Eine Utopie in memoriam Klaus Lemke“, so der Untertitel von Albert Ostermaiers neuem Stück „Munich Machine“. Der Titel zitiert das gleichnamige Album von DJ Hell aus dem Jahr 1998. Das Stück zerdehnt die letzte Minute im Leben des 2025 verstorbenen anarchischen Filmregisseurs auf eine, mit Pause, mehr als dreistündige Sterbeminute. In der läuft ein Film ab, in den Ostermaier viele Schrecklichkeiten der an Schrecklichkeiten nicht armen Geschichte der Stadt München im 20. Jahrhundert packt – von der Räterepublik zum Nationalsozialismus, Lenin, Hitler, Ludwig Thoma, der Schelling-Salon, Franz Josef Strauß, die vom Attentat überschatteten Olympischen Spiele von 1972, RAF, Wehrsportgruppe Hoffmann, Oktoberfestattentat, Kindsmissbrauch in der katholischen Kirche. Das Ganze im Stil einer Stadtbeschimpfung à la Thomas Bernhard, ausgreifend über Dachau bis nach Altötting als dem „Herz der Finsternis“.
Durch dieses nicht der Chronologie folgende Pandämonium führt Brigitte Hobmeier als Klaus Lemke eine Besucherin namens AI (Cathrin Störmer) vom männerfreien Planeten Gynäa, die mit ihrem Weißwurst-Ufo vor der Staatskanzlei gelandet ist und wissen möchte, was München, die frühere Hauptstadt der Utopie-Bewegung, als Studienobjekt zum Thema „irrationale Projekte“ bietet. Lemke wird begleitet von Amore (Thomas Hauser), eine Anspielung auf Cleo Kretschmer, die 1978 in Lemkes Film „Amore“ bekannt wurde. AI hat einen kahlen Schädel, ein spaciges Zackenkostüm, ruckartige Bewegungen und einen hübschen Sprachfehler: Sie stottert und sagt zum Beispiel „sug-sug-suggeriert“.
Ist Katholizismus Kommunismus?
Noch bevor sie die Utopie-Recherche beginnt, hatte das Münchner Kindl als Sensenmann in einem wütenden lyrischen Monolog gefordert, München müsse „wieder tanzbar werden“. Da hatten andere ganz andere Ideen, etwa Hitler, der im Pissoir des Schelling-Salons mit Brecht verhandelt, ob er ihm das richtige Sitzen beibringen könne. Und der Metzgerssohn aus der Schellingstraße, Franz Josef Strauß, analysiert in einer Bierzeltrede den Katholizismus bayerischer Prägung als den „wahren Kommunismus“, gibt seine Partei als „Communist Socialists United“ aus und schwadroniert von seinem Ziel, „Bayern mit der DDR zu vereinigen“.
Bayern, so dampft Strauß, sei bedroht von „Nordkopferten“, „bald voll mit Düsseldorfern und Berlinern in Lederhosen“. Der große Bevölkerungsaustausch drohe. Ein alter Topos in der bayerischen Mentalitätsgeschichte, eigentlich längst zu Tode geritten. Aber Ostermaier und sein Regisseur Ersan Mondtag teilen ein Schicksal: Der 1967 geborene Münchner und der zwanzig Jahre jüngere Berliner hängen inniglich an ihrer Geburtsstadt. Der „Abendzeitung“ hat Mondtag vorab anvertraut, er halte München für eine „Zombiestadt“, die kein Potential mehr habe, „im Grunde zu Ende erzählt“ sei. Und der „Süddeutschen Zeitung“ sagte er, wenn er in München leben müsste, würde er sich wahrscheinlich umbringen. Was man halt so sagt.
Was von der Revolution blieb, ist eine Sexbombe
Dabei hat der Regisseur seine liebe Not, den Steinbruch Ostermaiers für die Bühne einzurichten, eine theatrale Skulptur zu erkennen. Mondtag entscheidet sich für eine groteske Revue, mehr Film als Theater. Zusammen mit Lorenz Stöger hat er auch Bühne und Kostüme entworfen, hat eine Filmkulisse – Lemke, Regisseur, Kino! – mit Hausfassaden, Treppenfluchten und einem Zigarettenautomaten auf die Drehbühne gestellt. Luis August Krawen zeigt die aufgerissenen Münder der Schauspieler bis zum Gaumensegel per Video.
Maschinen gab es schon einige, unter anderen Heiner Müllers „Hamletmaschine“. Albert Ostermaier macht jetzt eine aus seiner Heimatstadt: Seine „Munich Machine“ hatte im Residenztheater Premiere.Birgit HupfeldErsan Mondtag nutzt sein Debüt am Bayerischen Staatsschauspiel, um mal richtig zu klotzen. Neun Schauspieler in 27 Rollen, Männer spielen Frauen und umgekehrt, Pia Händler, Isabell Antonia Höckel, Myriam Schröder, Vincent Glander, Max Mayer und Niklas Mitteregger sind bei vollem Einsatz ausgelastet, dazu ein Chor und Musik, die Benedikt Brachtel und DJ Hell komponiert haben. Gerrit Jurdas Lichtregie taucht die Bühne zumeist in schwarzen, violetten oder grünen Nebel, nur in der Discoszene im Supermarkt, in der Freddie Mercury und Rudi die Sängerin Donna Summer beim Einkaufen treffen und deren Segen für ihre Hochzeit erbeten, gleißen die Lichtkegel aus dem Bühnenhimmel. Die Disco-Queen, deren Karriere in München Fahrt aufnahm, verweigert diesen rüde: „God created Adam and Eve. Not Adam and Steve.“
Das war München auch mal, alle waren damals wild darauf, in München zu sein. Und dann? „Die Obermeier Uschi“, sagt Amore. „Das Einzige, was von der Revolution blieb, eine Sexbombe.“ Immer wieder kommt das Stück auf Kindsmissbrauch durch katholische Priester zurück, das sind die bittersten, schmerzhaftesten Szenen entlang realer Skandale. Das sei kein „historisches Schauspiel mehr“, erkennt AI, „dies ist eine Fallstudie über systemische Vertuschung und die Rhetorik der Macht“. Ostermaier knüpft hier erneut an die Erlebnisse in seiner Zeit an einer Klosterschule an; zuletzt gab es in dem im Vorjahr erschienenen Pasolini-Roman „Die Liebe geht weiter“ Passagen, die sich als Missbrauchserfahrungen lesen lassen.
Und wo bleibt das Positive? Die Bavaria erinnert sich immerhin an ein paar Versatzstücke, die München einst ausmachten: das Licht, den Föhn, die Leopoldstraße, das Isarflimmern, die Nackerten im Englischen Garten. „Wer will schon die hässlichen Berliner nackad sehen!“, fragt die Landesmutter, bevor sie erschossen wird. Und natürlich darf Helmut Dietl nicht fehlen. Analog zum Generaldirektor Haffenloher in „Kir Royal“ droht Hitler Brecht an, ihn mit Geld zuzuscheißen. Und Dietls „Münchner Geschichten“ kommen mit dem Schluss der Faschingsfolge zu Ehren, in der die Lehel-Cowboys nach Sacramento reiten. „So schön war’s überhaupt no nia.“
So viele Sünder, alle vorgeführt
Warum allerdings meistens ein dem Münchnerischen fernes Kunstdeutsch mit englischen Einsprengseln gesprochen wird, bleibt das Geheimnis der manche Szenen über Gebühr zerdehnenden Regie. Auch bleibt der Ertrag des Utopie-Leitmotivs überschaubar: Selbst wenn sie kein probates Mittel ist, scheint es nicht ohne sie zu gehen. Eine desillusionierende Bilanz, nachdem Ostermaier so viele Sünder, die München eben auch ausmachen, vorgeführt hat.
Gegen Ende dann Appelle an das Miteinander, an den Zusammenhalt einer Gesellschaft, der womöglich in München, das sich stets selbst genügt, nicht so ausgeprägt ist. Bayern, das sei einmal Amerika gewesen, und heute? „Gemütlicher Faschismus“ und Hass. „Warum sind wir uns selbst so fremd geworden während der Pandemie? Da blieb von uns nur die Wut“, klagt Klaus. Als hätte noch etwas gefehlt, verhandelt die vorletzte Szene das Migrationsthema, todkranker Gastarbeiter gegen Kapitalisten, eine bittere Bilanz ist garantiert: „Mit uns seid ihr Menschen, ohne uns seid ihr nur Deutsche.“
Dann weint AI die erste Träne ihres Lebens und verschwindet in den unendlichen Weiten des Weltraums, und Klaus stirbt. Er tut dies im Angesicht einer Ewigkeit, die nichts von Leopoldstraße, Eisbachwelle und Wiesn weiß, leise und ernst. Hobmeier spielt das nuanciert und zart. Um 22.45 Uhr ist es vollbracht. Manchmal ist der Tod eine Erlösung, zumindest im Theater.

vor 3 Stunden
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