Vor 50 Jahren schrieb der damals zwanzigjährige Bill Gates auf einer Schreibmaschine einen „Offenen Brief an die Hobby-Anwender“. In ihm machte er seinen Ärger darüber Luft, dass nur wenige als 10 Prozent der Hobby-Anwender das von seiner Protofirma Micro-Soft entwickelte 4K-BASIC kauften, wenn sie von der Firma MITS einen Bausatz des Altair 8800 zum Preis von 397 US-Dollar orderten. Ohne die Software war der Rechner nutzlos. In seinem Brief behauptete Gates, Micro-Soft habe fünf verschiedene BASIC-Versionen entwickelt. „Der Wert der von uns aufgewendeten Computerzeit übersteigt 40.000 Dollar.“ Altair-Besitzer, die das auf einem Club-Treffen entwendete 4K-BASIC untereinander kopierten, handelten illegal.
Ein Brief zieht seine Kreise
Gates schrieb: „Hobby-Anwender sollen sich darüber im Klaren sein, dass die Mehrheit von ihnen ihre Software stiehlt.“ Er forderte zum Schluss des offenen Briefes drastische Maßnahmen gegen diejenigen, die das BASIC weiterverkaufen: „Sie sind es, die Hobby-Anwendern einen schlechten Ruf verpassen. Sie sollten von jedem Computerclub-Treffen ausgeschlossen werden, bei dem sie auftauchen.“ Der Brief wurde vom MITS-Angestellten Dave Bunnell kopiert und an mehrere Fachzeitschriften und Tageszeitungen verschickt. Schlagartig wurden Micro-Soft und Bill Gates bekannt und standen im „Mittelpunkt einer ideologischen Debatte“, wie er später in seinen Memoiren geschrieben hat.
Der offene Brief an die Hobby-Anwender hatte zwei Vorgeschichten, die Gates in „Source Code – Meine Anfänge“ so beschreibt. Bei einer Vorführung des Altair-Rechners in einem Hyatt-Hotel angelte jemand eine Ersatzkopie des noch nicht fertig gestellten 4K-BASIC aus einer Kiste, was erst einige Monate später bemerkt wurde. „Am Ende fand es (das Lochband) seinen Weg zu einem Mitglied des Homebrew Computer Clubs, das siebzig weitere Bänder mit der Software herstellte, diese bei einem Treffen seines Clubs verteilte und alle ermutigte, weitere Kopien anzufertigen.“ Hunderte von Kopien zirkulierten, ehe Micro-Soft die Version fertig hatte, die mit dem Altair 8800 verkauft werden sollte.
Wo aber wurde die BASIC-Version entwickelt, wo wurde die von Gates genannte Computerzeit im Wert von 40.000 Dollar verbraucht? Bill Gates und Paul Allen nutzten einen Emulator des Prozessors Intel 8080, der auf einer DEC PDP-10 der Universität Harvard lief. Das fiel schließlich auf, und so wurde der in Harvard eingeschriebene Student Gates zu einer förmlichen Untersuchung durch den Leiter des Computerlabors zitiert, der mit einer Zeugin den Vorgang festhalten wollte. In den Memoiren liest sich das so: „Zeugin? Befinde ich mich in einer rechtlichen Gefahrenzone?, überlegte ich daraufhin. Ich sagte ihm, dass ich dem Center für die Zeit, die ich den Computer genutzt hatte, die Kosten erstatten würde. Zudem erwähnte ich, dass ich die BASIC-Version, die ich in Harvard geschrieben hatte, für alle zugänglich machen wolle, sodass jeder sie würde nutzen können.“
Papa hat‘s gerichtet
Es war schließlich der Intervention von Gates’ Vater zu verdanken, dass die Untersuchung im Sande verlief. Der Rechtsanwalt forderte die Universitätsleitung auf, die schriftlichen Regeln für die Computernutzung herauszugeben, einschließlich der unterschiedlichen Regeln, die jeweils für Professoren und Studenten galten. Sie existierten nicht.
In seinen Erinnerungen spielt Bill Gates die Sache herunter: „Unsere Nutzung des Computers hatte niemanden gestört; der Computer wäre ungenutzt gewesen, wenn wir ihn nicht benutzt hätten. Wir waren auch nicht von MITS angeheuert worden, um die Software zu entwickeln. Es war eine Spezialanfertigung, eine Wette, dass das Unternehmen sie kaufen würde, wenn wir sie schreiben könnten.“ In den von Dave Bunnell als Altair-Clubzeitschrift herausgegebenen Computer Notes wurde Monate später ein zweiter offener Brief von Gates abgedruckt, in dem er sich versöhnlicher gab.
(mho)









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