Die Nachrichten in diesen Tagen klingen wie eine schlechte Wiederholung aus der Gaskrise von 2022/23. Deutschlands Gasspeicher entleeren sich immer mehr und sind zu nicht einmal mehr einem Drittel befüllt. Gleichzeitig wachsen die Abhängigkeiten beim Flüssigerdgas. Doch 2026 ist es nicht der russische Präsident, der Deutschland das Gas abdrehen könnte, sondern der US-Präsident.
Im Leben, wie in der Politik, gilt der Grundsatz, dass Fehler passieren. Entscheidend ist, dass man daraus lernt. Bei der Gas-Strategie von Deutschland und Europa scheinen Zweifel daran berechtigt.
Unter hohen wirtschaftlichen Kosten wurden seit dem Angriff auf die Ukraine die Importe von russischem Gas in den europäischen Wirtschaftsraum um 81 Prozent gesenkt. Bis Ende 2027 will die EU überhaupt kein Gas mehr aus Russland importieren. Doch die entstandene Gas-Lücke haben die Amerikaner geschickt gefüllt.
92
Prozent des deutschen LNG kamen 2025 aus den USA.
Seit 2019 haben sich die Importe von Flüssigerdgas (LNG) aus Amerkia nach Europa versechsfacht. Deutschland bezog 2025 sogar 92 Prozent seiner LNG-Lieferungen aus den USA. In nur drei Jahren wurden die LNG-Kapazitäten in den USA verdoppelt, weitere Exportterminals sind geplant. Das Gas erreicht Europa nun nicht mehr per Pipeline, sondern auf Schiffen.
Das hat seinen Preis. Ökonomisch, weil das über den Atlantik transportierte Gas für die Industrie in Europa immer teurer sein wird als in den USA. Aber auch geopolitisch droht das US-LNG unter Präsident Donald Trump zur Waffe zu werden. Mit seiner Zollpolitik und den Drohungen gegenüber Grönland hat Trump gezeigt, dass er seine Interessen mit allen Mitteln durchsetzen will.
Ein gutes Geschäft für Trump, ein schlechter Deal für die EU
Und doch hat sich die EU-Kommission im vergangenen Sommer verpflichtet, noch mehr Öl und LNG aus den USA zu beziehen. Im Zoll-Streit (dem ersten) garantierte die EU Trump ein Abnahmevolumen im Wert von 750 Milliarden Dollar bis 2028. Eine irrwitzige Summe und ein schlechtes Geschäft für Europa. Sich aus der Umklammerung von Wladimir Putin zu lösen, um sich dann an den Hals von Donald Trump zu werfen, scheint keine besonders durchdachte Strategie zu sein.
Auch die Bundesregierung mit Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) wiederholte alte Fehler, als sie die gesetzlichen Füllvorgaben für die deutschen Gasspeicher absenkte, um damit Geld zu sparen. So ging das Land am 1. Dezember mit gerade einmal zu zwei Dritteln gefüllten Speichern in den Winter. Eine Fahrlässigkeit, die nun wohl dazu führen wird, dass auf dem Weltmarkt hektisch teures Gas nachgekauft werden muss. Die Rechnung bezahlen die ohnehin schwächelnde Industrie und – mit zeitlichem Verzug – die Privathaushalte.

© IMAGO/BMWE/Juliane Sonntag
Trotz der fast leeren Speicher und der LNG-Abhängigkeit von den USA hört man aus Reiches Haus beschwichtigende Töne. Mit Norwegen habe man einen stabilen europäischen Partner als wichtigsten Gaslieferanten, heißt es dort. Das mag stimmen, doch das norwegische Gas wird über die Europipe-Pipelines durch die Nordsee gepumpt, in der Putins Schattenflotte ihr Unwesen treibt. Eine Beschädigung der Rohre würde für Deutschland wohl einen erneuten Gas-Schock auslösen.
Noch kann die Politik aus ihren Fehlern lernen. Kurzfristig müsste sich Europa beim Gas dafür endlich ernsthaft diversifizieren und neben den USA auch Verträge mit Katar, Australien, Algerien und Co aufsetzen. Deutschland sollte sich zudem schnell Gedanken über eine nationale Gasreserve machen, wie sie Polen oder Frankreich längst haben. Wer Gas für einen Winter in der Hinterhand hat, wird weniger zum Spielball fossiler Autokraten.
Mittelfristig sollten Deutschland und die EU ihren Fokus aber auf die Erneuerbaren lenken. Deren Ausbau war zuletzt wieder politisch unter Druck geraten. Dabei bietet die Elektrifizierung große Chancen. Mit jedem Haus, das von einer Wärmepumpe geheizt wird, mit jedem Auto, das mit Strom betrieben wird und mit jedem Industrieprozess, der auf Wasserstoff setzt, sinkt der Hunger nach Öl und Gas. Langfristige Energie-Unabhängigkeit von Putin oder Trump wird es nur mit Sonne, Wind und Wasser geben.

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