Clemens Brentano: Die Mystikerin sprach, der Dichter schrieb

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Am 24. September 1818, einem Donnerstag, kam der romantische Dichter Clemens Brentano in der münsterländischen Stadt Dülmen an. Er meldete sich bei Anna Katharina Emmerick, erhielt Zugang zu der Eckstube, in der die kränkliche ehemalige Nonne lebte, und wurde warm empfangen: „Sie streckte mir die stigmatisirten Hände freudig entgegen, und sagte freudig, nu sieh, man kann doch den Bruder nicht in ihm verkennen.“

Clemens Brentano war keineswegs der erste Besucher, der in Emmericks Krankenzimmer vorsprach. Ein Jahr zuvor, im Sommer 1817, war sein Bruder Christian, dessen Züge Emmerick offenbar in Clemens wiederfand, auf drei Monate zu ihr gekommen. Und auch er reiste an, weil frühere Besucher von der stigmatisierten Frau erzählt hatten, die einiges Aufsehen erregte – nicht nur mit den Wundmalen Christi, die an ihrem Körper sichtbar seien, sondern auch mit ihren Visionen von Heiligen, Schutzengeln und biblischen Gestalten.

Geistreich, launisch, exzentrisch

Was Clemens allen anderen Besuchern voraushatte, war die Beharrlichkeit, mit der er sich Emmerick widmete. Er blieb, mit einigen Unterbrechungen, jahrelang bei ihr und hörte ihre Reden an: „Alles was sie sagt ist schnell, kurz, einfach, einfältig, ganz schlicht, ohne breite Selbstgefälligkeit, aber voll Tiefe, voll Liebe, voll Leben, wie eine kluge, feine, frische, keusche, geprüfte recht gesunde Seele“, notiert er begeistert nach kurzer Bekanntschaft.

Dass er dafür so empfänglich war, wurzelt auch in seiner von Umschwüngen geprägten Vergangenheit, mit der er haderte und die er hinter sich lassen wollte. Das betrifft sein Schreiben ebenso wie seine bisherige Lebensführung, soweit das eine vom anderen überhaupt zu trennen ist. Als junger Autor hatte er 1800/01 den „verwilderten“ Roman „Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter“ publiziert, dessen autobiographische Aspekte für jeden sichtbar waren, der ihn kannte, sodass das gewählte Pseudonym „Maria“ den Verfasser kaum verbarg. Gemeinsam mit dem Freund Achim von Arnim gab er 1805 bis 1808 die Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ heraus, die von Goethe hoch gelobt wurde. Privat galt er als gewinnend, als funkelnd geistreich, aber auch als unberechenbar, launenhaft und exzentrisch. Die Nachrichten von seinen Eskapaden verbreiteten sich in der literarischen Öffentlichkeit seiner Zeit, etwa die überstürzt und unter dramatischen Umständen eingegangene Verbindung des achtundzwanzigjährigen Witwers Brentano mit der sechzehnjährigen Frankfurter Erbin Auguste Bußmann im Sommer 1807, die nach kurzer Zeit in einer ebenfalls breit rezipierten, gewalttätigen Ehe mündete.

Sein Leben? Ein ungeheurer Sündenhaufen!

Als sie 1814 nach jahrelanger Trennung der Eheleute endlich auch nach dem Gesetz geschieden wurde, steckte Brentano in einer tiefen Krise und suchte sein Heil in der Rückkehr zur katholischen Religion. Wilhelm Grimm, der ihn ein gutes Jahrzehnt früher kennengelernt hatte, fand ihn 1816 „nicht sehr verändert in seinem Wesen, äußerlich aber dicker und älter geworden; er hat einen Anstrich von Frömmigkeit angenommen, stellt sich öfter edel an, als sonst, zankt aber leichter“.

Mit der Frömmigkeit war es Brentano allerdings ernst. Im Februar 1817 legte er eine Generalbeichte ab, die Arnim offenbar kannte. Sie war mit „10 Bogen eng beschrieben“ äußerst umfangreich, schreibt der davon offenbar nicht besonders erschütterte Freund, der ja auch einiges von Brentano gewohnt war: „Er versicherte mir, es sei ein ungeheurer Sündenhaufen gewesen.“ Als ein weiteres Zeichen dafür, seinem Leben eine neue Richtung zu geben, ließ er 1819 seine reiche Bibliothek versteigern, behielt dabei allerdings die frommen Schriften und auch manche andere.

Ein Koffer voll mit blutigen Tüchern

Dass ihn in dieser Phase seines Lebens die Kunde von Emmerick so elektrisierte, dass er nach Dülmen reiste und sich dort zeitweilig niederließ, ist angesichts seiner impulsiven Persönlichkeit nicht überraschend. Die Ernsthaftigkeit aber, mit der er sich der stigmatisierten Frau widmete, befremdete auch diejenigen, die ihn gut kannten. Seine Schwester Bettina, verheiratet mit Achim von Arnim und einst seine engste Vertraute, war ausgesprochen skeptisch, was seine religiöse Schwärmerei angeht: Clemens habe „einen ganzen Koffer voll blutiger Tücher und Binden von der Nonne“, schreibt sie 1824 an Arnim, „die will er jedermann zum Anrühren geben, und wer sich davor ekelt, der kriegt eine tüchtige Salve; ans Übertreiben hat er sich so gewöhnt, daß nichts wie Wunder und Wunder aus nichtsbedeutenden Dingen gemacht werden“.

Wie sah der See Genezareth in biblischer Zeit aus? Und welche Gestalt hatte das Schiff, das Jesus benutzte? Clemens Brentano ließ es sich von Anna Katharina Emmerick sagen und hielt es am 21./22. August 1822 fest.Wie sah der See Genezareth in biblischer Zeit aus? Und welche Gestalt hatte das Schiff, das Jesus benutzte? Clemens Brentano ließ es sich von Anna Katharina Emmerick sagen und hielt es am 21./22. August 1822 fest.Freies Deutsches Hochstift

Damals hatte er bereits Jahre damit verbracht, die Aussprüche der Kranken ebenso mitzuschreiben wie seine Erlebnisse an ihrem Bett. Er schrieb und schrieb, am Ende sind es einige Tausend Seiten. Emmerick berichtete im Detail über das Leben Marias und ihres Sohnes, lieferte ein farbiges Bild der Kreuzigung und wusste vieles über die Jünger, das nicht in der Bibel überliefert ist. Auch die Topographie des Heiligen Landes erhielt durch Emmericks Visionen klare Konturen, die Brentano anhand von Kartenmaterial, das er seiner Gewährsfrau vorlegte, weiter abglich.

Aber auch das Leben der 1774 bei Coesfeld geborenen, 1802 ins Kloster eingetretenen Emmerick selbst ist Gegenstand der Gespräche: siegreich bestandene Anfechtungen, hilfreiche übernatürliche Wesen, missgünstige Ordensfrauen, himmlische Gnadenerweise und dergleichen mehr ist ihrer Biographie eingeschrieben. So notiert Brentano, wie Emmerick zum allerletzten Schritt, dem Ablegen des Gelübdes zusammen mit ihrer Freundin Klara, plötzlich sechs Taler fehlen, um noch benötigte Papiere herbeizuschaffen. Auf ein Gebet hin hört sie eine Stimme, die ihr den Ort bezeichnet, wo sie die Summe finden wird: „So aber habe ich noch öfters Geld empfangen, auch um die Apothekerrechnungen zu zahlen und immer mit solchem geistlichen Gepräge; einigemahl empfieng ich auch Goldstücke.“ Bis das Kloster 1811 aufgehoben wird und sie die Gesellschaft der Nonnen verlassen muss, neiden ihr manche Mitschwestern diese himmlische Gunst.

Sind Brentanos Blätter Dichtung oder Dokument?

Die Phase des Sammelns war beendet, als Anna Katharina Emmerick am 9. Februar 1824 gestorben war. Brentanos Beschäftigung mit ihr war es noch lange nicht. In einem Vortrag im Arkadensaal des Freien Deutschen Hochstifts skizzierte Dietmar Pravida kürzlich das weitere Schicksal des umfangreichen Konvoluts. Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Freien Deutschen Hochstift beschrieb die Publikationsbemühungen Clemens Brentanos, die zu drei für den Druck eingerichteten Manuskripten führten. Das sehr viel umfangreichere handschriftliche Material aber ging nach Clemens Brentanos Tod 1842 an seinen ebenso frommen Bruder Christian, der es in einem Schrank verschloss, zu dem nur er den Schlüssel hatte. Nach seinem Tod, so bestimmte er, solle es in Kirchenbesitz gelangen.

Bedingt durch die Arbeitsweise Brentanos, der seine Notizen so umfangreich anreicherte und formte, dass es kaum möglich ist, authentische Mitteilungen der Emmerick daraus zu extrahieren, changieren die Blätter des Konvoluts zwischen Dokument und Dichtung. Genau das führte zur Aufteilung des Materials, als ein Verfahren zur Seligsprechung Emmericks eingeleitet wurde und das, was als Dokument angesehen wurde, zur Prüfung nach Rom ging. Glückliche Umstände führten die Blätter dann schließlich als Leihgaben zum Freien Deutschen Hochstift nach Frankfurt, wo sie ausgewertet und zum Teil im Rahmen der historisch-kritischen Brentano-Ausgabe bei Kohlhammer mustergültig ediert wurden – 1981 beispielsweise das Material zu einer Emmerick-Biographie.

Eine Bibel braucht sie nicht

Inzwischen konnte das Konvolut vom Hochstift auch angekauft werden, und als Pravida seinen Vortrag nun im Rahmen eines von Wolfgang Bunzel und Konrad Heumann geleiteten interdisziplinären Workshops zu Brentanos Emmerick-Papieren hielt, saßen einige Editoren der Werkausgabe im Publikum.

Deutlich wurde in weiteren Vorträgen, wie wenig Brentanos Wunsch, die mitgeteilten Visionen festzuhalten, von seinen ganz anders gelagerten Interessen zu trennen sind. „Das Gedruckte Wort Gottes, empfängt sie ungedruckt“, meinte Brentano zu Emmericks Visionen, die er aber kräftig einzufärben wusste.

So hatte er in Berlin die junge Luise Hensel kennengelernt, eine Pfarrerstochter und geistliche Dichterin, von der das Lied „Müde bin ich, geh zur Ruh“ stammt. Sabine Oehring, die den Briefwechsel der beiden herausgegeben hat, ging den Vorstellungen nach, die Brentano für ein Zusammenleben mit Hensel, die sich seinem Werben entzog, und Emmerick entwickelte, in dem er selbst als Priester fungiert hätte. Nicht nur die Tatsache, dass er trotz seiner Scheidung in kirchlicher Sicht als verheiratet galt, solange Auguste Bußmann noch lebte, stand diesem Plan entgegen. Aber er fügt sich zu zahlreichen Äußerungen, die er Emmerick zuschreibt und die darauf abzielen, Hensel in religiöser Hinsicht unter Druck zu setzen.

Die Emmerick-Papiere erweisen sich im Licht dieser Forscherzusammenkunft nicht nur als längst noch nicht ausgeleuchtete Schatzkammer. Sie lassen auch erkennen, wie wohlangewendet die Mittel für ihren Ankauf sind.

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