„I only rest in the Storm“ im Kino: Ein großer, schwacher Held

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Die Umweltverträglichkeitsprüfung ist eine Errungenschaft im deutschen Verfahrenswesen, die allerdings zurzeit stark unter Druck steht. Denn in Zeiten einer stagnierenden Wirtschaft gilt eine Parteistellung der Naturressourcen, gern zugespitzt auf Frösche oder seltene Vögel, als bürokratisch und als Dynamisierungshemmnis. Für die vielen Entfesselungskünstler der lahmen deutschen Volkswirtschaft gibt es jetzt einen Film, mit dem sie Umweltverträglichkeitsprüfungen locker ins Lächerliche ziehen könnten. Sie würden „I Only Rest in the Storm“ von Pedro Pinho damit allerdings grob missverstehen.

Denn der portugiesische Ingenieur Sérgio, der in diesem Fall nach Guinea-Bissau kommt, um ein Gutachten über die ökologischen und politischen Implikationen eines Straßenbauprojekts zu erstellen, scheitert an seiner Aufgabe ja nur anscheinend. In Wahrheit wird er zu einer Figur, die in das Zeichen einer noch deutlich größeren Prüfung gerät. Man könnte sie Zivilisationsfolgenprüfung nennen und käme damit zu einer komplexen Ökobilanz aller Veränderungen, die seit dem Ende der Subsistenzwirtschaft aufgelaufen sind. Guinea-Bissau, ein Staat in Westafrika mit portugiesischer Kolonialgeschichte, eignet sich für eine solche Prüfung so gut wie jeder andere Ort. In vielerlei Hinsicht sogar besser, denn Europa kann natürlich in der Fremde besser abschätzen, was es auf seinem grandiosen Weg zu Demokratie und Wohlstand so angerichtet hat – und welche Figuren es dabei hervorgebracht hat.

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Sérgio ist eine typische Figur, das wird schnell deutlich. Ein weißer Mann mit technischer Qualifikation, zugleich ein reflektierter Zauderer, der als Intellektueller durchgehen könnte. Nach Guinea-Bissau ist er mit dem Auto gekommen, durch die Wüste, wo er in der ersten Szene gleich einmal liegenbleibt. Dass jemand so verrückt ist, nicht mit dem Flugzeug anzureisen, lässt sich schon einmal als Immersionsindiz deuten: Hier will jemand nicht einfach das klassische Reinraus spielen, über das viele NGOs oft nicht hinauskommen. Sérgio nähert sich allmählich und lässt sich dann auf das unbekannte Land ein. Als einem Vertreter europäischer Geldgeber stehen ihm viele Türen offen: zu einem reichen Geschäftsmann namens Horácio, aber auch in die Bar von Diára, in der eine queere Bohème verkehrt, angeführt vom charismatischen Gui, der sich auf ein Geschlecht nicht festlegen will. Sérgio ist in diesen Phasen ein europäischer Abenteurer, der im Begriff ist, sich zu verlieren. Und der damit einer alten Hoffnung zu neuem Recht verhilft: dass es in der Fremde möglich sein könnte, ein anderer zu werden.

Ständige Enttäuschung seiner Hoffnungen

Dann aber verlässt er die Metropole und bezieht Quartier mit einer internationalen Söldnerschar aus Bauleuten, Projektleitern, Dienstleistern, die eben auftauchen, wenn irgendwo etwas Wichtiges errichtet werden soll. Sérgio lernt dabei auch die Infrastruktur kennen, die sich in solchen Fällen fast wie von selbst ergibt. Mit einer Prostituierten hat er eine jämmerliche Begegnung. Mit Diára, der glamourösen Heldin des Nachtlebens von Bissau, ergeht es ihm nicht viel anders. Wenn er irgendwelche Hoffnungen hatte, in Guinea-Bissau nicht der Vertreter einer europäischen Gegenseite zu bleiben, dann muss Pedro mit ständigen Enttäuschungen dieser Hoffnungen leben.

Unweigerlich ist er in seiner Rolle auch ein Stellvertreter des Regisseurs Pedro Pinho. Seit „A Fábrica de Nada“ (2017), einer komischen Studie einer Fabrikübernahme durch die Belegschaft, ist der Portugiese ein Star im internationalen Festivalkino. „I Only Rest in the Storm“ ist nun sein bisher ambitioniertestes und auch schwierigstes Projekt – ein Versuch, in der früheren portugiesischen Kolonie mit den Mitteln des Autorenkinos eine Position zu finden, die über die alten Rollenverteilungen von Täter/Opfer, Entwicklungshelfer/Klient hinausführt. Nach „Grand Tour“ (2024) von Miguel Gomes, einer grandiosen Expedition in eine Kolonialität im Inneren des filmhistorischen Imaginären, ist „I Only Rest in the Storm“ der zweite große portugiesische Film in nur kurzer Zeit, der auch das Kino des längst marginal gewordenen EU-Landes vor dem Hintergrund der Aporien einstiger Gewaltherrschaft neu zu denken versucht.

Pinho geht dabei von einem Hit des brasilianischen Songwriter-Genies Tom Zé aus: „O riso e a faca“ ist auch der Originaltitel des Films. „Das Lächeln und das Messer“ ist eines von vielen enigmatisch zusammenpassenden Gegensatzpaaren, mit denen Tom Zé in den Textzeilen spielt. Man kann das wohl so lesen, dass die Zweiheit von Europa und Afrika (und allgemeiner das Prinzip strukturierender Binaritäten insgesamt) in den Sturm geführt werden soll, von dem Tom Zé auch spricht: „I Only Rest in the Storm“, der internationale Filmtitel, ist ebenfalls aus dem Song, und bezieht sich auf dessen (poetisches) Resümee. Sérgio wäre, so gelesen, der lange Zeit passive Mittelpunkt in einem Sturm der Kategorien und Bezeichnungen, der mit der europäischen Expansion oder allgemeiner der Globalisierung immer noch mehr an Gewalt aufnimmt.

Joseph Conrads Grundfigur aus „Heart of Darkness“ verbindet sich dann allerdings mit einer möglichen Rettung durch Prozeduralität. Denn Sérgio bleibt als Orientierungsmöglichkeit letztlich nur, dass er seine Aufgabe ernst nimmt. Er macht sich also ein Bild von den Verhältnissen in Guinea-Bissau bis hinein in die schwer zugängliche, bedrohte Welt der Mangroven-Wirtschaft an den Atlantik-Ausläufern, die weit ins Landesinnere ragen. Wie sich eine Straße bis in die Hauptstadt auf die lokale Bevölkerung auswirken würde, ist im Grunde aus vergleichbaren Beispielen auch leicht zu erschließen. Zugleich aber macht Pinhos Film deutlich, dass der Zugang der Ingenieurswissenschaften beschränkt ist. „I Only Rest in the Storm“ hat durchaus Aspekte einer großen Recherche, in einem Land, in dem das Kino schon durch die Arbeiten etwa der Künstlerin Filipa César eine Menge Vorarbeit geleistet hat. In dem scheiternden Technokraten Sérgio bekommt dieses Kino nun aber einen großen, schwachen Helden. Und Portugal zeigt sich einmal mehr als Avantgarde der europäischen Postkolonie.

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