Das Selbstverständnis der Franzosen drückt sich wie in wenigen anderen Ländern in einer beschworenen Esskultur aus. Nadia Pantels Ansatz, sich in ihrem Buch dem Land über die nationale Küche zu nähern, drängt sich daher nahezu auf. Doch wie sie das tut, kann sogar Frankreichkenner überraschen. Pantel, Tochter einer französischen Mutter und zeitweilige Frankreich-Korrespondentin einer deutschen Tageszeitung, erklärt dem Leser anhand der Kulinarik Grundzüge der französischen Gesellschaft.
Sie beginnt mit dem Baguette als dem Symbol für die Zentralisierung Frankreichs. Denn nur hier habe 1793 die Idee von einem Brot für alle geboren werden können. Der Revolutionsgedanke in gebackener Form, das Ideal von Gleichheit als Teigstange. Pantel erklärt auch, dass ökonomische Unterschiede innerhalb Frankreichs lange durch das Baguette, genauer gesagt das beliebte Jambon-beurre-Sandwich, aufgezeigt wurden, nämlich mittels eines „Jambon-beurre-Index“ der Regionen. Oder nehmen wir den schon im Buchtitel auftauchenden Camembert. Wird er den Regeln der französischen Etikette nach konsumiert, schneidet man ihn nicht in Scheiben an, sondern wie eine Torte. Jeder am Tisch soll etwas vom Besten des Käses, dem cremigen Kern, abbekommen. Egalité und fraternité als Milchprodukt.

Auch der in Frankreich tief verwurzelte Meritokratiegedanke schlage sich in der Kulinarik nieder. Während der Wettbewerb für das beste Baguette, den besten Kellner, das beste Huhn in Sahnesoße in Deutschland mal mit Bewunderung, mal mit Belustigung wahrgenommen wird, stehen solche kulinarischen Konkurrenzen im Nachbarland symbolisch für ein hartes Leistungssystem. Denn in Frankreich gebe es eben für jeden Lebensbereich einen Wettbewerb, einen Concours. „Ständig wird ermittelt, wer die Besten, die Klügsten, die Belesensten sind.
Das hat zum einen den Effekt, dass Menschen sich ihr ganzes Leben über immer wieder in Ranglisten wiederfinden. Zum anderen führt es tatsächlich zu einem Drang nach Perfektion und Meisterschaft“, schreibt Pantel. Das erklärt für Pantel sogar die Abneigung vieler Franzosen gegenüber Macron: „Es braucht eine Sozialisierung in der permanenten Leistungsschau Frankreichs, um zu verstehen, warum ein strahlender Alleskönner wie Macron solche Aversionen auslöst.“
Sie zeichnet ein facettenreiches Bild der französischen Gesellschaft, widmet sich Politik, Soziologie und Geschichte. Auch das unruhige Frankreich kommt dabei in den Blick, ob an den landestypischen Kreisverkehren, an denen die Gelbwesten Merguez-Würstchen grillten und sich nach Gemeinschaft sehnten, oder in den Banlieues, wo Jugendliche French Tacos essen und sich gegen Chancenlosigkeit und Rassismus auflehnen.
Die immer noch unzureichend aufgearbeitete koloniale Algerien-Vergangenheit Frankreichs ist mit dem Couscous verknüpft, das eine dauerhafte Präsenz in der französischen Küche gefunden hat. Es wurde, so Pantel, „in Frankreich auf dieselbe Art eingemeindet wie die Menschen, die ihn mitbrachten, beiläufig und günstig eben. Oder anders ausgedrückt: ohne Respekt und so billig wie möglich.“
Pantel gelingt es auf solche Weise, Aspekte der französischen Gesellschaft auf einnehmende und unterhaltsame, dabei durchaus nicht überhebliche Art zu behandeln. Der Leser erfährt, was Rotwein mit Feminismus und Steak frites mit Nationalismus zu tun haben, wieso ein optisch und geschmacklich eher blasser Streichkäse für gute alte Zeiten steht und was Pain au chocolat mit französischer Kindererziehung zu tun hat. Und überdies findet er auch noch seinen Appetit angeregt.
Nadia Pantel: „Das Camembert-Diagramm“. Ein etwas anderes Frankreich-Porträt. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2025. 224 S., geb., 24,– €.