Radevormwald ist eine Kleinstadt im Bergischen Land. In meiner Kindheit war ich einmal dort, als meine Eltern einen Dackelwelpen aus einer Hundezucht abholten. In Erinnerung geblieben sind mir eine kurvenreiche Fahrt und ein Haustier, das sich in seinen leider nur etwas mehr als zwei Lebensjahren als ebenso wagemutig wie verrückt entpuppte: Tommy hasste fahrende Autos und hetzte ihnen entlang des Gartenzauns nach. Offenbar hatte er das sichere Gefühl, sie zu verjagen. Als er es einmal vom Bürgersteig aus versuchte und deshalb den Angriff ohne Hindernis dazwischen starten konnte, wurde er überfahren. Als Kind hatte sich Radevormwald deshalb bei mir als landschaftlich reizvoller Ort eingeprägt, der aber das Unglück herausforderte.
Ich war zu jung, um zu wissen, wie sehr das zutraf. Am 27. Mai 1971 hatte sich nahe der Stadt ein schweres Eisenbahnunglück ereignet, bei dem ein Güterzug frontal mit einem Schienenbus kollidiert war. 46 Menschen starben, in der Mehrzahl Neuntklässler der Hauptschule von Radevormwald, die von ihrer Abschlussfahrt zurückkamen. Auch Wolfgang Schneider, der Lokführer des Schienenbusses, überlebte den Unfall nicht.

Dessen Enkel Eric Schneider war damals ebenfalls zu jung, um sich heute richtig daran erinnern zu können. Der 1968 geborene, mittlerweile in Berlin lebende Comiczeichner, der zu den immer noch wenigen deutschen Vertretern seines Fachs gehört, die von ihrer Arbeit leben können – Eric Schneider gestaltet Comics für Lego –, hat nun aus eigenem Antrieb eine Geschichte über das Zugunglück gezeichnet: „Opi“. Wie der Titel sagt, steht dabei Wolfgang Schneider im Mittelpunkt. Obwohl es so etwas wie einen Mittelpunkt in Eric Schneiders Comic gar nicht gibt. Aber dazu später.
Der Aufbruch zum Tod
Der noch junge Großvater, Jahrgang 1926, stand am 27. Mai 1971 vom familiären Abendbrottisch auf, um zu der Sonderfahrt aufzubrechen, die er übernommen hatte. Er kam nicht zurück. Vor dem Aufbruch hatte er noch seinen Sohn und seine Tochter, Erics Mutter, überreden wollen, ihn doch im Führerstand zu begleiten: „Das ist so ’ne schöne Strecke.“ Radevormwald eben.

Schön, was die Grafik angeht, ist Eric Schneiders Comic leider nicht, aber klug. Die schwarz-weißen Bilder sind in einem skizzenartigen Stil angelegt, der so weit wie nur denkbar von der bunten Gefälligkeit in Schneiders Lego-Comics entfernt ist. Das ist angesichts der tristen Geschichte eine konsequente Wahl, und vielleicht war es auch gar nicht möglich, mehr grafischen Aufwand auf ein Privatprojekt zu verwenden. Immerhin aber ist „Opi“ jetzt auf Initiative des Vereins Bergische Zeitgeschichte in einem – wenn auch kleinen – Regionalverlag erschienen: dem Bergischen Verlag aus Remscheid. Aber wird dieses Buch über das Bergische hinaus Leser finden?
Nicht aus der Motivation persönlicher Betroffenheit jedenfalls; dafür ist das bis zum ICE-Unfall von Eschede opferreichste deutsche Eisenbahnunglück der Nachkriegszeit zu sehr in Vergessenheit geraten. Aber wer sich für originelle Erzählweisen des Comics interessiert, sollte „Opi“ unbedingt lesen. Denn Schneider hat eine Struktur für seine Geschichte gewählt, die mir noch nie begegnet ist.


„Opi“ ist viergeteilt. Aber nicht nacheinander, sondern synchron. Das heißt konkret: Auf jeder der Doppelseiten des kleinformatigen Bands werden vier Erzählstränge fortgeführt: jeder auf einer Halbseite. Rechts unten läuft die Lebensgeschichte von Wolfgang Schneider in jeweils fünf Panels ab, beim Umblättern kommen wir dabei jeweils ein Jahr weiter, von 1926 bis 1971. Für den Platz darüber hat Eric Schneider jeweils ein großes einzelnes dokumentarisches Bild gezeichnet: nach Motiven, die er der zeitgenössischen Berichterstattung über das Unglück entnommen hat – Zeitungsfotos, Schlagzeilen und zum Schluss als eindrucksvollste Sequenz die Passfotos der 46 Opfer, angeordnet zu Blöcken von jeweils neun Aufnahmen. Als letztes kommt dann auf der Schlussseite einzeln dargeboten das Porträt von Wolfgang Schneider – klein, aber umso eindrucksvoller in seiner isolierten Wirkung.
Wie sich die Leben von Großvater und Enkel verschränken
Zumal unten links auf dieser Doppelseite 94/95 ein weiterer Leerraum steht. An dieser Stelle wird auf den Seiten zuvor eine Folge aus immer derselben Ansicht geboten: die Sicht aus dem Führerhaus des Schienenbusses auf die herannahende Güterzuglokomotive. Wie in einer Daumenkinosequenz kommt sie immer näher, nachdem sie zunächst hinter einer Rechtskurve gar nicht sichtbar war – strenger Nachvollzug der konkreten Situation am 27. Mai 1971. Auf dem vorletzten Bild ist dann die Lok so nah herangekommen, dass man nur noch einen ihrer Scheinwerfer sieht. Und lange ist diese gezeichnete Annäherung von maschinengeschriebenen Zitaten begleitet, die den Aussagen des überlebenden Güterzugführers und des mit der Streckenzuteilung befassten Fahrdienstleisters entstammen. Sie stammen aus den Ermittlungsakten zum Unfall. Ein Schuldiger wurde nie identifiziert.


Auch nicht Wolfgang Schneider, obwohl es ein Element im vierten, bisher hier noch nicht beschriebenen Erzählstrang gibt, das einen nachdenklich stimmt. Diese vierte Ebene, jeweils oben links als vier Panels angeordnet, ist die ungewöhnlichste, denn dort wird das Leben des Zeichners Eric Schneider erklärt, und zwar rückwärts, beginnend mit seinem noch in der Zukunft liegenden Tod. Den prognostiziert Schneider sich für 2043, und das daraus resultierende unheimliche Gefühl kennt man aus dem autofiktionalen, auch bis zum real noch nicht eingetretenen Tod reichenden Comic „Heldentage“ von Flix (jetzt enthalten im Großband „Held“).
Die Parallelisierung von zwei Leben bringt auch einen Zusammenstoß
Schneiders Lebensschilderung setzt ein, als ein Enkel sich durch seinen Nachlass wühlt und dabei nicht nur auf die Lego-Comics stößt, sondern auch auf „Opi“, in dem er dann sich selbst entdeckt – „voll spooky“. Der Enkel ist übrigens, wie man dem Comic entnehmen kann, Realität, denn die Nachricht, dass Eric Schneiders Tochter ein Kind erwartete, erreichte ihn während der Arbeit an „Opi“. Und wie er sein Leben hin zum Opa mit dem unten rechts geschilderten des eigenen Großvaters parallelisiert, das hat großen Reiz.
Zugleich aber erfahren wir auch aus den immer weiter zurückgehenden – was für ein Kontrast mit dem sich darunter immer weiter nähernden Güterzug! – Reminiszenzen ans Leben des Zeichners Eric Schneider einiges über Wolfgang Schneider. Nicht zuletzt, dass er ein schwerer Trinker war, und kombiniert mit einer darunter einmal zu lesenden Versicherung des anderen Lokführers, dass er vor Fahrtantritt keinen Alkohol getrunken habe, macht man sich Gedanken über den Großvater, der vor dem Aufbruch bei Tisch noch ein großes Glas geleert hat. Aber wie gesagt: Eric Schneider ist zu jung, um sich daran wirklich erinnern zu können.
Evokativer jedenfalls kann man schwerlich erzählen. Für einen großen Verlag und einen Leserkreis übers Bergische Land hinaus sollte diese Geschichte allemal geeignet sein. Nicht in ihrer derzeitigen Form. Aber womöglich sorgt die Qualität dessen, wie und was erzählt wird, auch noch für eine Überarbeitung dessen, wie es gezeigt wird.