Die Evangelische Kirche erodiert – das ist eine große Chance. Wir haben im Evangelischen Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf (Sprengel Berlin) darüber nachgedacht, wie diese Chance sich nutzen lässt. Hier ist das Ergebnis.
Davon gehen wir aus
Wie sich Menschen im Kleinen organisieren, war und ist bis heute immer rückgekoppelt an die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im Großen und diese gesellschaftliche Rückkopplung gilt für alle, auch für die Kirche.
Es ist zum Beispiel kein Zufall, dass sich unsere Kirche im 19. Jahrhundert vereinsähnlich organisierte – in dieser Zeit schossen Vereine als Antwort auf die industrielle Vermassung aus dem Boden. Ebenso wenig ist es Zufall, dass die Evangelische Kirche bis 1918 staatsanalog aufgestellt war.
Am Beginn des 3. Jahrtausend ist allerdings eine vereinsähnlich oder staatsanalog organisierte Kirche längst zum Anachronismus geworden. Im digitalen Zeitalter ist das Evangelische Netzwerk die zeitgemäße Organisationsform der Kirche.
Wir sind überzeugt: Die Kirche von morgen wird eine integrierte Kirche sein.
Wir sind überzeugt: Die Kirche von morgen wird eine integrierte Kirche sein. In ihr wird die ganze Fülle dessen, was mit und neben der verfassten Kirche – organisatorisch meist eigenständig – auch evangelisch ist, vernetzt zusammenwirken. Wir glauben an das Netzwerk des Heiligen Geistes.
Die gute Nachricht: Für diesen Ansatz ist die Kirche längst und besser als viele andere Organisationen vorbereitet:
- Sie hat natürliche Netzwerkpartner: Einrichtungen der Diakonie, evangelische Schulen und ihre Teams, evangelische Hochschulen, Akademien, Religionslehrkräfte, etc.
- Sie hat eine wirkungsgeschichtlich starke Metapher im Gepäck, wenn sie das Bild vom Leib und den vielen Gliedern (1 Kor 12) institutionell liest, das heißt auf alle evangelischen Netzwerkpartner bezieht.
- Ihr geistlicher Energieversorger, der Heilige Geist, wirkt nach vielfachem biblischen Zeugnis hoch integrativ.
Eins ist uns bewusst: Der Ansatz, vom Nebeneinanderher zum evangelischen Wir zu kommen, ist alles andere als neu. Im biblischen Zeugnis selbst gehört ja noch zusammen, was sich historisch aus guten Gründen in eine verfasste Kirche und aus ihr heraus, aber neben ihr in unterschiedliche Einrichtungen und Werke differenziert hat.
Es ist angesichts der Erosion unserer Kirche höchste Zeit, wieder zusammenzubringen, was zusammengehört. Das ist unsere Chance.
Die Chancen dieses Weges
… sind groß, und zwar…
- ... für die Menschen, zu denen wir gesandt sind. Im evangelischen Teamspiel haben wir ihnen mehr zu bieten als es Einzelspieler leisten können. Das, besser zu sein, sind wir den Menschen schuldig. Diese Zeit braucht ein gutes evangelisches Zeugnis.
- ... für uns selbst. Für die Kirche, von der Erosion betroffen, liegt in der Netzwerkorientierung eine Chance, aus der Depressionsspirale („wir werden immer weniger“) herauszufinden, denn: „Zusammen sind wir viele“. Ebenso profitieren die Partner aus der Diakonie und den Bildungseinrichtungen vom evangelischen Netzwerk, hat doch die Kirche (ehrenamtlich und beruflich engagierte) Menschen und vieles mehr zu bieten, zum Beispiel Raum und Profil. Und selbst da, wo der unmittelbare Nutzen einer Zusammenarbeit nicht erkennbar wird, täusche man sich nicht: Das evangelische Netzwerk ist nicht nur eine Hoffnungs-, sondern auch eine Schicksalsgemeinschaft: Leidet einer, betrifft das eher früher als später auch die anderen.
Die Herausforderungen des Ansatzes
… sind leider auch groß, und zwar
- Es ist sehr anspruchsvoll, unterschiedliche Betriebslogiken in einem Netzwerk zu verbinden und zusammenzuhalten. Wenn zum Beispiel eine vielfach ehrenamtlich geleitete Kirche als Institution und eine professionell-unternehmerisch geführte Diakonie als Organisation kooperieren, sind Konflikte wahrscheinlich. Bis eine konsensorientierte Gemeindeleitung einer Projektidee erst einmal nähertritt, hat die Diakonie das Projekt bereits abgerechnet. Dafür kann eine (noch) kirchensteuerfinanzierte Gemeindeleitung rasch auf eine konkrete Not im Sozialraum reagieren, während eine Diakonie erst einmal auf die Suche nach einer Refinanzierung gehen muss. Die Bildungsprofis in den evangelischen Schulen, Hochschulen oder im Religionsunterricht an nicht-evangelischen Schulen leisten ihren Beitrag wiederum in einem ganz eigenen, von zahlreichen staatlichen Rahmenbedingungen geprägten Feld. Ihre Art der Organisation und des Denkens steht wiederum dem der verfassten Diakonie und der verfassten Kirche eigenständig gegenüber.
- Daraus folgt: Es ist eine große Herausforderung, das evangelische Netzwerk zu knüpfen. Es gilt, die unterschiedlichen, zum Teil einander reibenden Betriebslogiken als komplementär schätzen zu lernen. Dafür braucht es auf allen Seiten Einsicht in den Wert, aber auch in die Grenzen des eigenen Beitrags für das Netzwerk. Es braucht Wertschätzung für die Partner, die anders, aber gerade deshalb so wertvoll sind. Die beste Chance hat diese Haltung da, wo gemeinsam die geistliche Mitte kultiviert wird. Ist die Mitte stark, vermag sie eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Knotenpunkte zusammenzuhalten.
Konkretion: Der Weg im Evangelischen Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf
Der Anfang
Das Nachdenken über eine Zukunft des Kirchenkreises mündete 2020 in einen Beschluss der Synode: Der Auf- und Ausbau einer strukturierten Zusammenarbeit mit Partnern aus der Diakonie und dem Bildungsbereich bildet das Herzstück der Strategie.
Als Netzwerk des Heiligen Geistes haben wir Zukunft.
Es folgten Gespräche mit einer ersten Auswahl von Partnern der Diakonie, die im Kirchenkreis verortet sind. Es wurde eine Kooperationsvereinbarung formuliert, die u.a. eine Finanzierung von Stellenanteilen vorsah und der Steuerungskreis „Evangelisch in Teltow-Zehlendorf“ ins Leben gerufen. 2022 war das Evangelische Netzwerk gegründet.
Die erste Runde der Erweiterung: 2024 wurde beschlossen, den Steuerungskreis zu erweitern um ein ebenfalls am Ort etabliertes evangelisches Krankenhaus sowie um die örtliche Evangelische Hochschule. Mit ihr ist nunmehr auch ein Akteur aus dem Bildungsbereich vertreten. Der Leitgedanke dabei war, dass ein Teil der rund 1800 Studierenden als Mitarbeitende in einer der diakonischen Einrichtungen gewonnen werden könnte.
© dpa/Jens Büttner
Die nächste Runde der Erweiterung ist für das Jahr 2026 geplant: Es ist das Ziel, dann sämtliche Diakonische Einrichtungen im Kirchenkreis, alle Evangelischen Schulen, den Fachbereich Religionsunterricht sowie ein Evangelisches Hausverwaltungsunternehmen, ebenfalls im Kirchenkreis ansässig, vertreten zu haben. So wird das Evangelische Netzwerk ausgebaut sein.
Die Basisstruktur ermöglicht konkrete Zusammenarbeit zwischen den Partnern. Aktuell, am Jahresbeginn 2025, folgende Elemente:
- Schule: Auf einem ehemals gemeindlichen Standort wurde vom Kirchenkreis eine Evangelische Grundschule mit Theaterschwerpunkt errichtet und eine Zusammenarbeit mit den umliegenden Gemeinden etabliert.
- Entwicklung der Synode zum Evangelischen Forum: Die Kreissynode hat eine Satzungsänderung beschlossen. Die im Steuerungskreis verbundenen Partner erhalten Sitz und Stimmrecht im obersten Leitungsorgan des Kirchenkreises. Sie sind nunmehr kein Gast mehr, sondern genießen Hausrecht. Gemeinsam übernehmen wir Verantwortung für den Sozialraum
- Zukunftsorte: Ein Teil der Bauzuweisungen für die Gemeinden ist daran geknüpft, Nutzungspartnerschaften für Immobilien zu entwickeln. Konkret geht es darum, gemeindliche Räume und Flächen den im Steuerungskreis vertretenen Partnern gegen Miete oder Pacht zur Verfügung zu stellen. So reduziert sich die Baulast für die Gemeinden, die Partner erhalten (kostbaren) Raum, vor allem aber entstehen ausstrahlungsstarke evangelische Standort mit Zukunft.
- Netzwerkfähigkeit als Haltung: In Jahresgesprächen, Pfarrkonventen, Ausschreibungen, Personalauswahl und Stellenbeschreibungen etc. bildet der Kirchenkreis den strategischen Ansatz ab.
- Förderung durch die Landeskirche: Für den Auf- und Ausbau einer strukturierten Zusammenarbeit im evangelischen Netzwerk hat die Landeskirche (EKBO) Fördermittel bereitgestellt.
Das Zielbild
Evangelische Schulen und Hochschulen, diakonische Einrichtungen und weitere Partner sind keine Anhängsel, sondern ganz Kirche, allerdings nicht die ganze Kirche – so wenig wie dass die verfasste Kirche das für sich in Anspruch nehmen kann. Gemeinsam sind wir Glieder am Leib Jesu Christi (1 Korinther 12) – ER allein (und keiner der Netzwerkpartner) ist das Haupt.
Wir sind eine bunte, vielfältige, heterogen organisierte, sehr wirksame Schicksals- und vor allem Hoffnungsgemeinschaft. Zusammen bilden wir eine regionale Dachmarke: „Evangelisch in …“ Zusammen sind wir viele. Als Netzwerk des Heiligen Geistes haben wir Zukunft. Wir sind im Werden.