Bundesverdienstkreuze für die Avantgarde von gestern
Aus der ZEIT Nr. 14/2025 Aktualisiert am 2. April 2025, 19:05 Uhr
Der Frühling hat noch einmal Pause gemacht. Es ist kalt, windig und grau in Berlin, als wir auf der Dachterrasse des Bundeskanzleramts stehen. Claudia Roth, bis auf Weiteres geschäftsführende Kulturstaatsministerin, hat zu einer ihrer letzten Amtshandlungen geladen. Nun werden acht Bundesverdienstkreuze verliehen. Die Geehrten sind in ihren besten Anzügen und Kleidern erschienen, darunter sind die Schauspielerin Ilse Ritter und die Malerin Cornelia Schleime. Sie haben Lebenspartner und Freunde, Kinder und Enkelkinder mitgebracht. Auch Blixa Bargeld bekommt ein Kreuz. Vor ziemlich genau 45 Jahren gaben er und seine Gruppe Einstürzende Neubauten das erste Konzert. Negativ Nein, Abstieg & Zerfall, so hießen damals die Lieder. Die Einstürzenden Neubauten beschworen die Apokalypse, sie verachteten die konservativen Spießer, und sie verachteten die Ökospießer, die damals gerade die Partei Die Grünen gegründet hatten. Und nun steht Blixa Bargeld, von Claudia Roth soeben geehrt, auf der windigen Terrasse, leicht gebeugt, und hält sich würdevoll an einem Gehstock fest. Neben ihm die Linguistin Luise F. Pusch: Auch sie begann Anfang der Achtziger ihre Karriere, als Autorin der ersten feministischen Sprachkritik, unter dem Titel Das Deutsche als Männersprache. Sie erfand die Genderpause (heute als "Glottisschlag" bekannt) und setzte sich für die Verwendung des Binnen-I ein. Damals hätte man gedacht, dass es Welten seien, die Blixa Bargeld und Luise F. Pusch voneinander trennen. Heute weiß man, dass sie der gleichen Welt angehörten. Vielleicht könnte man sagen, es war die Welt von Claudia Roth. Alle diese Menschen noch einmal zusammen zu sehen auf der Terrasse mit dem Blick auf den Reichstag, das ist ein schöner Moment. Aber es fühlt sich auch an, als ob gerade was verweht.