Barbra Streisand lebt in Malibu, in einer beeindruckend großen Villa, vor der ein beeindruckend großer Pool liegt, beides mit beeindruckendem Blick auf den Pazifik. Dass das so genau bekannt ist, liegt daran, dass die Schauspielerin nicht wollte, dass es bekannt wird. Vor über zwanzig Jahren entstanden Tausende Bilder von der Küstenlinie Kaliforniens, sie sollten den Stand der Erosion dort dokumentieren und für jeden zugänglich sein. Barbra Streisands Haus war auf einem Bild zu sehen, was aber niemand wusste. Sie klagte gegen die Veröffentlichung, danach wussten es alle.
Die seitdem als Streisand-Effekt bekannt gewordene explosionsartige Verbreitung einer Information, deren Verbreitung man doch gerade verhindern wollte, dürfte auch dem Anwalt des Schlachthofbesitzers bekannt sein, in dessen Betrieb Aktivisten heimlich filmten, wie Schweine vor dem Schlachten mit Kohlendioxid betäubt werden. Dennoch erstritt er in zweiter Instanz vor Gericht, dass die Tierschützer jene Videos von ihren Social-Media-Kanälen und von der Internetseite einer Tierrechtsorganisation entfernen müssen. Wo die Bilder zu sehen waren, steht jetzt „endgültig zensiert“ oder „pictures not available“.
Da bleibt das Schnitzel Wiener Art im Halse stecken
Doch rechtzeitig zum Stichtag vor gut zwei Wochen begann die Vervielfältigungsmaschine Internet ihr Werk. Allein ein von Luisa Neubauer, dem Webvideoproduzenten Jonas Ems und dem Influencer Nathan Goldblat auf Instagram veröffentlichtes Reel mit Schlachthof-Video-Ausschnitten wurde bis jetzt 1,7 Millionen Mal angesehen. Vielleicht nicht immer bis zum Ende, denn bei den Bildern und Tönen wird auch dem größten Fleischfan das Schnitzel Wiener Art im Hals stecken bleiben. Aber lang genug, um zu begreifen, dass eine Betäubungsmethode, bei der Schweine in Panik geraten, zu fliehen versuchen und schrill quieken, nicht übliche Praxis in einem Land sein dürfte, in dem es gesetzlich untersagt ist, Tieren unnötiges Leid zuzufügen.
Er fühle sich an den Pranger gestellt, argumentierte der Schlachthofbesitzer vor Gericht. Das wird nun erst recht der Fall sein. In den Posts, die sich jetzt häufen, taucht er oft namentlich und lächelnd vor Schweinehälften posierend auf, was ihn als besonders kaltherzigen Vertreter seiner Zunft wirken lässt. Das ist er nicht, der Schlachthof wird auch von Landwirten gewählt, die sich vorher mehr als andere um das Wohl ihrer Tiere bemühen. Dass auch für Schweine aus einer hohen Haltungsstufe am Ende die CO₂-Betäubung steht, dürfte die Käufer von solchem Fleisch überraschen – wenn sie es denn wüssten.
Die Methode sei vom Gesetzgeber anerkannt und müsse darum hingenommen werden, führte das Gericht aus. Dem Widerspruch, dass sie von der Gesellschaft kaum hingenommen würde, wenn diese von ihr wüsste, entzog es sich damit. Das Internet spült viel Unsinn in die Welt, aber eben auch, was sonst unsichtbar bliebe. Kein Urteil wird die Bilder noch löschen können. Die Diskussion um das, was darauf zu sehen ist, kann also beginnen.

vor 1 Stunde
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