Carl Friedrich von Siemens Stiftung: Andreas Urs Sommer, ein praktizierender Skeptiker

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Leser der F.A.Z. können seinen Namen seit einem Vierteljahrhundert kennen. Damals hatte Kurt Flasch, der Mainzer Philosoph, in seiner Rezension eines „Lexikons christlicher Denker“ dekretiert, dass man ihn sich werde merken müssen: Andreas Urs Sommer. Sieben Einträge hatte Sommer für das Personenlexikon geliefert, darunter neben dem über Thomas Morus auch den über Franz Overbeck, der eigentlich als anti-, un- oder jedenfalls nachchristlicher Denker einsortiert werden müsste, obwohl er von 1870 an als Professor der Universität Basel die Auslegung des Neuen Testaments lehrte. Overbeck gelangte durch historische Studien zu der radikalen Einsicht, dass sich die christliche Botschaft in der Gegenwart nicht mehr vermitteln lasse, dass jede Übersetzung in die Sprache der modernen Kultur sie verfälsche und damit die von ihr beanspruchte Wahrheit ins Gegenteil verkehre.

Der zeitweiligen „Waffengenossenschaft“ Overbecks mit dem Basler Kollegen Friedrich Nietzsche widmete sich 1997 das erste Buch des 1972 im Kanton Aargau geborenen Sommer. Kurt Flasch urteilte darüber in der F.A.Z.: „Sommers Arbeit überzeugt durch philosophischen Problemsinn, interpretatorische Finesse und literarische Kultur.“ Seine 1998 in Basel angenommene Dissertation interpretiert Nietzsches Schrift „Der Antichrist“ in Form eines Stellenkommentars, eines Genres strikter Sachbezogenheit, das gerade durch diese Selbstbeschränkung weiteste Perspektiven eröffnen kann. Auch dieses Buch wurde von Flasch in der Zeitung rezensiert. Er lobte den Kommentator: „Methodisch gesehen, ist ihm die Vereinigung von philosophischer Analyse und historischer Erudition mustergültig gelungen.“

Kulturkritik als philosophische Aufgabe

Am 1. März übernimmt Sommer, der seit 2016 in Freiburg einen Lehrstuhl für Philosophie mit Schwerpunkt Kulturphilosophie innehat, die Leitung der Carl Friedrich von Siemens Stiftung in München. Schon einmal, 1985, fand die 1958 gegründete Stiftung ihren Geschäftsführer an der Universität Freiburg. Heinrich Meier ist ebenfalls ein Philosoph, der sich für den Doktortitel mit einer Arbeit in sachdienlich klassischem Format qualifizierte, einer Edition von Jean-Jacques Rousseaus „Diskurs über die Ungleichheit“. Meiers Buch über Nietzsches philosophische Lebensform besprach Sommer 2020 in der F.A.Z. Dass Sommer nun die von Meier 2022 geräumte Stelle einnimmt, sieht fast zu sehr nach Tradition aus, gemessen am Eigensinn beider Denker und an ihrem Sinn für den Historismus, die Unausweichlichkeit von Zäsuren und Umbesetzungen. Meier und Sommer verbindet, dass sie an der Kulturkritik als einem Produkt der modernen Wissenschaft nicht nur die Texte, sondern auch die Gegenstände interessieren.

Das Kavaliershaus der Siemens-Stiftung am Südlichen Schlossrondell in Nymphenburg ist ein philosophischer Ort par excellence wegen der Personen, die über die Jahre dort ihre Gedanken entwickelten. 2007 brachte die Stiftung die beiden Achtzigjährigen Dieter Henrich (links) und Robert Spaemann zusammen.Das Kavaliershaus der Siemens-Stiftung am Südlichen Schlossrondell in Nymphenburg ist ein philosophischer Ort par excellence wegen der Personen, die über die Jahre dort ihre Gedanken entwickelten. 2007 brachte die Stiftung die beiden Achtzigjährigen Dieter Henrich (links) und Robert Spaemann zusammen.Jan Roeder

Die Stiftungsgremien hatten nach dem Ende der jahrzehntelangen Ära Meier zunächst den Germanisten Marcel Lepper als Geschäftsführer eingestellt, der als Leiter wichtiger Archive und literaturpolitischer Stratege auf sich aufmerksam gemacht hatte. Nach einem halben Jahr wurde Lepper entlassen, was die Stiftung mit Leppers Führungsverhalten begründete, Lepper hingegen politisch erklärte, mit der angeblich fortwirkenden Macht rechter Netzwerke aus der Zeit des ersten Geschäftsführers Armin Mohler. Als Nothelferin wurde nach Leppers Hinauswurf die erfahrene Kulturmanagerin und frühere Landesministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen mit der Geschäftsführung betraut. Inzwischen wird die Gründungszeit der Stiftung am Münchner Institut für Zeitgeschichte von Maik Tändler erforscht, der schon über Mohler als Publizisten eine instruktive Monographie veröffentlicht hat.

Es bezeichnet die singuläre Stellung der Siemens-Stiftung in der Landschaft der privaten Wissenschaftsförderung, dass sie ei­nen Fachwissenschaftler als Vorsitzenden des Vorstands beruft. Bei der Fritz Thyssen Stiftung in Köln oder der Gerda Henkel Stiftung in Düsseldorf wäre das schwerlich vorstellbar. Sommer verbindet philologische Gelehrsamkeit mit Skepsis ge­genüber dem Wissenschaftsbetrieb, weshalb sich in seiner Publikationsliste auch ein „Lexikon der imaginären philosophischen Werke“ findet. Alle Orientierungsversprechungen der Geisteswissenschaften, so darf man den Autor des Traktats „Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt“ von 2016 verstehen, müssen durch Arbeit an Texten und Problemen geprüft worden sein. Wo Meier die politische Aufgabe der Philosophie in der esoterischen Nachfolge von Leo Strauss bestimmte, veröffentlichte Sommer bald nach dem Beginn des Ukrainekriegs ein Bändchen, das jeden Leser zur Stellungnahme aufforderte: „Entscheide dich! Der Krieg und die Demokratie“.

Die Carl Friedrich von Siemens Stiftung fördert Geistes- und Naturwissenschaften durch Vorträge am Stiftungssitz in Nymphenburg, Stipendien zur Abfassung großer Werke und Geldspenden für Bibliotheken. Das akademische Jahr 2017/18 verbrachte der künftige Stiftungsvorstand als Fellow der Stiftung in München. Kurt Flasch hatte an Sommers Kommentar zum „Antichrist“ im Einzelnen auch etwas zu kritisieren, nahm Anstoß an dem Stil, in dem Sommer wissenschaftliche Kritik an Nietzsche übte, indem er ihm etwa nach Überprüfung der kirchenhistorischen Quellentexte  „antichristliche Falsch­münzerei“ vorwarf. Vom Geld versteht Andreas Urs Sommer allerdings etwas: Seit 1988, als er sechzehn Jahre alt war, publiziert er auch zur byzantinischen Numismatik.

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