Talent braucht Reibung. Val Kilmer glühte auf der Leinwand am hellsten, wenn er einen sehr starken Filmpartner hatte, dessen Können seinen Ehrgeiz kitzelte. Deutlich tritt das schon in „Top Gun“ (1986) hervor, wo Kilmer als Rivale des Kampfpiloten „Maverick“ Tom Cruise gegenübersteht. Regisseur Tony Scott ließ beide wie Kampfhunde beim Beschnuppern des Gegners ihre Köpfe bis auf wenige Zentimeter zusammenbringen. Cruise mimt Gelassenheit. Kilmer erfindet das Kaugummikauen als Machoeinschüchterungsmittel neu, das Respektlosigkeit drohend mit Kiefermalmen verbindet – und schickt ein Grinsen hinterher, das den anderen härter trifft als jede verbale Beleidigung.

Im Aufspüren solcher kleinen Gesten war er groß; unvergesslich etwa in Michael Manns „Heat“ (1995), wo er im Team von Robert De Niro einen Banküberfall begehen soll, während Al Pacino den Dieben auf der Spur ist. In einer Szene vor dem Raub besucht De Niro Kilmer in einer Villa am Strand, redet ihm ins Gewissen, dass er seinen Liebeskummer überwinden soll („Häng dich an nichts, was du nicht in dreißig Sekunden wieder vergessen kannst“), mit leisem, dunklem Gemurmel, kaum lauter als die Wellen draußen. Kilmer nimmt das Spiel auf, variiert virtuos, gibt heiser zurück: „Für mich geht die Sonne mit ihr auf und unter, verstehst du?“ – Herzschmerz als Flüstern unter blonden Strähnchen.

Grenzen testete er nicht erst am Filmset. Mit siebzehn Jahren war der 1959 in Los Angeles geborene Val Edward Kilmer der jüngste Student, den die New Yorker Juilliard School je zum Schauspielstudium zugelassen hatte. Die autoritäre Strenge der Schauspielschule verabscheute er, hasste die Stimmübungen, bei denen er lernte, das Sprachorgan wie eine Trompete benutzen zu können. Aber der Trotz suchte sich Wege ins Kreative. Gemeinsam mit seinen Mitstudenten schrieb und inszenierte Kilmer ein Theaterstück über den westdeutschen Linksradikalen Michael „Bommi“ Baumann.

Von ähnlichem Widerstandsgeist geprägt, zeigte sich auch seine Interpretation der Rocklegende Jim Morrison in Oliver Stones „The Doors“ (1991). Die Verkörperung machte Kilmer selbst für einen großen Teil der Neunzigerjahre zu so etwas wie einem Rockstar. Er pflegte das exzentrische Image als „schwieriger Umgang“ beim Dreh und lieferte einige der hellsten Filmmomente der Neunzigerjahre, etwa als Doc Holliday im Western „Tombstone“ neben Kurt Russel oder in der Wells-Verfilmung „Die Insel des Dr. Moreau“ mit Marlon Brando. Um die Jahrtausendwende zog er sich ins Private zurück, beschäftigte sich umfassend mit Mark Twain, schickte dessen Bücher als Lektüre an Schulen, lud Klassen aber auch zu Shakespeare-Aufführungen ein. Die Galerie, die er in den letzten Jahren in seiner Heimatstadt Los Angeles betrieb, stellte er jungen Künstlern als Arbeitsraum zur Verfügung.
Und wie ernst er seine Ausbildung bei allem Lamentieren doch genommen hatte, zeigte sich vor wenigen Jahren, als er nach einer Kehlkopfkrebs-Operation dank der Juilliard-Übungen das Sprechen wiedererlangen konnte.
Es bedurfte enormer körperlicher Anstrengung, aber Kilmer nahm sie für einen kleinen Auftritt in „Top Gun: Maverick“ (2022) in Kauf, um Tom Cruise erst die Vorlage für Charakterschwäche-Einsichten zu liefern und ihm dann ein Versöhnungsangebot zuzuflüstern. Bei der Umarmung glomm ein letztes Mal das Feuer, das Kilmer zu entfachen wusste. Am Dienstag ist Val Kilmer im Alter von fünfundsechzig Jahren in Los Angeles gestorben.