien 2025. 101 S., geb., 20,– €.

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