Autor James Krüss: Entschlossen gegen den Kapitalismusteufel

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„Ich habe einen Hang zur Idylle“, schreibt James Krüss 1965 beiläufig in einem kurzen Aufsatz über „Leselust und Leselaster“, einen Hang zu „Enklaven der Arglosigkeit und der schönen Einfalt“, denn in solchen Inszenierungen, etwa in Johanna Spyris „Heidi“, könne das Böse unvermischt und leicht erkennbar auftreten und ohne Mühe ausgesondert werden. Zu dieser Zeit ist Krüss auf dem Höhepunkt seines Erfolgs, seit Mitte der Fünfzigerjahre haben seine virtuosen Reime, seine meist zwinkernd dargebotenen, aber im Kern moralischen Erzählungen sowie gut gelaunte Radio- und Fernseharbeiten ihm zu erheblicher Prominenz verholfen. All das, betont er zu Lebzeiten ebenfalls, beruhe auf Erfahrungen mit zwölf Jahren Hitler, Franco-Faschismus und falschem Heroenkult.

Die Unbeschwertheit seiner Werke wird ihm in den Nachkriegsjahrzehnten gerne gedankt; die schattigeren Hintergründe werden bis heute meist ausgeklammert. Nun jährt sich bald, am 31. Mai, sein Geburtstag zum hundertsten Mal – und wenn auch der Ruhm ein bisschen verblasst ist, sind doch manche seiner Verse oder Figuren ins kollektive Gedächtnis eingegangen, sodass die Frage gerechtfertigt scheint, wie genau das Vergnügen an Idyllen, erlebtem Schrecken und Heiterkeit als Lebensform bei ihm zusammenfinden. Denn Krüss teilt das Schicksal der sogenannten Flakhelfergeneration, als junger Mensch von nationalsozialistischen Jugendorganisationen indoktriniert und vom Bild des „Führers“ geblendet worden zu sein. Verschwiegen hat er das in Büchern und skizzenhaften Lebensbildern nicht, wirklich offen hat er sich aber, soweit bekannt, dazu auch nie geäußert.

Der Erzähler präsentiert sich als wandernder Taugenichts

Wählt man als Modell für Krüss’ Vorstellung von Idyllen Spyris „Heidi“ – Großvater und Enkelin vertraut in einer einsamen Hütte hoch auf einem Berg –, dann finden sich vergleichbare Szenerien in seinen Texten immer da, wo zu unterschiedlichen Anlässen Figuren jedes Alters, gerne auch mal Tiere, zusammenfinden, um sich dichtend und erzählend über die Welt und über sich selbst zu verständigen. Das passiert mal auf den Hummerklippen oder auf einem Dampfer, mal in jener Stube, in der ein kleiner Junge mit seinem Urgroßvater literarisch Pingpong spielt. Ein geschlossener, einander vertrauter Kreis von Charakteren bietet Rückhalt und Einverständnis, wenn über Glück und Unglück oder über wahres und falsches Heldentum gesprochen wird.

Die Idylle taucht 1965 als Konzept jedoch auch in einem unerwarteten Zusammenhang auf: „Heimkehr aus dem Kriege. Eine Idylle“, ein schmales Buch, bündelt Fronterlebnisse von Krüss in der Lausitz Anfang 1945, Erinnerungen an die Jugend auf Helgoland und Szenen einer drei Monate währenden Wanderung von Böhmen Richtung Heimat zwischen Mai und August 1945. Das Buch ist als subjektive Erinnerung ausgeschildert, die nicht durch „Atlas und Geschichtsbuch“ korrigiert werden soll, und präsentiert den Verfasser als wenig brauchbaren Soldaten und als wandernden Taugenichts.

Krüss verliert kein Wort über die Todesmärsche

Der lebensgeschichtliche Hintergrund: Der achtzehnjährige Krüss hatte sich 1944 zum Militärdienst gemeldet und sollte im Fliegerhorst Oschatz zum Flugzeugführer ausgebildet werden. Stattdessen muss seine Einheit zu Fuß bei Rückzugsgefechten gegen sowjetische Panzer kämpfen und wird vorübergehend wohl auch der SS-Division Wiking angegliedert. Das wird im Ganzen launig, aber im Detail nur ungenau beschrieben. Wortreicher gerät die Schilderung der Wanderung ab Mai 1945, diese Monate werden zu der angekündigten Idylle stilisiert, weil sie ihm nach der Knebelung durch Hitlerjugend, Internat und Militär die Freiheit von allen Bindungen, von Habe und Verantwortung geboten hätten.

Nach den Schlagzeilen zum Eichmann-Prozess 1961 und zum Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963 ist daran vor allem von Interesse, worüber Krüss 1965 nicht oder allenfalls ausweichend schreibt. Nur kurz wird betont, dass er über KZs kaum etwas und von der Verbindung zwischen SS und Lagersystem gar nichts gewusst haben will. Kein Wort über Opfer oder über Flüchtlinge auf den Straßen, es sei denn, es handelt sich um deutsche Vertriebene oder ausgebombte Dresdner. Kein Wort über Todesmärsche nach der Auflösung von Auschwitz oder des KZs Groß-Rosen oder KZ-Außenlagern wie Großkoschen bei Senftenberg, ein paar Dutzend Kilometer entfernt von Oschatz.

Der Held sitzt zwischen evakuierten Helgoländern

Die Idylle dieses Sommers beruht auf dem Aussparen von Vorgeschichte und Begleitumständen, das ist Krüss in Rezensionen auch vorgehalten worden. Doch auch weitere zwei Jahrzehnte später ändert sich inhaltlich bei der Beschäftigung mit diesen Monaten nichts, nur der Rahmen wird ein anderer. In dem 1988 erschienenen, autobiographisch grundierten Roman „Der Harmlos“ fügt Krüss lange Passagen aus der „Heimkehr“ ein, verändert jedoch entscheidend die Erzählsituation: 1965 ist der Ich-Erzähler mit sich und seinen Erinnerungen alleine, 1988 sitzt der Held des Romans unter Seinesgleichen, zwischen evakuierten Helgoländern, die ihre eigenen Erfahrungen beisteuern und das Erzählte nicht weiter hinterfragen; auch die Prägung der Helgoländer durch den Geist des Dritten Reiches wird weniger deutlich akzentuiert als in dem Buch von 1965.

Der Autor in den SiebzigerjahrenDer Autor in den Siebzigerjahrenullstein bild

Drei Jahre nach der Rede von Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag des Kriegsendes suggeriert der Roman, dass Nationalsozialismus, Verbrechen und Hitler von anderer Art waren als die vertrauenswürdigen Insulaner. Zum Schluss entlässt Krüss den Helden des unvollendet gebliebenen Buches denn auch als jungen Mann, der all diese Eindrücke für sich „abgetan“ und hinter sich gelassen habe, „kaum dass ein halbes Jahr vergangen war“, und sich heiter der Zukunft zuwenden kann.

Darüber, ob sich an dieser Unbedarftheit im Verlauf geplanter, aber nie erschienener Kapitel des Romans etwas geändert haben würde, lässt sich nur spekulieren. Hinweise darauf, dass für Krüss selbst der Krieg so leicht jedoch nicht „abgetan“ gewesen sein kann, finden sich stattdessen in jenen Büchern „für Jung und Alt“, die parallel zu diesen autobiographischen Texten entstehen und ihn zu dem erfolgreichen Schriftsteller machen, als der er in Erinnerung geblieben ist. In diesen Werken ist der Krieg oft noch präsent, von Tante Julie, die vom zerbombten Helgoland kommend auf den Hummerklippen landet, bis zu Nele, dem Wunderkind, das am 2. Mai 1945 geboren wird, dem Tag der Eroberung Berlins durch die Rote Armee. Und auch in diesen Büchern erprobt Krüss immer neue Figurenkonstellationen, die es gestatten, das Gute vom Bösen klar zu trennen.

Das Böse bekommt in „Timm Thaler“ ein neues Gesicht

Dieses „Böse“ bekommt in den beiden „Timm Thaler“-Romanen, in „Paquito oder Der fremde Vater“ und in „Nele oder Das Wunderkind“ allerdings ein neues Gesicht. Zum einen, weil Krüss vor dem Hintergrund der Wirtschaftswunderjahre die Figur des Teufels als mächtigen Verführer neuen Typs einführt. Zum anderen, weil er sich nun entschieden einer Konsum- und Kapitalismuskritik widmet, die implizit auch in der „Heimkehr“ durch die Stilisierung als leichtfüßiger, besitzloser Wanderer angelegt ist.

In „Timm Thaler oder Das Verkaufte Lachen“ geht das in der Fassung von 1962 als Konzept auf. Der erwachsene Timm Thaler berichtet dem Erzähler Boy, Krüss’ literarischem Alter Ego, was ihm als Kind widerfahren ist, als er sein Lachen in einem faustischen Pakt an den Teufel verkauft hat, um der Armut zu entkommen. Die Erzählsituation ist klar umrissen, der Teufelspakt ist seit Langem gelöst, einen Kontakt zwischen dem Erzähler Boy und dem Teufel gibt es nicht.

In den späteren Romanen, seien es „Timm Thalers Puppen“ oder die Geschichten um den jungen kanarischen Schuhputzer Paquito oder das singende Wunderkind Nele, werden diese Kon­stellationen der Verständigung und des Austauschs immer komplexer und schließen nach und nach auch den Erzähler Boy in die Verstrickungen ein, die im Mittelpunkt der Bücher stehen und sich daraus ergeben, dass der Teufel, dem weder Lachen noch Weinen als Fähigkeit gegeben sind, jungen Menschen diese Fähigkeiten abhandeln oder untersagen will.

 In Andreas Dresens „Timm Thaler"-Film will Baron Lefuet (Justus von Dohnányi, rechts ) mit Timm (Arved Friese) ins Geschäft kommen.Teufelspakt: In Andreas Dresens „Timm Thaler"-Film will Baron Lefuet (Justus von Dohnányi, rechts ) mit Timm (Arved Friese) ins Geschäft kommen.Foto Constantin  Film

Mehr und mehr richtet sich das Interesse des Bösen auf den Erzähler selbst, dem zunächst in Vor- und Nachspielen beispielsweise luxuriöse Belohnungen versprochen werden, wenn er die Geschichten für sich behalte würde, die ihm von seinen Freunden berichtet werden. Diese Angebote lehnt der Erzähler Boy stets ritualartig ab, zuletzt jedoch, 1986 in „Nele oder Das Wunderkind“, verwickelt die Handlung auch diesen Boy unmittelbar in die Geschäfte des Teufels, es ist vorbei mit der Fiktion, dass der Teufel mit den Kreisen solcher Freunde so wenig gemein hat wie Hitler mit den Helgoländern.

„Nele“ spielt zwischen 1956 und 1963/1964; in zentralen Figuren lassen sich Referenzen an damalige Jungstars wie Conny Froboess oder Caterina Valente erkennen und im Roman als Ganzem auch eine kleine Geschichte der Wirtschaftswunderjahre sowie eine skizzenhafte Darstellung der Entstehungsgeschichte der zentralen Bücher von James Krüss alias Boy. Den Anfang nimmt alles in einer überschaubaren Nachbarschaft an der Langen Reihe im Hamburger Stadtteil St. Georg, wo die zehnjährige Nele in einer Kneipe als talentierte Sängerin entdeckt wird, um dann vom Teufel und seinen Schergen zum Weltstar aufgebaut zu werden. Der Preis dafür: Sie darf nicht weinen, sie muss hart sein, denn es herrschen harte Zeiten, wie immer wieder gesagt wird.

Knebelverträge und das Elend der Zocker

Hart muss Nele aber vor allem sein, weil auf ihren Einnahmen schnell der Wohlstand und auch der Leichtsinn des ganzen Biotops beruht: Ihr Vater geht Knebelverträge ein, Summen, die nur als Vorschuss auf künftige Einnahmen ausgezahlt worden sind, werden beim Glücksspiel verzockt, Immobilien wechseln die Besitzer, das Geld durchdringt dieses Idyll bis in den letzten Winkel, und sogar Boy verdient am Texten und Komponieren von Liedern und kann die Anzahlung für ein kleines Häuschen leisten.

Was im autobiographischen Erzählprojekt 1988 noch in Anspruch genommen wird, ist in den Büchern für junge Menschen somit schon nach und nach relativiert worden. Und an die Stelle des Lachens als zentrales Thema wie im Fall von Timm Thaler ist das Weinen als Motiv getreten, das Nele untersagt wird, wenn sie eine erfolgreiche Karriere starten möchte. Lachen mache innerlich frei, heißt es dazu in dem Roman, schaffe aber auch Distanz und gestatte es, etwas komisch zu finden. Geweint werde dagegen, wenn Verluste drohen, wenn Bindungen sich lösen.

Für Timm Thaler hat das einst bedeutet, dass er und seine Helfer den Teufel austricksen und damit lächerlich machen konnten. Für Nele bedeutet es ein Vierteljahrhundert später, dass sie sich freikaufen muss, um am Ende doch weinen zu können und Herkommen und frühere Ziele nicht aufzugeben zu müssen. Aus Magie ist Business geworden, im Werk des Teufels genauso wie im Zutun der Menschen, und vom Idyll an der Langen Reihe ist nur mehr wenig zu spüren. Die unbedingte Heiterkeit, von der Krüss’ autobiographischer Roman noch 1988 erzählt, hat sich in seinen schwerblütig gewordenen Romanen für junge Menschen verflüchtigt.

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