Lagos in den frühen Sechzigerjahren, Nigeria seit Kurzem unabhängig, ein Riesenland im Taumel großer Zukunftshoffnung, eine Metropole, die vor Aufbruchskraft vibriert. In diesem Setting kommen sich zwei Menschen näher, die gänzlich unterschiedlich sind: Margaret entstammt einer traditionellen Igbo-Gemeinschaft, hat in jungen Jahren beide Eltern verloren und sich anschließend ein Leben in der Großstadt aufgebaut, um das Vergangene hinter sich lassen zu können. Benjamin dagegen sucht nach der Vergangenheit: Er ist ein weißer Engländer und nach Nigeria gereist, um den Ort, aus dem ein Zweig seiner Familie stammt, erstmals selbst zu erkunden.
In Lagos werden sie ein Paar und stellen fest, dass ihre Familiengeschichten ins selbe abgelegene Dorf zurückführen, wo sich um die Jahrhundertwende Schicksalhaftes zugetragen hat, das auf unerwartete und unheimliche Weise weiterhin ihr aktuelles Leben zu bestimmen scheint.
Sie stellen sich dem Familienfluch
In einer weiteren Erzählebene führt uns der Roman daher in diese Zeit zurück und entwirft ein Bild der frühen Kolonialisierungsphase, als Missionare sich in Auseinandersetzungen einer lokalen Dorfgemeinschaft einzumischen suchen. Präsenter jedoch ist noch eine dritte Erzählebene, die im Jahr 2005 angesiedelt ist und zeigt, wie Benjamin und Margaret sich nach Jahrzehnten tiefer Trennung und Entfremdung noch einmal begegnen. Jetzt endlich versuchen sie gemeinsam, sich jener alten Macht zu stellen, einem Familienfluch aus der Vergangenheit, wie Margaret meint, der unvermindert auf sie wirkt. Denn die Liebe ihrer jungen Jahre war nicht von Dauer. Nach der Geburt einer gemeinsamen Tochter kommt ihr Familienleben jäh zum Abbruch, als Margaret psychisch erkrankt und Benjamin sie daraufhin schnöde verlässt. Vierzig Jahre und zwei Ehen später kehrt er nun reumütig nach Nigeria zurück, um mit Tochter, Schwiegersohn und Enkel die Scherben des Vergangenen zu sichten.
Die nigerianisch-amerikanische Autorin Tochi Eze nimmt sich mit ihrem Debütroman, der letztes Jahr in den Vereinigten Staaten herausrauskam und dort ein positives Echo fand, allerhand vor. Auf knappem Raum spannt sie die Handlung über viele Schauplätze und nicht weniger als sechs Generationen, um viele der ganz großen Themen ‒ Liebe, Schicksal, Familie, Kolonialismus, Religion, Tradition, Patriarchat und so weiter ‒ abzuhandeln. Kapitelweise springt sie dazu zwischen den diversen Zeiten sowie Orten hin und her, sodass es beim Lesen erheblicher Aufmerksamkeit bedarf, die einzelnen Versatzstücke zueinanderzubringen und die richtigen Anknüpfungspunkte für den Erzählfaden zu finden. Zunehmend stellt sich jedoch der Eindruck ein, dass auch der Erzählerin dieser Faden immerfort entgleitet.
Tochi Eze: „Die Stimmen der Nacht“.PfaueninselSo gedrängt ist die Ereignisfülle, so gehetzt die Entwicklung der Figuren und so verworren das Geflecht der Seitenlinien, dass hier vieles wie im Zeitraffer berichtet wird und weniges sich überhaupt entfaltet: „In dieser Zeit ihres Lebens, als Margaret zum ersten Mal Medikamente nahm und eine Therapie machte, erlangte sie eine gewisse Kontrolle über ihr Leben. Sie schloss das Jurastudium mit Auszeichnung ab, sparte Geld und zog Nwando ohne Zwischenfälle oder Missgeschicke groß.“ Wer auf diese Art das höchst bemerkenswerte Leben einer alleinerziehenden Mutter in psychiatrischer Behandlung, die nebenbei auch noch geschäftlich wie akademisch reüssieren soll, rasch mal in viereinhalb Zeilen runtererzählt, kann nicht erwarten, dass Leser Anteilnahme dafür aufbringen. So bleiben selbst die Hauptfiguren schemenhaft und trotz aller Drastik des Geschehens, das sie umtreibt, blass.
Seit achtzig Jahren schreibt Nigeria Weltliteratur, und überdeutlich müht sich die Autorin, Anschluss an diese große Tradition, die mit Chinua Achebe beginnt und bei Chimamanda Ngozi Adichie längst nicht aufhört, zu gewinnen. Doch dafür fehlt ihr der erzählerische Atem. Alles bleibt Behauptung. Die historischen Passagen aus dem Igbo-Dorf zeichnen manches nach, was sich in Achebes Roman „Things Fall Apart“, dem Vatertext moderner afrikanischer Literatur von 1958, findet. Aber anders als dieser verfällt Eze dauernd in bemühte Ethnoprosa, um westlicher Leserschaft allerlei Folkloristisches zu übermitteln. So müssen selbst die Schulprobleme eines Teenagers unweigerlich noch mit dem dunklen afrikanischen Familienfluch gedeutet werden.
„Die Welt erzählen“: so lautet verlockend der Leitspruch des neuen Verlags Pfaueninsel, der dieses Frühjahr mit seinem ersten, bunten Programm auftritt. Da freut man sich auf die Entdeckungen und wünscht nach dieser Erstlektüre doch eine glücklichere Hand bei der Auswahl von Erzähldebüts.
Tochi Eze: „Die Stimmen der Nacht“. Roman.
Aus dem Englischen von Agnes Krup. Pfaueninsel, Köln 2026. 352 S., geb., 25,– €.

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