Ein paar Menschen irgendwo an einem unwirtlichen, abgelegenen Ort, die von dort nicht wegkönnen und einander im Lauf der Zeit furchtbar auf die Nerven gehen: Das ist ein offenbar unkaputtbares Erzählschema, von Stanisław Lems „Solaris“ bis zu Lothar-Günther Buchheims „Das Boot“, Verfilmungen inklusive. Wer dreht zuerst durch? Wer macht zuletzt das Licht aus? Und überhaupt: Wer will das eigentlich wissen?
Nicht anders ist der Film „Last Contact“ gestrickt, der nun im Ersten läuft und vom Bayerischen Rundfunk ko-produziert wurde. Groß abgeräumt hat er weder 2023 im Kino noch als Stream, und warum, wird schnell deutlich: Der Film des estnischen Regisseurs Tanel Toom nach dem Drehbuch von Malachi Smyth ist inhaltlich so überambitioniert wie erzählerisch unterkomplex. Über wesentliche Elemente der Geschichte können die Zuschauer nur spekulieren, mitgeteilt werden sie nicht.
Dann ist wohl Schluss mit der Menschheit
Vorwiegend im darstellerischen Nahkampf sieht man drei Männer und eine Frau im Jahr 2063 auf einer seltsamen Militärstation, die wie ein Hochsitz auf sehr langen Stelzen mitten im Ozean steht. Es heißt, die Erde sei inzwischen zu 95 Prozent mit Wasser bedeckt und bloß zwei Kontinente seien bewohnbar. Die befinden sich allerdings im Krieg gegeneinander. Der Außenposten hat eine Atombombe im Depot. Wenn die explodiert, ist wohl Schluss mit der Weltbevölkerung.
Aber warum der Krieg? Weshalb kommt die längst erwartete Ablösung nicht? Und was ist mit der Funkanlage los, die nicht mehr sendet? Informationen von außerhalb gibt es folglich nicht. Insofern wird die Frage unumgänglich, ob außer den vier Bewohnern, 3000 Kilometer entfernt von ihrer Heimat, noch andere Menschen am Leben sind. Ihre Plattform wurde zwar vor vierzig Jahren errichtet, trotzdem hat sie eine Technik wie einstens bei „Raumschiff Enterprise“ mit vorsintflutlichem Morsegerät und einem nicht viel jüngeren Kassettenrecorder.
Der Retrocharme der Ausstattung lässt den ganzen Film wie ein Relikt aus der Ära des Dampffernsehens erscheinen. Gern piepst etwas, oder es öffnet sich in der Fassade eine Klappe wie das Maul eines maritimen Ungeheuers. Als ein leeres Boot angetrieben wird, versuchen zumindest zwei Mitglieder der Besatzung, damit nach Hause zu fahren. Natürlich geht das schief.
Thomas Kretschmann als Haudegen von einem Kapitän sorgt für Zucht und Ordnung und Disziplin. Der deutsche Beitrag zum nicht schlechten, doch sträflich unterforderten Ensemble grantelt sich tapfer durch das dystopisch verworrene Seemannsgarn. So klaustrophobisch die Situation auf der Station, so zäh das filmische Geschehen zwischen Kate Bosworth als linientreuer Cassidy, Lucien Laviscount als muskelbepacktem Allrounder Sullivan und Martin McCann als Bastelfreak Baines. Sie träumen von zu Hause und müssen – bei miesem Essen, monotoner Arbeit und oft stürmischer See – in der Fremde bleiben.

Mal hapert es mit der Trinkwasseranlage, mal verdunkeln Anflüge von Sinnlosigkeit die ohnedies gedrückte Stimmung. Alles schleppt und zieht sich dahin, besonders der fast zweistündige Film. Dabei sind manche Bilder des Kameramanns Mart Ratassepp durchaus eindrucksvoll, etwa immer wieder die Totalen mit dem wild bewegten Meer, in dem sich die rostige Plattform nur mit Mühe halten kann. Diese verlässt die Besatzung manchmal in einem kleinen Boot, um „Nachschub“ zu organisieren. Das ist ein Euphemismus, um auszudrücken, dass sie aus dem angeschwemmten Müll einige Teile herausfischen, die sie gebrauchen können. Und dann fährt die Kamera zurück und zeigt, welch scheußliche Landschaft aus Abfall und Plastik und sonstigem Zivilisationskehricht an der Wasseroberfläche herumtreibt.
„Last Contact“, als Science-Fiction-Film beworben, überzeugt erst in dem Moment, in dem er ganz gegenwärtig wird. Denn solche Visionen von grausig verschmutzten Meeren sind längst Realität geworden. Die Geschichte drumherum ist dagegen nicht mehr als ein uninteressantes Kammerspiel in fahlem Licht und mit dramatisch aufschäumender Musik von Gert Wilden, die plump darauf vorbereitet, dass hier noch schlimme Dinge passieren werden – wie nicht anders zu erwarten bei Platznot, lausigem Wetter und missglückten Dialogen. Eine Frage: Dürfen auch Filme in die gelbe Tonne?
Last Contact läuft von Samstag an in der ARD-Mediathek und in der Nacht von Sonntag auf Montag um 0.10 Uhr im Ersten.

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