Jetzt aber schnell! Sechs Ausstellungen, die in dieser Woche enden

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Der junge Westen leuchtet in Grau

„Die Anfänge: Radical Innovations“ in der Kunsthalle Recklinghausen.

Vom Bahnhof direkt in die Fünfzigerjahre: Die Kunsthalle Recklinghausen erinnert an ihre Gründungsjahre.

„Geschickt mixt die Schau unterschiedliche Displays aus der eigenen Frühgeschichte,“ stellt unser Kunstkritiker Georg Imdahl fest, „wobei Ausstellungen wie „Mensch und Form unserer Zeit“ von 1952 neben Kunstwerken auch mit Küchengerät, Möbeln, „Hausrat“ bestückt waren. Der fällt nun zugunsten von Kunst weg, was nur konsequent ist. Aus heutiger Sicht wäre einem rhetorisch betulichen Titel wie „Arbeit – Freizeit – Muße“ der Boden entzogen: Es hat ja niemand mehr groß Freizeit und Muße.“

 Aus einem Katalog der Grands Magasins du Louvre in Paris, um 1925Werbung, als schönes Kunsthandwerk betrachtet: Aus einem Katalog der Grands Magasins du Louvre in Paris, um 1925Archives nationales de France

Im Tempel der satanischen Versuchung

„La Saga des grands magasins“ in der Cité de l’architecture, Paris.

Eine Ausstellung zu Geschichte und Gegenwart der großen Warenhäuser.

„Auch von dem stereotypen, in der Werbung bis zum Überdruss vervielfachten Bild der idealen Kundin (weiß, jung, dünn, schön und reich) rücken Warenhäuser seit der Jahrtausendwende ab“, schreibt unser Rezensent Marc Zitzmann, „wenngleich, wie die Schau zu Recht bemerkt, in einem bloß oberflächlichen Bemühen um Inklusivität. Doch weist der Katalog auch den Hang von Beobachtern zurück, jedwede Initiative von Warenhäusern als ein Zeichen von Schwäche auszulegen und regelmäßig das Ende eines angeblich überholten Geschäftsmodells zu prophezeien. 2023 verzeichneten Breuninger in Deutschland, El Corte Inglés in Spanien, El Palacio de Hierro in Mexiko, die Galeries Lafayette in Frankreich, Harrods im Vereinigten Königreich, Magasin du Nord in Dänemark und SKP in China Rekordeinnahmen. 172 Jahre nach seiner Gründung erfreut sich der Bon Marché bester Gesundheit – viele seiner Sprösslinge weltweit eifern ihm nach.“

„Greer modeling jewelry“, New York 1985, aus der Serie „The Other Side“„Greer modeling jewelry“, New York 1985, aus der Serie „The Other Side“Nan Goldin

Die Geschichte meiner Exzesse

„Nan Goldin. This Will Not End Well“ in der Neuen Nationalgalerie, Berlin.

Die Nan-Goldin-Ausstellung in Berlin wird von antiisraelischen Statements der Künstlerin überschattet. Jenseits aller Debatten kann man in der Neuen Nationalgalerie ihr fotografisches Lebenswerk entdecken.

„Nan Goldins Kunst hat wütende Ablehnung und kultische Verehrung ausgelöst“, schreibt unser Berlin-Korrespondent Andreas Kilb, „Im Augenblick ist die Kultgemeinde in der Mehrheit. Sie möchte sich wiederfinden in den Ekstasen, die Goldin vor Jahrzehnten festgehalten hat. Aber die Fotografie kann Totes nicht lebendig machen, sie kann nur sagen, wie es gewesen ist. Man betritt den Glaspalast der Nationalgalerie wie einen Tempel. Man verlässt ihn, als käme man aus einem Mausoleum.“

 Seffa Kleins „New Stream“ aus dem Jahr 2019Kristallin: Seffa Kleins „New Stream“ aus dem Jahr 2019Galerie Poggi

Harmonie aus Geist und Materie

Un ciel interieur. Musée d’art & de Culture Soufis Paris.

Das erste Museum für Sufismus, das nun in der französischen Hauptstadt eröffnet hat, steht im Dialog mit aktuellen Künstlern.

„Wie in jeder spirituellen Lehre haben Symbolik und Metaphern eine hohe Bedeutung“ stellt unsere Rezensentin Bettina Wohlfarth fest,, „im Sufismus kommen Tanz, Musik – mit den Klängen der Rohrschilfflöte, der Harfe und der Langhalslaute - und Dichtung, etwa von Rumi oder Hafis, hinzu. Neben den bestickten Mänteln vergangener Meister werden kunstvoll geschnitzte Wanderstöcke gezeigt, die den langen Weg der Initiation versinnbildlichen. Die Streitaxt Tabarzin, einst Waffe religiöser Krieger, steht für den inneren Kampf, den der Schüler führt, um sich von seinem Ego zu trennen und der materiellen Welt zu entsagen.“

 Modell eines menschlichen Auges, Nürnberg, um 1700Ein neuer Blick auf die Welt: Modell eines menschlichen Auges, Nürnberg, um 1700Deutsches Historisches Museum

Die Wahrheit ist eine Scheibe

„Was ist Aufklärung?“ im Deutschen Historischen Museum, Berlin.

Eine Ausstellung im Deutschen Historische Museum fragt nach dem Wesen der Aufklärung.

„Das sprechendste Exponat im DHM ist ein rundes Stück Papier“, meint unser Berlin-Korrespondent Andreas Kilb: „Es stammt aus dem Besitz des Revolutionsbürgermeisters von Lyon, und man muss nahe herangehen, um zu erkennen, was es enthält: die „Allgemeine Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ von 1789 im Taschenformat. Wenn man die Aufklärung auf ihren programmatischen Kern reduziert, passt sie auf einen Bierdeckel. Das, was darauf steht, hat seine Sprengkraft nicht verloren, auch wenn die Art seiner Formulierung historisch geworden ist. Es ist gut, dass diese Ausstellung daran erinnert.“

 Die Kapisten 1925 in ParisZwischen Krakau und Montparnasse: Die Kapisten 1925 in ParisNationalbibliothek Warschau

Zauberberg der Malerei

„The Kapists. 100th Anniversary“ im Nationalmuseum, Krakau.

Der Czapski-Pavillon Nationalmuseum Krakau widmet dem Kapismus eine kleine, feine Schau.

„Aufschlussreich ist auch der Abgleich mit den kürzlich edierten Notizheften Andrzej Wajdas“, betont der Rezensent Dominik Kawa: „In einem Eintrag vom Januar 1983, anlässlich einer zeitgenössischen Ausstellung polnischer Kunst im Pariser Grand Palais, geht der bedeutende Regisseur hart mit den Kapisten ins Gericht: Statt gründlich aus der Tradition von Matejko bis Malczewski zu schöpfen, seien sie in ihrer jugendlichen Schwärmerei dem Sonderling Pankiewicz und einer fixen Idee von Paris verfallen. Das Urteil über die Epigonen fällt vernichtend aus: „Handwerk und Ausführung miserabel. Die Formate zu klein, die Farben zu schwach, die Zeichnung undeutlich und, vor allem, das Sujet unklar.“ Davon kann jedenfalls bei der Ahnengalerie im Czapski-Pavillon nicht die Rede sein - ein postumer Verriss also, der zur Widerlegung einlädt. Hier liegt noch viel zu entdecken.“

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