Berlinale 2026: Drei Jahre wie im Film

vor 16 Stunden 2

Die Weltpremiere eines neuen Films bei einem der großen Festivals kann eine grausame Sache sein. Denn es zählt zu den Gepflogenheiten, dass der Regisseur, die wichtigsten Schauspieler, die Produzenten während der Vorstellung im Saal sitzen. Sie bekommen sehr unmittelbar mit, ob sich das, was sie im Sinn gehabt hatten, auf das Publikum überträgt, ob Pointen zünden, ob sich ein gewünschtes Gefühl einstellt, ob zwischen der künstlerischen Vision und der Stimmung der Menschen ein Kontakt entsteht.

Als İlker Çatak vor drei Jahren bei der Berlinale seinen Film „Das Lehrerzimmer“ präsentierte, war es zwei Stunden lang „mucksmäuschenstill“. Das Drama um eine Schule, an der eine Lehrerin eine Reihe von Diebstählen aufzuklären versucht, schien beim ersten öffentlichen Test nicht zu funktionieren. Und Çatak begann bereits, sich innerlich zu wappnen: „Das wird nichts.“ Mit dieser Erwartung nahm er auch noch den Applaus entgegen, und erst als ihn danach die Kamerafrau Judith Kaufmann ansprach, begann ihm zu dämmern, dass ihm etwas Entscheidendes entgangen war: Ob er die Spannung im Raum bemerkt habe? Die Menschen seien so still gewesen, weil sie so gefesselt waren.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Und dann entlud sich die aufgestaute Energie in ein „überschwängliches Feedback“, das nur langsam zu dem Regisseur durchdrang. „Ich traue oft dem Braten nicht“, so spricht Çatak heute über diesen wegweisenden Moment in seiner Karriere. „Ich habe erst allmählich verstanden, dass das Publikum den Film wirklich mag.“

Die Erfolgsgeschichte „Das Lehrerzimmer“

„Das Lehrerzimmer“ schrieb seither eine große Erfolgsgeschichte: mehr als 250.000 Kinobesuche allein in Deutschland, sieben Auszeichnungen beim Deutschen Filmpreis 2023 – und als Höhepunkt noch die Nominierung für einen Oscar in der Kategorie Internationaler Film im Jahr 2024. İlker Çatak aber wird vermutlich vor allem an dieses eigentümliche Missverständnis vor drei Jahren bei der Premiere denken, wenn er nun in wenigen Tagen bei der 76. Berlinale, die am Donnerstag eröffnet wird, seinen neuen Film „Gelbe Briefe“ präsentiert.

Das Drehbuch hatte er damals, als er „Das Lehrerzimmer“ in die Öffentlichkeit brachte, schon im Wesentlichen fertig gehabt. Ein Künstlerpaar, darum geht es, sieht sich in der Türkei mit zunehmender Repression konfrontiert – und fällt unter politischem Druck aus einer privilegierten Existenz fast ins Nichts.

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Filmemacher sind in der Regel schon ganz woanders, wenn sie vor der Premiere ihres jüngsten Werks stehen. Und so ist es auch bei İlker Çatak, der sich für unser Gespräch per Video aus Teneriffa meldet, wohin er sich gemeinsam mit seinem Schreibpartner Johannes Duncker zum Arbeiten zurückgezogen hat. Sie sitzen an einer Adaption von „Flesh“, dem internationalen Bestseller-Roman von David Szalay, der auf Deutsch unter dem Titel „Was nicht erzählt werden kann“ erschien und durch die Auszeichnung mit dem Booker Prize im vergangenen Herbst noch an Gewicht gewann.

Dass Çatak sich an so einem Stoff versuchen kann, ist eine direkte Folge des nicht zuletzt auch internationalen Erfolgs, den „Das Lehrerzimmer“ hatte. In einer Arbeitspause ist dann aber doch Zeit, um diese zurückliegenden drei Jahre, in denen sich das Leben des Filmemachers İlker Çatak so grundlegend verändert hat, ein wenig zu entwirren und damit auch ein paar Einblicke zu geben in ein Metier, in dem mit Projekten oft gehandelt wird wie mit Aktien, in dem Optionen genutzt werden oder Fristen verstreichen und in dem Begeisterung auch schnell abkühlen kann.

İlker Çatakİlker ÇatakFlorian Mag/ifProductions/Alamode Film

Çatak erzählt, dass Szalays Roman vor einem Jahr an ihn herangetragen wurde. „Da gab es noch keine deutsche Übersetzung“, und vom Booker Prize 2025 existierte noch nicht einmal eine Longlist. „Ich habe die ersten fünfzig Seiten gelesen und dann sofort dem Mann in London, der mir das Buch geschickt hatte, geschrieben, dass wir uns zusammensetzen sollten.“ Es ist die Firma House Productions, die bei „Flesh“ an İlker Çatak dachte und die auch „Konklave“ von Edward Berger oder „The Zone of Interest“ von Jonathan Glazer mitproduziert hat – womit in etwa die Liga benannt ist, in der er jetzt spielt. Der Roman, mit seinen Handlungsorten in Ungarn, Kuwait, in der obersten Upper Class von London, aber auch in München, „erzählt auf eine tolle Weise die Ungerechtigkeiten der Globalisierung mit“, so Çatak.

Als nächstes verfilmt er einen Weltbestseller

Gemeinsam mit Johannes Duncker, mit dem er schon „Das Lehrerzimmer“ geschrieben hat, will er nun versuchen, der „extrem ökonomischen Erzählweise“ von David Szalay gerecht zu werden und dabei zugleich die komplexe männliche Hauptfigur gut zu treffen, die auch Widerstand auslöst: „Der Protagonist ist tatsächlich ein bisschen aus der Zeit gefallen.“ Aber das macht die Herausforderung für eine Verfilmung ja gerade noch interessanter.

Die Arbeit an „Flesh“ ist im Grunde immer noch eine Konsequenz des Anrufs, den Çatak 2023 wenige Tage nach der Berlinale bekam und gut eine Woche nach der Premiere von „Das Lehrerzimmer“. Damals meldete sich der Verleih Sony Pictures Classics, der gerade die Rechte an Çataks Film für den amerikanischen Markt erworben hatte. „Wenn ein Verleih mit einem solchen Nimbus deinen Film kauft, ist sofort klar: Das kann bis zu den Oscars führen. Die werden versuchen, den da hinzubringen“, sagt der Regisseur.

 Aziz (Tansu Biçer, links) und Derya (Özgü Namal)„Gelbe Briefe“: Aziz (Tansu Biçer, links) und Derya (Özgü Namal)Ella Knorz/ifProductions/Alamode

Aber dass ein großer, kommerzieller Arthouse-Verleiher sich „Das Lehrerzimmer“ sicherte, mit allen Perspek­tiven, die das eröffnet, war für Çatak auch eine Genugtuung nach einer Enttäuschung. Denn die Berlinale, damals, im Jahr 2023, noch unter dem künstle­rischen Leiter Carlo Chatrian, hatte den Film nicht in den Wettbewerb genommen, sondern in der Nebenreihe Panorama angesetzt. Rückblickend war das eine Fehlentscheidung, die auch dazu führte, wie Çatak behauptet, „dass Leonie Benesch um einen Silbernen Bären für die beste Schauspielerin gebracht wurde“. Aber auch ohne den Preis hat sich Benesch nach „Das Lehrerzimmer“ weiter als eine der großen deutschen Gegenwartsschauspielerinnen profiliert.

Ein Anruf veränderte alles

Der Anruf von Sony Pictures Classics veränderte nicht nur Çataks Terminplan bis in den März 2024 vollständig, der Regisseur musste sich nun darauf einstellen, häufig über den Atlantik zu fliegen und schließlich eine strapaziöse Oscar-Kampagne zu durchlaufen. Er veränderte auch die Bedingungen für seinen nächsten Film „Gelbe Briefe“. Denn bis zu diesem Zeitpunkt sei das ein Projekt mit einem kleinen Budget am Rande der Selbstausbeutung gewesen, sagt Çatak. Nun aber konnte sein Produzent Ingo Fliess deutlich großzügiger kalkulieren. Denn „Das Lehrerzimmer“ wurde noch in weitere Länder verkauft, und der Deutsche Filmpreis, den der Film 2023 in gleich fünf Kategorien gewann, ist auch finanziell gut dotiert.

In dieser Phase, erinnert sich Çatak, sei er durch die amerikanischen Zeitzonen geschickt wurde, um manchmal vor achtzig Leuten über seinen Film zu sprechen – im Wissen, dass darunter vier oder fünf Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts and Sciences sein würden, um deren Stimmen er werben musste. Gleichzeitig veränderte sich das Drehbuch zu „Gelbe Briefe“ in dieser Zeit substanziell.

 Warum schicken wir nicht auch den Film selbst ins Exil?“ Szene aus „Gelbe Briefe“, der in Deutschland gedreht wurde.„Wir dachten: Warum schicken wir nicht auch den Film selbst ins Exil?“ Szene aus „Gelbe Briefe“, der in Deutschland gedreht wurde.Ella Knorz/ifProductions/Alamode

Denn Çatak entschloss sich zu einem ungewöhnlichen Schritt: „Ich kam mir zum Teil wie ein Tourist in meiner Geschichte vor.“ Sein neuer Film sollte also vom politischen Druck auf Künstler in der Türkei erzählen – Çatak selbst war als gebürtiger Berliner und deutscher Staatsbürger aber ja in Sicherheit vor staatlichen Repressionen gegen die Kultur. Um die allgemeinere Relevanz seines Themas zu betonen, entschied er sich nun, in Deutschland zu drehen: „Wir dachten: Warum schicken wir nicht auch den Film selbst ins Exil?“

„Gelbe Briefe“ und der Exodus der türkischen Intellektuellen

In den vergangenen zehn Jahren, aber auch schon mehrfach davor haben viele Intellektuelle, Kunstschaffende, Kreative die Türkei verlassen. Diese Bewegung vollzieht „Gelbe Briefe“ nach und bedient sich dabei eines künstlerischen Kniffs, der dem Film – wie sich schon im Trailer zeigt – eine spannende konzeptuelle Ebene gibt: Denn die Dreh­orte „spielen“ auch eine Rolle. Berlin fungiert „als“ Ankara, Hamburg „als“ Istanbul.

Derya und Aziz, das streitbare Paar, und Ezgi, die Teenager-Tochter, bewegen sich also durch eine Lebenswelt, die offensichtlich deutsch ist, verbleiben aber in ihren Rollen in der Türkei. Çatak spiegelt damit nicht nur eine eta­blierte Vorgehensweisen in der Filmbranche, in der nicht selten das billigere Budapest für Wien oder Toronto für New York einstehen muss. Er macht auch die Geschichte von „Gelbe Briefe“ universaler.

Ein brandaktuelles Familiendramas mit großem Ensemble

„Wir wollten das Ganze von der Türkei entkoppeln. Denn wir werden diese Probleme auch in anderen Ländern bekommen, in den USA sieht man das jetzt schon, und auch in Deutschland“, so befürchtet er, „ist das nicht ausgeschlossen.“ Wissenschaft und Kunst, das freie, kritische Denken, die schöpferische Leidenschaft, alles das, was ein Festival wie die Berlinale erst ermöglicht, versuchen populistische, autoritäre Kräfte unter Druck zu setzen. Davon erzählt „Gelbe Briefe“ in Form eines Familiendramas mit einem großen Ensemble.

Als Çatak im März 2024 rund um die Verleihung der Oscars noch einmal zehn Tage nach Amerika musste, war er schon einigermaßen erschöpft. Und er ahnte auch, dass der letzte, ganz große Triumph ausbleiben würde: „The Zone of Interest“, der Auschwitz-Film von Jonathan Glazer mit Sandra Hüller in der Hauptrolle, war kaum zu schlagen. Dass er dann aber ausgerechnet in den Minuten, in denen der Beste internationale Film verkündet wurde, aufgrund eines Missgeschicks nicht im Saal war, davon erzählt er heute entspannt. Unmittelbar nach der Rückkehr begannen die Dreharbeiten zu „Gelbe Briefe“. „Das war ein Kraftakt“, sagt Çatak, hat aber auch verhindert, dass ich nach den Oscars in ein Loch hätte fallen können.“

Bei der Berlinale 2026 läuft „Gelbe Briefe“ im Wettbewerb.Bei der Berlinale 2026 läuft „Gelbe Briefe“ im Wettbewerb.Ella Knorz/ifProductions/Alamode

„Das Lehrerzimmer“ hat für das deutsche Kino einen Typ Film neu etabliert, der es besonders schwer hat: ein Gegenwartsdrama, das die künstlerische Sorgfalt des Autorenkinos mit einer starken Publikumswirksamkeit verbindet. Man kann den Film nur engagiert schauen, er ergibt nur Sinn, wenn man sich intensiv identifiziert, aber die komplexe Dramaturgie lässt diese Identifikation unwillkürlich kritisch, also differenziert, werden. Früher sprach man von Gesellschaftskritik, inzwischen ist dieser Begriff weitgehend verpönt. Doch er verdient eine Rehabilitierung.

Die Widerstände gegen das „Lehrerzimmer“

Çatak musste „Das Lehrerzimmer“ gegen große Widerstände durchsetzen: „Monologe vor Regalen“, so oder ähnlich lauteten geringschätzige Kommentare aus der Phase der Finanzierung. „Ich entschloss mich dann, den Film so zu machen, als müsste er mein letzter sein“, sagt Çatak. „Ein selbstbestimmter Film.“ Ein Team rund um den Produzenten Ingo Fliess, der schon sehr früh auf Çatak setzte, trägt dazu bei, dass diese Autonomie nun auch in Situationen verteidigt wird, in denen sich viele Begehrlichkeiten aus aller Welt auf die „Marke“ richten, die mit „Das Lehrerzimmer“ entstanden ist.

Bei der Berlinale 2026 ist Çatak mit „Gelbe Briefe“ im Wettbewerb dabei – und fühlt sich gut aufgehoben in Berlin, auch weil dort, wie er sagt, eine Art Familie zusammenkomme: Im Wettbewerb um den Goldenen Bären steht nämlich auch Eva Trobischs Film „Etwas ganz Besonderes“, der von einer verschlungenen ostdeutschen Familiengeschichte handelt (mit Eva Löbau und Max Riemelt in den Hauptrollen) und den Ingo Fliess mit seiner Firma koproduziert hat.

Der türkische Regisseur Emin Alper wiederum erzählt in „Salvation“ ein Drama aus einem Bergdorf in der türkischen Provinz. Alpers großes Thema ist auch schon in früheren Filmen gewesen, wie die Zentralmacht, wie der Staat mit seinen Institutionen auf die Lebenswelt der einfachen Leute trifft, auf alte Traditionen, auf die vielen Ungleichzeitigkeiten der Modernisierung. Auch Emin Alper könnte jederzeit von jenen Dynamiken betroffen werden, über die „Gelbe Briefe“ erzählt.

„Im Kino gibt es zwei Währungen“, behauptet Ilker Çatak: „Erfolge auf den Festivals und Erfolge bei Publikum.“ Vor dem „Lehrerzimmer“ sei er sich keineswegs sicher gewesen, da mitspielen zu können, die Selbstzweifel seien geblieben. Es ist also davon auszugehen, dass auch die Premiere von „Gelbe Briefe“ für İlker Çatak keine leichte Übung wird. Ein grausames Ritual muss sie aber nicht mehr sein. Dass Selbstbestimmung sich für den Regisseur noch einmal auf Selbstausbeutung reimen sollte, wie es bis zu diesem Berlinale-Abend vor drei Jahren nicht auszuschließen war, ist nicht wirklich zu befürchten.

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