Ausverkaufte Konzerte: Warum ist französische Popmusik jetzt so beliebt?

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Das Wasser dringt ein, die Luft bleibt aus, dann kämpfen die Lungen. Davon singt die französische Sängerin Solann in ihrem Lied „Petit Corps“. Der Körper kämpft. Er treibt nur nicht im Wasser, sondern in Bettlaken, und die Nacht raubt dem besungenen Ich seine Willenskraft. Dann verliert der kleine Körper die Kontrolle.

Leise beginnt das Lied, ruhig dahin gezupft erklingt eine Gitarre und zurückhaltend, aber pointiert eingesetzt ihre zarte Stimme. Die Gitarre hallt ein wenig nach, und wenn der Refrain beginnt, dann flattert die Stimme in die Lüfte. Es geht um diesen kleinen Körper, der in minimalistisch wabernden und leicht verhallten Beats schwimmt. Alles klingt gefiltert oder so, als wäre man unter Wasser. Nur die Stimme bleibt klar.

So oder so ähnlich klingen viele Lieder der französischen Sängerin, die kürzlich ein Cover mit der deutschen Indie-Pop-Band Giant Rooks veröffentlichte: den Synthiepop-Song „The Waves“. Darin vermischen sich Sprachen (Englisch und Französisch), Sounds (Pop und Elektro) und Stimmungen (Zuversicht und Nostalgie).

Wenig französische Musik wird international so gefeiert wie die von Zaho de Sagazan oder Oklou

In Solanns Songs laufen häufig nur ein dezenter Beat im Hintergrund und plätschernde Echos. Oft bedient sie sich dabei der Elemente des Chansons, zum Beispiel in „L’oiseau“ oder wenn sie konkret „La Bohème“ von Charles Aznavour covert. Es ist so eine charmant-französische Eigenheit, Chansons zu recyceln und diesen Sound gegenwartstauglich zu machen. Das heißt im Fall von Solann oder auch der Sängerin Zaho de Sagazan, dass den Liedern ein etwas flotterer Beat unterlegt wird, die Nostalgie des Chansons aber trotzdem bleibt. Warm klingt das, aber zugleich auch cool im Sinne der Verletzlichkeit, die ausgestellt wird.

Coole französische Musik gibt es natürlich unendlich viel, wenig davon wird international aber so gefeiert wie die von Zaho de Sagazan oder der Musikerin Oklou. Die internationalen Touren beider Künstlerinnen waren 2025 ausverkauft, auch in Deutschland.

Zaho de Sagazan spielte im Winter zusätzlich ein ausverkauftes Konzert in der Berliner Philharmonie, begleitet von einem Orchester. Die märchenhafte Ballade „La symphonie des éclairs“ ist charakteristisch für ihre emotionale Musik. „Il fait toujours beau, au-dessus des nuages, mais moi, si j’étais un oiseau, j’irais danser sous l’orage“ („Über den Wolken ist es immer schön, aber wenn ich ein Vogel wäre, würde ich unter dem Gewitter tanzen“), singt sie. Auch hier geht es im Refrain ganz sinnbildlich in die Lüfte. Andere Lieder ähneln denen von Solann. Bei Zaho de Sagazan setzt anstelle der Gitarre anfangs aber das Klavier ein, dazu erklingt ebenso klarer Gesang, der sich später aber tiefer entlädt wie ein Gewitter.

Zaho de Sagazan singt kraftvolle Balladen – hier auf dem Paléo Festival in Nyon 2024.Zaho de Sagazan singt kraftvolle Balladen – hier auf dem Paléo Festival in Nyon 2024.dpa

Zaho de Sagazan ließe sich als prototypische europäische Künstlerin betrachten. Sie singt auf Französisch und Englisch, coverte Nenas „99 Luftballons“ mit charmant-französischem Akzent und interpretierte „Modern Love“ von David Bowie neu. In „Old Friend“, einem Feature mit Tom Odell, singen die beiden abwechselnd auf Englisch und Französisch.

Die Musikerin Oklou aus Poitiers wiederum setzt ganz aufs Englische. Ihr 2025 erschienenes Album „choke enough“ wurde prompt zum Jahresliebling einer musikinteressierten Kunstszene. Ihre zurückhaltenden elektronischen Beats, die zarte, aber durch den Synthesizer gezogene Stimme und das verhallte Echo klingen verträumt. Auch sie singt über Vögel und Verletzlichkeit. In „Blade Bird“ zum Beispiel: „I’ve come to terms, my baby is a bird (...) I’ll be the one who ends up getting hurt“ („Ich habe mich damit abgefunden, dass mein Schatz ein Vogel ist (...) Ich werde am Ende diejenige sein, die verletzt wird“). Das wird wie bei den anderen mit sanft dahin gezupfter Gitarre eingeführt. Auch Oklous Deutschlandtour war ausverkauft. Ihr Lied „family and friends“ klingt winterlich, der Ton ist bedenklicher. Trotzdem bleibt auch sie sanft. Im Refrain driftet ihr Gesang ins Epische. „I’ll be singing pleasure and pain“ („Ich werde von Freude und Leid singen“) bringt das akkurat zusammen.

Wenngleich sich die Künstlerinnen augenscheinlich unterscheiden – Zaho de Sagazans Musik ist emotional und klar, während Oklous Sound elektronisch verzerrt und verträumt klingt, etwa so wie eine verhaltene Tanzeinheit –, lässt sich ihr Erfolg ähnlich erklären: Sie integrieren zeitgemäße Stile wie verträumten Synthiepop, emotionale Texte und hier und da ein Chanson-Element. Noch stärker als Oklou macht das auch Solann, deren Erfolg sich noch anbahnt.

Musiker, die auf Französisch singen, spielen selten Touren in Deutschland

Sie nutzt die Zusammenarbeit mit Giant Rooks für die internationale Sichtbarkeit. Das macht die deutsche Band übrigens genauso, sie singen nur auf Englisch und spielen Touren in ganz Europa, den USA oder Lateinamerika. Auch sie haben Erfolg über Landesgrenzen hinweg und stechen im deutschsprachigen Raum als Ausnahme, der das gelingt, heraus.

Ist Bilingualität ein Faktor für den Erfolg dieser Künstlerinnen und Künstler? Eine Art europäisches Entgegenkommen? Andere Künstler in Frankreich sind außerhalb der Frankophonie nicht so erfolgreich. Das liegt möglicherweise an der Sprachbarriere, aber auch an ihrer fehlenden internationalen Orientierung.

„Voyage voyage“ von Desireless oder die Lieder von Dalida sind Evergreens auf Partys. So richtig partytauglich klingt die Musik dieser drei jüngeren Sängerinnen allerdings nicht, sie ist zu nachdenklich. Frankophone Popmusik hat nicht oft internationalen Erfolg. Die Belgierin Angèle zum Beispiel ist aktuell in Frankreich sehr bekannt. Ein Cover mit Dua Lipa – ebenfalls auf Französisch und Englisch gesungen – trug zu ihrem internationalen Renommee bei, „Nightcall“ mit Kavinsky und Phoenix, das bei der Abschlusszeremonie der Olympischen Spiele in Paris gespielt wurde, ebenso. Außerhalb von Frankreich, konkret in Deutschland, spielt sie aber keine Konzerte – Zaho de Sagazan schon, Oklou auch.

Und Solann vielleicht bald auch. Die drei Künstlerinnen produzieren Musik, die einem internationalen Zeitgeist entspricht. Sie kombinieren französische Coolness, Emotionalität und bewusste Reduktion mit einer europäischen Vision. Diese drückt sich durch Stilmixe, die Cover berühmter Lieder aus den Achtzigern und ein Bewusstsein für die Tradition des Chansons aus. Solanns Song „Petit Corps“ ist dafür beispielhaft – vielleicht als eine Art Sommerhit für Nachdenkliche.

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