Alle Filme von Giorgos Lanthimos sind hässlich (abgehackte Körperteile; quälende Lügen; inhumaner Missbrauch von Ronnie-James-Dio-Musik) und schön (Walter Benjamins Paris im Winterkleid; Emma Stone tanzt ohne Grund auf einem Parkplatz; zerbrechliche Zuneigungsbeweise im übelsten Drecksex). Außerdem sind diese Filme lustig. Aber wie! Stellen Sie sich einen Riesen vor, der Sie mit einer großen Axt bedroht. Sie jammern: „Tu mir nichts!“ Der Riese erwidert: „Keine Angst, die Axt ist nicht geladen.“ So denkt der Humor des Filmemachers Lanthimos.
Von allen Lanthimosfilmen liebt der Kritiker, den Sie gerade lesen, am meisten jeden einzelnen (die zwei schlechten sogar besonders doll). Der neueste heißt „Bugonia“ und läuft im Wettbewerb von Venedig. Erste Warnung: Es ist der bislang blutigste seines Schöpfers. Zweite Warnung: Der Film ist ein Remake – Lanthimos und sein Drehbuchautor Will Tracy haben die südkoreanische Öko-Horror-Orgie „Save the Green Planet!“ (2003) von Jang Joon-hwan ins eigene Filmidiom übersetzt, und ob das bedeutet, dass man das Urbild nicht kennen sollte, weil man sonst die Wendungen der fast vollständig übernommenen Originalhandlung nicht mehr so verblüffend findet, oder ob man das Urbild im Gegenteil bis zum Kinostart von „Bugonia“ auswendig lernen sollte, weil dann die maximale Erregung wegen schockierend anderer Ursachen und Verknüpfungen derselben Ereignisse rauszuholen ist, weiß die Warnung nicht genau. Sie möchte bloß mit den Armen fuchteln, auf und ab springen und sich unartikuliert heiser schreien, weil das die angemessene Reaktion auf beide Filme ist.
Mit einer Szene Filmgeschichte gemacht
Im Original entführt ein zurückgezogen lebender Jungerwachsener, unterstützt von seiner leicht beschränkten, aber sittlich hochstehenden Freundin, einen Industriellen, den der Entführer für einen getarnten Außerirdischen hält.
Der Entführte führt sich auch in Gefangenschaft auf, als sei er der Herr im Haus, und wird zur Strafe dafür gefoltert, damit er seine buchstäbliche Unmenschlichkeit gesteht. Das klingt schlimm, ist aber bei Jang Joon-hwan erst der Anfang und bei Lanthimos nur das motivische Hackbrett, auf dem die Menschlichkeit als solche filetiert wird.
Den Entführer spielt beim Griechen Jesse Plemons, der letztes Jahr mit einer einzigen Szene Filmgeschichte gemacht hat, nämlich bei Alex Garland in „Civil War“, wo er einen Mann verkörpert, an dem das Verrückte nicht so sehr die abwegigen Überzeugungen sind, die ihn zu bösen Taten treiben, als vielmehr etwas, das seine Stimme bei jedem Satz dazusagt: „Nichts wird mich je aus meinem Wahn locken, ich bin da zu Hause.“
Irre, die andere Irre bekämpfen
Die zwei wichtigsten Nebenfiguren von „Save the Green Planet!“ haben für „Bugonia“ ihre Geschlechter getauscht: Anstelle einer Freundin hat der Entführer einen Cousin, der ihm zur Hand geht; der Schauspieler Aidan Delbis gibt den unbedarften, aber rührend zur Hoffnung entschlossenen Jungen mit mehr Würde, als in der Rolle eigentlich Platz haben sollte, Bravo. Der Entführte des Originals wiederum ist jetzt eine Frau, Emma Stone, die diesmal (wie seit Iñárritus „Birdman“ 2014 jedes Mal) fesselnder und mitreißender spielt als je zuvor. Diese Managerin einer biomedizinischen Firma hat die Alphamännchen-Drohgebärden, aus denen „Save the Green Planet!“ so viel Hass melkt, nicht nötig, sondern spricht fließend die manipulativen Businessdialekte „Verständnis“, „Vielfalt“ und „Verhandlungsbereitschaft“: „I hear where you’re coming from“, „I respectfully disagree“ und so weiter. Dieser Zungenschlag, aber auch das aufgekratzte Konterhecheln des Verrückten, ein gemeinsames Abendessen und andere Benimmforschungs-Versuchselemente sind grausiger als die großzügig in den Film gematschten Gewaltausbrüche – zumal die Entführte körperbauhalber, und weil sie sich so graziös wehrt, Instinkte beim Publikum auslöst, von denen der Urfilm nichts wusste: Man will sie erst beschützen und ist dann entsetzt, als man erkennt, wie wenig sie das nötig hat.
Die Gewaltausbrüche ihrerseits dienen als Wendepunkte zwischen Diminuendo-Abläufen und Crescendo-Eskalationen; an den physisch harten Stellen wendet sich die Blicklenkung der Regie nach einem kurzen Schreckensblitz meist ab, um etwa eine plärrende Soundmaschine anzustarren, während daneben Qualen stattfinden, und Crescendo, Diminuendo sowie Schrecken sind einfach dazu da, die Nerven des Publikums zu strecken und zu stauchen, bis sie vielleicht, hoffentlich, flexibel genug sind, die Kompromisslosigkeit einer bienenfleißig in aller Offenheit vorbereiteten und doch wie hinter vorgehaltener Klauenhand verborgenen Schlussoffenbarung auszuhalten.

Nach der Pressevorführung dieser Monstrosität, die selbst langjährige Lanthimos-Fans nachgerade kapieren ließ, was sein auch nicht gerade beruhigendes Emanzipationsmärchen „Poor Things“ (2023) in Wahrheit für ein psychologisch entgegenkommender, gemessen am Thema geradezu höflicher und pädagogischer Film war, saßen ein paar Kolleginnen und Kollegen des Kritikers, immer noch wie betäubt vor Abscheu oder Begeisterung wegen Lanthimos, im neuen Noah-Baumbach-Kino-Herzenströster „Jay Kelly“ mit der menschgewordenen warmen Teetasse George Clooney und sahen dem Star dabei zu, wie er mit Adam Sandler klönt und sich darüber freut, dass sich die herrliche Laura Dern abermals eine neue Art hat einfallen lassen, erstklassige Hauptrollenmänner an die Wand zu spielen. „Jay Kelly“ ist ein guter Film; aber man hatte sich gerade beim Griechen die filmkritische Urteilszunge verbrannt, und so schmeckte Hollywood nur noch nach Streichkäse auf Toast. Was war das bloß, dieses „Bugonia“?
Ein Duell zwischen Jesse Plemons und Emma Stone über die Frage, ob Irre, die andere Irre bekämpfen, damit je irgendeiner Wahrheit näher kommen als alle anderen Menschen, die in unserem sehr späten abendländischen Stadium des Doppelexperiments „Zivilisation und Kultur“ auch nicht weniger irr sind.
Am Schluss schaut Emma Stone auf etwas hinunter, das sie hat kaputt machen müssen. Ihr Gesicht, Trauer und Zweifel, beendet den hässlichen Teil des Films, auch den schönen, sogar den lustigen. Der Witz ist vorbei. Der Riese hat gelogen. Die Axt war geladen.