Iranischer Regisseur Mohammad Rasoulof in Berlin: Filme, die brennen

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Mohammad Rasoulof ist jetzt ein Teil des deutschen Kinos. Vor vier Wochen stand sein Film „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ als deutscher Beitrag auf der Liste der Kandidaten für den Auslands-Oscar. Für den Deutschen Filmpreis, der im Mai verliehen wird, ist er abermals als bester Spielfilm nominiert – und Rasoulof als bester Regisseur. Dass er in Iran Filme dreht, ist auf absehbare Zeit ausgeschlossen, seit er im März vergangenen Jahres aus seiner Heimat floh, um einer achtjährigen Gefängnisstrafe inklusive Peitschenhieben wegen regimefeind­licher Pro­pa­gan­da zu entgehen. Das Filmmaterial zur „Saat des heiligen Feigenbaums“, einer iranisch-französisch-deutschen Koproduktion, wurde von Rasoulofs Cutter Andrew Bird aus Teheran nach Hamburg geschmuggelt, wo auch die Postproduktion stattfand. Seit Mai letzten Jahres hält sich Rasoulof in Deutschland auf.

Die Nominierung ist ein Glücksfall

Das alles macht aus dem Iraner, der kein Wort Deutsch spricht, noch keinen deutschen Filmregisseur, aber es gereicht dem Land, das ihn aufgenommen und gefördert hat, zur Ehre. Es gibt Zeitgenossen, die sich über die Oscar-Einreichung der „Saat“ aufgeregt haben, weil der Film eben in Iran und nicht in Deutschland spielt. Die meisten aber haben die Nominierung als das empfunden, was sie tatsächlich ist: ein Glücksfall.

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Am Montagabend betrat Mohammad Rasoulof die Bühne des Berliner Wissenschaftskollegs. Seit Dezember ist er Gast des Forschungsinstituts, hat sich aber, wie dessen Rektorin Barbara Stollberg-Rilinger in ihrer Einführung sagte, bislang dort selten gezeigt, weil er zu sehr damit beschäftigt war, für seinen jüngsten Film Preise zu empfangen oder zu Preisverleihungen zu reisen, für die er nominiert war. Neben Rasoulof saß die in Iran geborene und wie er im Exil – in ihrem Fall in Paris – lebende Fotografin Hannah Darabi, die derzeit als Fellow am Kolleg residiert.

Darabi hat in ihrer Heimat Fotoserien aufgenommen, die der offiziellen Bildpropaganda des Mullah-Regimes eine visuelle Geschichte des Alltags entgegensetzen, in der die Erinnerung an die Modernisierung des Landes vor der islamischen Revolution von 1979 aufbewahrt ist. Beide Künstler arbeiten sich, so gesehen, an der Selbstdarstellung Irans ab, wenn auch auf ganz verschiedene Art.

Ein Prozess der Selbstbefragung im Gefängnis

Gleich zu Beginn wurde deutlich, warum Rasoulof den Machthabern in Teheran als ein so gefährlicher Gegner erscheint, dass sie ihn immer wieder mit Gefängnis, Hausarrest und Berufsverbot belegt haben. Nach seiner ersten Verurteilung im Jahr 2010, erzählte er, habe er in der Einzelhaft einen Prozess der Selbstbefragung durchlaufen. Dabei sei ihm klar geworden, dass er mit den poetisch verschlüsselten Filmen, durch die er bekannt geworden war, nicht weitermachen konnte. Statt dessen wollte er die iranische Wirklichkeit so zeigen, wie sie war. Zwar sei politische Kunst in Iran schlecht angesehen, aber Schönheit, die aus der Verleugnung der Realität entstünde, sei eine Lüge.

An den drei Filmausschnitten, die an dem Abend gezeigt wurden, konnte man erkennen, was dieser ästhetische Richtungswechsel bedeutet. Im ersten, aus „White Meadows“ (2009), rudern zwei Männer durch eine endzeitliche Wasser- und Wüstenlandschaft. Im zweiten, aus „Manuscripts Don’t Burn“ (2013), tötet ein Geheimpolizist einen Gefangenen mit ei­ner Wäscheklammer, die dem Mann, dessen Mund zugeklebt ist, auch die Nase verschließt. Im dritten, aus „Doch das Böse gibt es nicht“ (2020), diskutiert ein Rekrut, der bei einer Hinrichtung assistieren soll, mit seinen Kameraden darüber, wie er sich der Aufgabe entziehen kann.

Eine Sprengkraft wie kein anderes Medium

Mit jedem Film rückt Rasoulof näher an die Verhältnisse heran, die er beschreibt. Dadurch werden auch die moralischen Fragen dringlicher, die seine Filme stellen. In seinem jüngsten, der während der Frauenproteste im Jahr 2022 spielt, besitzen sie ein Sprengkraft, die kein anderes Medium erreicht.

Damals saß Rasoulof gerade im Teheraner Evin-Gefängnis. Dort, so berichtete er in Berlin, baten ihn zum Schichtdienst eingeteilte Rekruten darum, „Doch das Böse gibt es nicht“ mit ihnen anzuschauen. Sie besorgten sich eine Kopie des verbotenen Films, und weil er ihnen so gut gefiel, musste er ihn mit jeder neuen Schicht zusammen ansehen, insgesamt sieben Mal. Ein Beamter des Justizministeriums, der ihn im Gefängnis besuchte, erzählte ihm von seinen Selbstmordgedanken und den Konflikten mit Frau und Kindern, die ihn nach seiner Rolle bei den Unruhen fragten. Das Regime, sagt Rasoulof, funktioniert im Alltag längst nicht mehr, nur haben es viele noch nicht gemerkt. Deshalb wird er weiter Filme über Iran machen. Selbst wenn er sie in Deutschland drehen muss.

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