Stiller sorgt für Lärm: Es gibt Augenblicke, in denen ein Fußballstadion ganz still wird. Wenn ein Ball aufs Tor fliegt und die Fans im Stadion spüren, dass es eng wird, dass er im Tor landen könnte, halten sie zu Tausenden inne. So war es auch in der 5. Minute im Pokal-Duell der Stuttgarter gegen Leipzig. VfB-Spielmacher Angelo Stiller traf den Ball im Anschluss an einen Eckball perfekt, die Zuschauenden hielten kollektiv den Atem an. Dann schlug der Volleyschuss aus gut 20 Metern im Tor ein und das Stuttgarter Stadion explodierte. Es war der Auftakt in einen Pokalabend, an dem der VfB noch mehr zu feiern haben sollte.
Ergebnis: 3:1 (1:0) gewann der VfB Stuttgart gegen RB Leipzig in diesem Halbfinale des DFB-Pokals. Damit folgt der VfB dem Sensationsfinalisten Arminia Bielefeld ins Endspiel in Berlin. Ein Endspiel, mit dem in dieser Form vor der Saison natürlich jeder gerechnet hat. Ausgetragen wird es am 24. Mai.
Gebrüllt wie ein Löw: Am Sonntag trennte sich RB von Trainer Marco Rose, bis Saisonende heißt sein Nachfolger Zsolt Löw. Der 45-Jährige ist eigentlich ein Mann der zweiten Reihe, in den vergangenen Jahren arbeitete er als Co-Trainer unter Thomas Tuchel. Nun trieb er seine Spieler insbesondere nach schwachen Aktionen an. Er ballte die Faust nach einer vergebenen Torchance, hob den Daumen nach einer Verlagerung ins Toraus. »Eine positive, gute Stimmung reinzubekommen« sei sein Anliegen gewesen, sagte Löw vor dem Anpfiff. Dieses Debüt wird ihm dabei eher nicht helfen.

Löw in Stuttgart: Mal positiv, mal zornig
Foto: Tom Weller / dpaStuttgarts Schwung: War gegen RB zunächst geprägt von Stillers wunderbarem Treffer. Ende Februar, beim 1:3 gegen die Bayern, hatte Stiller schon einmal ein Traumtor erzielt, aber damals mit seinem linken Fuß, seinem eigentlich stärkeren. Zum 1:0 gegen Leipzig traf er mit rechts. Rund um sein 1:0 drängte Stuttgart RB in die Defensive, Maximilian Mittelstädt (5.) und Ermedin Demirović (9.) vergeben gute Gelegenheiten. Aber dann kippte etwas im Spiel des VfB.
Leipzigs Antwort: Eine Viertelstunde war gespielt, da scheiterte RB-Angreifer Loïs Openda das erste Mal an VfB-Keeper Alexander Nübel. Nach 17 Minuten geschah es nochmal. Und dann nach 35 Minuten erneut. In jener Szene fehlte besonders wenig zum Ausgleich, es war einer Glanztat Nübels zu verdanken, dass Openda das 1:1 verpasste. Dem Spielverlauf wäre ein RB-Treffer längst angemessen gewesen. In dieser Phase fehlte Stuttgart jede Entlastung. Was auch am lange unglücklichen Auftritt eines Schlüsselspielers lag.

Nick Woltemade: Lässig bei Tor und Jubel
Foto: Angelika Warmuth / REUTERSDer Hype-Stürmer: In der Bundesliga trickst und trifft Nick Woltemade derart eindrücklich, dass er neuerdings als möglicher Bayern-Zugang gehandelt wird. Gegen Leipzig aber tat sich der 23-Jährige schwer, er machte kaum Bälle fest, setzte sich selten durch und leitete eine Leipziger Torchance mit einem Ballverlust ein. Aber diese Halbzeit wollte er nicht auf sich sitzen lassen.
Woltemade sorgt für Stille: Nach der Pause näherte sich der Angreifer dem Tor an, ein parierter Kopfball aus der 55. Minute war sein erster Abschluss der Partie. Zwei Minuten später traf er zum 2:1: Mit großer Eleganz nahm er den Ball an, bediente Teamkollege Demirović und den Ball prompt zurück. Dann schoss er ihn trocken ins lange Eck (57. Minute). Danach joggte Woltemade über den Rasen und hielt sich die Hand hinter das Ohr, »Jetzt höre ich keine Kritik mehr«, könnte das heißen. Ein begabter Fußballer war Woltemade schon zu Bremer Zeiten, aber vor dem Tor wirkte er geradezu schüchtern, er spielte ab oder schlug einen Haken, wo ein Abschluss nötig war. Diese Zeiten sind vorbei.
Ein Hoffnungsschimmer: Für einen solchen sorgte Leipzigs Benjamin Šeško. Der schaltete vor seinem Treffer zum 1:2 schneller als jeder andere Spieler auf dem Feld. Zuvor hatte VfB-Mittelfeldspieler Atakan Karazor den Ball am eigenen Strafraum nicht klären können, einen Moment danach traf RB-Stürmer Šeško, »Jaa, weiter, weiter!« brüllte Löw in seiner Coachingzone. 62 Minuten waren da gespielt, Woltemades 2:0 war kaum fünf Minuten alt und Leipzig schien zurück im Spiel zu sein. Schien. Erneut nach einem Eckball fiel das 3:1, diesmal trat Stiller die Ecke und Jamie Leweling staubte ab (73.).

RB-Chefs um Jürgen Klopp (2.v.r.): Bedröppelte Blicke
Foto: Kai Pfaffenbach / REUTERSVerkorkste Saison: Auf der Stuttgarter Tribüne saß das RB-Triumvirat, bestehend aus Oliver Mintzlaff, Jürgen Klopp und Mario Gómez. Immer wieder wurde es von den TV-Kameras eingefangen, zufrieden wirkte es selten. Leipzig wird die Saison ohne Titel beenden. Die Champions League kann immerhin noch erreicht werden. Sollte das nicht gelingen, wäre diese Spielzeit eine vollkommen verkorkste. Wer Trainer nach Löw wird, ist zudem offen. Nur eines steht fest: Klopp wird das nicht. »Vorher würde ich das noch machen, und das will gar keiner sehen«, sagte Geschäftsführer Mintzlaff vor dem Anpfiff bei Sky. Er könne das also »zu tausend Prozent ausschließen.«
Und Stuttgart? Kann erstmals seit 1997 den Pokal gewinnen. Damals zauberte auf dem Platz das Magische Dreieck, bestehend aus Krassimir Balakov, Giovanne Élber und Fredi Bobic. Trainiert wurde das Team von einem Berufsneuling namens Joachim Löw. Dass der Pokalsieg gelingt, davon gehen die Stuttgarter Fans nun aus. »Wir holen den Pokal«, sangen sie in den Schlussminuten dieses Halbfinals gegen Leipzig. Die Rechnung ohne Arminia Bielefeld zu machen, diesen Fehler sollten die Stuttgarter Profis besser nicht begehen. Das taten schon andere Bundesligisten. Ausgang bekannt.