„Brand New Bundestag“: Karriere ohne Ochsentour

vor 2 Tage 1

Parteien wirken bei der Willensbildung mit. So haben es die Gründereltern der Bundesrepublik vorgesehen. Ob ihnen dabei stundenlange Sitzungen im Bezirksverein, das langsame Hocharbeiten auf Wahllisten oder die Betreuung des Bratwurststandes vorschwebten, ist fraglich. Parteistrukturen sind für ihren Starrsinn berüchtigt, sie können gute Leute, die keine Geduld oder Zeit für eine Parteikarriere haben, abhalten. Da muss es doch eine Abkürzung geben, dachte sich Maximilian Oehl und gründete „Brand New Bundestag“. In seinem Buch möchte er nun eine „Erkundungstour im Backstage unserer Demokratie“ geben.

Oehl, der 2013 bereits die „Refugee Law Clinic Cologne“ gründete und später im Bundestag arbeitete, hat aus seiner politischen Arbeit dreierlei mitgenommen: Die politischen Parteistrukturen sind träge und kümmern sich nicht aktiv genug um Nachwuchs, das politische Mandat wird von der Parteiloyalität eingeschnürt, und Parteien schließen Menschen aus, die nicht die Kapazitäten haben, an Sitzungen teilzunehmen und dann noch so lange zu bleiben, bis beim Bier danach die wirklich wichtigen Themen besprochen werden. Also erdachte er 2019 mit zwei Freunden „Brand New Bundestag (BNB)“. Seine Organisation ist eine politische Castingagentur, die den Kandidaten Coachings und Infrastruktur zur Seite stellt.

 14,99 Euro.
Maximilian Oehl: Brand New Bundestag. So bringen wir frischen Wind in die verstaubten Parlamente. Goldmann Verlag, München 2025. 192 Seiten, 18 Euro. E-Book: 14,99 Euro. (Foto: Goldmann Verlag)

Sechs Jahre später hat BNB schon einiges im Portfolio, im Buch geht er vor allem auf die Karrieren von Rasha Nasr, Armand Zorn und Kassem Taher Saleh ein, allesamt im Bundestag. Oehl weiß seinen eigenen Erfolg gut zu verkaufen und tatsächlich sollten die Parteien seine mahnenden Worte ernst nehmen, wenn sie zukunftsfähig bleiben wollen. Genauso spannend ist jedoch das, was der Autor indirekt miterzählt. Denn Organisationen wie seine schaffen auch demokratietheoretische Konfliktfelder: Stolz erzählt er, wie Rasha Nasr am Wahlabend auf der SPD-Bühne ein BNB-Shirt trägt. Das Mandat hat sie über die Liste ihrer Partei errungen, Hilfe gab’s dafür von Oehl. Wem gilt nun hier die Loyalität? Komplizierter wird es noch, wenn man erfährt, dass BNB sein eigenes Grundsatzprogramm hat, das die Kandidaten mittragen müssen.

Gegründet, um doch zu bleiben?

„Das Überflüssigmachen der eigenen Organisation“ – das sei das Endziel von BNB, der Tritt in den Hintern der Parteien. Doch nichts ist bekanntlich beharrlicher als Organisationen, die sich einmal gegründet haben. So passiert Oehl am Ende ein (möglicherweise unbedachter) Moment der Ehrlichkeit, wenn er mit den folgenden Worten schließt: „BNB is here to stay. And we are just getting started.“

Gerrit ter Horst ist Literaturwissenschaftler und Historiker. Er lebt in Berlin und ist freier Autor.

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