Rita Süssmuth – ein Name wie Donnerhall. Besonders für manche Männer. Wie Franz Josef Strauß: Wenn der ihren Namen nur hörte, wurde der Ober-Bayer fast zur Furie.
Ihre liberale Aidspolitik als Bundesfamilien- und -gesundheitsministerin brachte den Ministerpräsidenten und CSU-Chef dazu, sie des Sonntags daheim im rheinischen Neuss anzurufen und so laut anzubrüllen, dass man es auch ohne Telefon hören konnte. Süssmuth lächelte derweil entschuldigend, schwieg sich aus – bis sie nach dem Redeschwall betont ruhig widersprach. In der Ruhe lag schon auch Kraft.
Das waren Zeiten. Frauen hatten in der Politik einen noch schwereren Stand als heute. Rita Süssmuth war eine Vorkämpferin für sie. Und wie. Jetzt ist sie mit 88 Jahren gestorben.

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Heiner Geißler entdeckte sie
Auf die große Bühne kam Süssmuth als eine Entdeckung Heiner Geißlers, des legendären Generalsekretärs der CDU. Sie war zwar seit 1981 Mitglied der Partei, aber der SPD-Grande Johannes Rau wollte sie am liebsten abwerben. Rau hatte die Professorin der Erziehungswissenschaften zuerst an der Bochumer Ruhr-Uni gehört, Geißler sie danach mehrmals als Direktorin des Instituts Frau und Gesellschaft in Hannover. Das Offene, überlegt Moderne, intellektuell Fordernde hatte beide beeindruckt.
Aber Geißler war entschlossen, sie zu halten – und zu fördern. Darum schlug er die weitgehend unbekannte Süssmuth dem Kanzler und CDU-Chef Helmut Kohl 1985 als seine Nachfolgerin im Bundesfamilienministerium vor. Ihr erster schneller Sieg über die „Paschas“ in der Politik, denen gerade auch Geißler zusetzen wollte, wurde übrigens die Umbenennung: Von 1986 an war es das Ressort für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit. Für Frauen, das war neu.
Ihr Ansehen war so groß, dass Kohl sie nur wegloben konnte
Anfangs war auch Kohl ganz begeistert. Eine neue Frau für ein neues Frauenbild in der männerdominierten CDU – in seinen Reden auf Parteitagen sprach der große Vorsitzende sogar davon, dass die Zeit der „Bonzen“ vorbei sein müsse. Dass seine vorüber sein sollte, fand dann 1988 bei dem Versuch einer Revolte neben anderen auch Süssmuth. Es blieb bei dem Versuch. Und dann kam die Einheit.
Aber Süssmuths Ansehen in der Öffentlichkeit war so groß, dass Kohl sie nicht loswerden, sondern nur wegloben konnte: auf den Posten der Bundestagspräsidentin. Das blieb sie von 1988 bis 1998; mit fast zehn Jahren war ihre Amtszeit die drittlängste in der Geschichte des Parlaments. Zwei Männer, beide wie sie von CDU, amtierten länger: Eugen Gerstenmaier und Norbert Lammert.

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In der Öffentlichkeit wuchs ihr Renommee mit dem Bundestagsamt sogar noch, in ihrer Partei konnte sich Süssmuth aber auch halten. Erheblich länger als ihr Mentor Geißler, den Kohl bald schasste. Gestartet als Vorsitzende des Bundesfachausschusses für Familienpolitik, war sie von 1986 bis 2001 dann Bundesvorsitzende der Frauen-Union. Immer freundlich-streitbar, beherrscht, unbeirrt, elegant im Auftreten. Und nicht leicht zu stoppen, wenn sie das Wort hatte.

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Progressive Haltung in der Aidspolitik
Gleichstellung war ihr Lebensthema. Liberalität lebte sie wie selbstverständlich. Daheim in einer 56 Jahre währenden Ehe mit ihrem Mann Hans, einem bedeutenden Geschichtsprofessor, eher weniger christdemokratisch, und in der Politik. Daher wohl auch ihre – damals – geradezu progressive Haltung in der Aidspolitik, gegen viele Widerstände. Da spukte doch manchen Konservativen die Idee von Lagern für HIV-Erkrankte im Hirn herum.
Ihre Themen konnte sie sehr hartnäckig vertreten, bis 1998 sogar noch im Präsidium der CDU. In dem Jahr schied Süssmuth aus. Kohl, den sie all die Jahre kräftig genervt hatte, der sie wie Strauß zuweilen anfuhr, aber auch – er hatte die Wahlen verloren.

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„Lovely Rita“ blieb sie über all die Jahre. Und als wollten sie einen Fehler der Geschichte wettmachen, berief die regierende SPD sie später gerne in Kommissionen, selbst der als Macho verschriene Otto Schily als Bundesinnenminister. Migration, Zuwanderung, innere Einheit – kein Thema, bei dem ihre Liberalität nicht gefragt war. Respekt war ihr überall sicher, in West wie dann auch in Ost. Bei der Trauerfeier für den großen Brandenburger Manfred Stolpe in Potsdam hielt Süssmuth auf Wunsch der Familie in der Kirche eine Rede. Es wurde vor Rührung eine lange.
Unzähligen Studierenden hat sie den Weg zu ebnen versucht, vielen in der Politik, vielen Frauen. Manche waren RCDS-Bundesvorsitzende, wurden Landes- oder Bundesminister, stellvertretende DGB-Vorsitzende. Im Januar 2021 sprach sich Süssmuth dann für Armin Laschet als neuen CDU-Vorsitzenden aus. Der hatte früher für sie als Abgeordnete gearbeitet und Reden geschrieben.
Rita Süssmuth hat sich in der Politik einen großen Namen gemacht. Er hallt nach. Manche Männer können davon nur träumen.

vor 2 Tage
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