Verbrechen im Roman: Wie Mörder moralische Gewissheiten ins Wanken bringen

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Im landläufigen Gebrauch gehören Begriffe wie „Moral“ und „Ethik“ oftmals eng zusammen. Sie verweisen auf den Bereich der Wertung, der Unterscheidung von Gut und Böse, und dabei wird ihnen nicht selten eine gewisse Eindeutigkeit zugesprochen oder abverlangt. Aber neben begrifflichen Differenzierungen, die Moral mit einem Urteil, Ethik mit der Frage zu verbinden, wie man dazu kommt, etwas als gut zu beurteilen (Annemarie Pieper), gibt es auch die lebensnähere Möglichkeit, das Verhältnis von „Gut“ und „Böse“ als eine menschliche Erfahrung zu erzählen – oder zu dramatisieren. Man kann von „literarischer Ethik“ sprechen.

Eine der überzeugendsten und zugleich knappsten Prüfungen, die vermeintlich klare Unterscheidung von „Gut“ und „Böse“ ins Schwanken zu bringen, findet sich im unvollendet gebliebenen Faust-Fragment von Lessing. In einer der erhaltenen Szenen tritt Faust zusammen mit sieben Geistern beziehungsweise Teufeln auf, die in seinen Dienst treten wollen und sich jeweils selbst charakterisieren. Den anspruchsvollen Ketzer überzeugen die Geister allesamt nicht, nur der letzte. Er sei so schnell „als der Übergang vom Guten zum Bösen“, was Faust begeistert: „du bist mein Teufel! So schnell als der Übergang vom Guten zum Bösen! – Ja, der ist schnell, schneller nichts als der!“ Lessings Faust wird im Unterschied zur Faust-Tradition zu einem Proto-Aufklärer, der schon die Fragwürdigkeit des vermeintlich Selbstverständlichen erkennt.

Literatur zeigt sich als Seismograph solcher Umschlagmomente ins Gegenteil, sie konfrontiert uns immer wieder mit Szenen, in denen die moralische Ordnung von Gut und Böse plötzlich infrage gestellt oder gar umgekehrt wird. Und sie greift dazu gerade nicht auf Figuren zurück, die man als „gut“ oder moralisch bezeichnen würde, sondern die sich als zweifellos unmoralisch erweisen. Aber ihr von der Gesellschaft diskreditiertes und bestraftes Verhalten führt nicht bloß zu einer literarischen Verurteilung. Vielmehr werden begangene Verbrechen, also unmoralische Vorgänge, als Erfahrungen dargestellt, in denen moralische Setzungen von Gut und Böse aufgebrochen werden. „Gute Gefühle bringen schlechte Literatur hervor“, so zitierte Pierre Bourdieu einmal André Gide.

Schillers Schilderung des Räuberhauptmanns Christian Wolf

Schiller hat sich immer für Kriminalfälle interessiert, in jedem seiner Dramen finden sich gewaltsame Tötungsdelikte; er war ein interessierter Leser des „Pitaval“. Als Erzähler hat Schiller in seiner Novelle vom „Verbrecher aus verlorener Ehre“ einen psychologisch anspruchsvollen Erzähler eingeführt, der sich in dieser vermeintlich „wahren Geschichte“ für die „Leichenöffnung des Lasters“ interessiert: Schiller agiert hier als ein medizinisch geschulter Autor, der in der anonym publizierten Erstfassung der Erzählung davon spricht, dass die Medizin ihre wichtigsten und heilsamsten Entdeckungen „vor Kranken- und Sterbebetten“ gesammelt habe. „Die Seelenlehre, die Moral“, so heißt es weiter in der Einleitung, „die gesetzgebende Gewalt sollten billig diesem Beispiel folgen und ähnlicherweise aus Gefängnissen, Gerichtshöfen und Kriminalakten – den Sektionsberichten des Lasters – sich Belehrungen holen.“

Daraufhin folgt die Geschichte von Christian Wolf, der von seiner Umgebung geächtet wird und aus der Bahn gerät, einen Nebenbuhler umbringt und zum Rädelsführer einer Räuberbande wird, als der er schließlich der Justiz ins Netz geht und hingerichtet wird. Aber Schiller nutzt das ganze Repertoire erzählerischen Raffinements, um die Leser (angeblich) nicht zu bevormunden, gar durch voreilige moralische Verurteilungen. Im Gegenteil, sein Erzählverfahren kann insofern als „ethisch“ bezeichnet werden, als er den Verbrecher zunächst aus der Sicht des psychologisch geschulten Erzählers beleuchtet, dann aber ihn selbst wesentliche Teile seiner Geschichte in der Ich-Form berichten lässt und am Ende einen Dialog schreibt, in dem der von der Polizei Gefangene sich zu erkennen gibt und in seine Verurteilung einwilligt. Das sich dramatisch steigernde Erzählverfahren Schillers lässt keinen Zweifel daran, dass das Verbrechen ein Spiegel der Gesellschaft ist.

Der Fall Woyzeck, wie er sich bei Büchner findet

Auch im Fall von Georg Büchners „Woyzeck“ liegen juristische und medizinische Quellen vor, die den psychopathischen Mörder seiner Geliebten in die jeweiligen Systeme einzuordnen versuchen. In Büchners Drama dagegen geht es nicht um bloßes Mitleid für die geschundene Kreatur, sondern um die Konfrontation mit der vermeintlichen Moral seiner Peiniger. Der verarmte Soldat Woyzeck muss sich vor dem Hauptmann und dem Doktor dafür rechtfertigen, dass er mit seiner Geliebten Marie ein uneheliches Kind hat – und den Vorwurf, er habe keine Moral, konterkariert er mit einem gelebten Christentum, das der nur bürgerlichen Moral überlegen ist: „Der liebe Gott wird den armen Wurm nicht drum ansehn, ob das Amen drüber gesagt ist, eh er gemacht wurde.“

Von Wahnsinn und Eifersucht auf die untreue Marie gepeinigt, wird Woyzeck von den Mächtigen der Justiz und der Medizin zum Objekt degradiert, das ein Erbsenexperiment ausführt, um zusätzlich an Geld zu kommen. Sein ohnmächtiges, wenn auch sprachloses „wir arme Leut“ steht der hohlen Definition der Moral gegenüber, die der dumme Hauptmann für sich in Anspruch nimmt: „Moral, das ist wenn man moralisch ist, versteht Er.“

Dass hier ein Mensch in seinem Elend, seiner Kreatürlichkeit, seiner unmoralischen Verzweiflungstat gezeigt wird und gleichzeitig Ausdruck eines Dilemmas ist, das die Hilflosigkeit der Moral anprangert und damit eine ethische Wendung vornimmt, wird nirgendwo deutlicher als in dem Orchesterzwischenspiel, das Alban Berg 1925 in seiner Oper „Wozzeck“ dem Mörder als Epilog zuteilwerden lässt. Dabei handelt es sich, nach dem Wort des Komponisten, um einen „Appell an das gleichsam die Menschheit repräsentierende Publikum“.

Musils Moosbrugger lässt sich nicht mit üblichen Kriterien fassen

Auf diese Weise ist bei Alban Berg ein Verständnis von Moral und Ethik erreicht, das sich zeitgleich bei Robert Musil und Ludwig Wittgenstein beobachten lässt. Während Letzterer davon spricht, dass sich „die Ethik nicht aussprechen lässt“, hält sein Landsmann Musil fest, dass „Ethik“ im Unterschied zur Moral bedeutet, es gebe eben keinen letzten Wert. In aller Schärfe entwickelt der Schriftsteller Musil, mitunter Nietzsche folgend, das Dilemma weiter, indem er nach der „Moral der Moral“ fragt und sie damit in ihrer Schwäche, ihrer Willkürlichkeit bloßstellt.

Dazu haben die Verbrechergeschichten von Schiller und Büchner schon Material geliefert. Und Musil wird seinerseits seinen großen Roman vom „Mann ohne Eigenschaften“ als Probebühne nutzen, um das Versagen moralischer Ordnungen vorzuführen. Denn der geistesgestörte Prostituiertenmörder Christian Moosbrugger lässt sich weder durch die Vorgaben der Justiz noch der Medizin entziffern, sein scheußliches Verbrechen fesselt zwar die Neugierde der Medien und der Gesellschaft des Jahres 1913, vor allem aber zeigt es das Scheitern moralischer Verurteilung.

Wie Schiller und Büchner greift auch Musil auf einen Kriminalfall seiner Zeit zurück: Der oberfränkische Zimmermann Christian Voigt hatte im August 1910 im Wiener Prater eine Gelegenheitsprostituierte ermordet. Musil nutzt die Berichte der Presse, aber er baut auch Verbindungen zu Büchners Woyzeck in den Text ein und mehr noch: Sowohl der Vorname, den er zunächst ändern wollte, als auch seine verstörend harmlos erscheinende Physiognomik rücken den Mörder in die Nähe der Christus-Figur, indem ihm das „Zeichen der Gotteskindschaft“ ins Gesicht geschrieben zu sein scheint.

Damit erprobt Musil eine extreme Spannung, indem er die Figur des unmoralischen Mörders mit der religiösen Vorbildfigur kreuzt, um daraus Sprengstoff für seine Analyse des Systems zu gewinnen: Moosbrugger lässt sich weder mit den Mitteln des Rechtes und der Krankheit begreifen. In dem um 1936 geschriebenen Kapitel „Besuch im Irrenhaus“ heißt es im Gespräch mit den Ärzten, niemand könne über die Schuld eines Menschen entscheiden: „Wir Ärzte nicht, weil Schuld, Zurechnungsfähigkeit und all das durchaus keine medizinischen Begriffe sind, und die Richter nicht, weil man ohne Kenntnis der wichtigsten Beziehungen zwischen Körper und Geist doch auch wieder nicht über solche Fragen urteilen kann. Bloß die Religion verlangt eindeutig die persönliche Verantwortung einer jeden Sünde vor Gott, und so laufen solche Fragen schließlich immer auf religiöse Überzeugungsfragen hinaus.“

Entscheidung auf der Höhe eines Hexenprozesses

Wenn auch Moosbrugger seine Sympathie dafür, dass er „vor das Forum Gottes gehöre und nicht vor die Psychiatrie“, sprachlich nicht artikulieren kann, so bleibt der Roman insgesamt doch zwiespältig, denn der dem Autor nahestehende Protagonist sieht den „heiligen Weg mit der Frage an, ob man wohl auch mit einem Kraftwagen auf ihm fahren könnte!“, mithin im Sinne einer taghellen Mystik, die auch der modernen Naturwissenschaft verpflichtet sein soll. Ulrich, so bescheinigt ihm der Erzähler, sei „ohne Zweifel ein gläubiger Mensch, der bloß nichts glaubte“. Indem er zusammen mit seiner Schwester intensiv über Moral und Verbrechen nachdenkt, kommt er zu der Einsicht, dass die Moral selbst nicht moralisch ist.

Das sich daraus ergebende Dilemma im Fall Moosbrugger besteht darin, nicht im Sinne eines pseudomoralischen Gutmenschentums „das Scheusal zu bewahren“, sondern „uns vor einer Entscheidung, die auf der Höhe eines Hexenprozesses steht“. Das Ungenügen der Moral fordert zu einer ethischen Reflexion auf, die im Fall von Schiller, Büchner und Musil in eine literarische Ethik mündet.

Mathias Mayer lehrte bis zur Emeritierung Literaturwissenschaft in Augsburg.

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