Frankfurter Anthologie: Ugo Foscolo: „An Zakynthos“

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Der Blick zurück auf eine Kindheit, auf eine Landschaft: Was generell nostalgisch stimmt, verschärft sich, wenn die Heimat verloren ist. Die Romantiker, Würzmeister der Melancholie, gewinnen dem Exil neuen Reiz ab: Ein Übel, das Einsamkeit, Trübsinn, Verzweiflung auslöste, wird nun zum Ausdruck von Individualität und Originalität – bis hin zur Pose. Ist nicht jeder Idealist in der Fremde, sobald er es mit dem schnöden Alltag zu tun bekommt? So schlimm es im konkreten Erleben sein mag, literarisch verspricht das Exil Mehrwert.

Das gilt auch für Ugo Foscolo (1778 bis 1827), den das Schicksal gleich zweimal verbannt hat: Die Heimatinsel Zakynthos, Teil Venedigs, verlor er 1797 durch den Friedensschluss von Campo Formio an die Habsburger; seine Napoleonbegeisterung nahm Schaden, dennoch arbeitete er später in den Diensten des Kaisers. Als Norditalien wieder österreichisch wurde und Foscolo den Treueschwur verweigerte, musste er 1815 Italien ganz verlassen und nach England fliehen, wo er sich durch Arbeiten zur italienischen Literatur und Sprachunterricht über Wasser hielt – sowie dank der Selbstlosigkeit seiner Tochter. Dazwischen hat Foscolo ein rastloses Leben geführt, beruflich, geographisch, amourös.

In der Obhut einer mütterlichen Insel

Das erste Exil besingt „An Zakynthos“, ein Sonett aus dem Jahr 1802. Foscolo schaut zurück auf die Heimat im Ionischen Meer, die ihm für immer verwehrt ist: Das Exil wird sogleich absolut gesetzt, der Ort der Kindheit – „die heiligen Gestade“ – auratisch aufgeladen. Religiös ist das nicht gemeint: Den Materialisten Foscolo interessiert die mythisch-literarische Dimension. Er vermenschlicht die Insel zur Schönheit, die sich im Meer spiegelt, um darüber zur griechischen Mythologie zu kommen – all das in einem Bandwurmsatz, der die Quartette und das erste Terzett umfasst.

Seine Heimat verbindet Foscolo mit der Göttin der Schönheit und der Liebe: Venus wurde in diesem Meer aus Schaum geboren und hat mit ihrem „ersten Lächeln“ die Ionischen Inseln fruchtbar gemacht. Zakynthos steht im Zeichen weiblicher Liebe, Schönheit und Fruchtbarkeit, ein Aspekt, der in der „Muttererde“ am Ende so explizit wiederkehrt, wie ihn die Eingangsverse angedeutet haben: Der Knabenkörper lag („il mio corpo fanciulletto giacque“) am Strand, wie es im Original heißt; er war in physischer Obhut der Insel, welche in die Rolle von Foscolos griechischer Mutter schlüpft.

Mit Venus kommt Homer: Zakynthos’ Schönheit hat dessen Dichtung beflügelt. Dieser Bezug ist entscheidend, denn auch Homer hat das Exil geschildert: Sein Held Odysseus weilte zwanzig Jahre in der Ferne, zehn Jahre vor Troja, weitere zehn auf der Rückfahrt. Allerdings: Seine „Heimkehr / ins felsenreiche Ithaka“ endet gut. Insofern ist sein Exil nicht nur ein „vielfältiges“, wie Christoph Ferber übersetzt: Das italienische Adjektiv „diverso“ meint auch (und treffender) „andersartig“. Der antike Held darf zurück nach Hause, ist schön vor Unglück, aber auch vor Ruhm („bello di fama e di sventura“), wie das Original zu verstehen gibt. Der moderne Exilant hat weniger Glück.

Diesen Unterschied markiert das Schlusswort im zweiten Terzett: Syntaktisch ist es abgesetzt, die Zeitform wechselt zum Futur. Der Sprecher verkündet der „Muttererde“, dass ihr von ihrem Sohn nur das „Singen“ bleibe. Ihn selbst erwartet ein „unbeweintes Grab“ („illacrimata sepoltura“) – es ist wichtig, dass genau dieses Wort das Sonett beendet. Denn wie das Langgedicht „Von den Gräbern“ (1807) ausführt, sind für Foscolo Friedhöfe der Ursprung der Zivilisation. Sie bieten den Verstorbenen ein Weiterleben im Angedenken, verbinden Generationen, begründen Gemeinwesen. Ein besucherloses Grab ist Foscolo eine Horrorvorstellung: Es bedeutet nicht nur sozialen Ausschluss, sondern den zweiten Tod. Genau das meint das Exil für den Dichter, der nun einzig auf seine Kunst zählen kann. Wobei Foscolo im vorletzten Vers eine Erweiterung vornimmt, indem er im Original von „noi“, von „uns“, spricht: Im Moment der Isolation stellt das Gedicht eine Heimat, die Gruppe der Dichtenden eine Gemeinschaft dar.

Zwei weitere Punkte stechen ins Auge. Kunstvoll ist an Foscolos Gedicht nicht nur der gleitende Satzbau, sondern auch der Einsatz der Zeitformen: Das Präsens wird ein einziges Mal verwendet, um zu sagen, dass Zakynthos sich im Meer spiegelt. Alle anderen Verben sind in der Vergangenheit (Kindheit, Mythos) oder Zukunft (Exil, Tod) gehalten. Über die Gegenwart erfahren wir nichts: Der Exilant schreibt im raumzeitlichen Nirgendwo. Und: Anders als die deutsche Romantik hält Foscolo das klassische Erbe gegenwärtig. Dieses bleibt in Italien so zentral, dass unter Foscolos Zeitgenossen einige Zweifel hegen, ob Italien überhaupt romantikkompatibel sei. Dem Dichter jedenfalls dient es als effizienter Bau- und Kontraststoff, um das moderne Exil zu gestalten.

Ugo Foscolo: „An Zakynthos“

Die heiligen Gestade, die als Kind mich
behüteten, werd nie mehr ich betreten,
geliebtes Zakynthos, das in den Wogen
des Meers sich widerspiegelt, wo einst Venus,

aus Schaum erstanden, mit dem ersten Lächeln
dich und die Inseln ringsum fruchtbar machte,
weswegen deine Wolken, deine Zweige
die hohen Verse dessen ewig rühmen,

der diese schicksalhaften Wasser und Odysseus’
vielfältiges Exil und seine Heimkehr
ins felsenreiche Ithaka besungen.

Dir wird nichts anderes, o Muttererde,
als deines fernen Sohnes Singen bleiben;
mein Los will, dass ich unbeweint einst sterbe.

Aus dem Italienischen von Christoph Ferber

„A Zacinto“ (1802/3)

Né più mai toccherò le sacre sponde
ove il mio corpo fanciulletto giacque,
Zacinto mia, che te specchi nell’onde
del greco mar da cui vergine nacque

Venere, e fea quelle isole feconde
col suo primo sorriso, onde non tacque
le tue limpide nubi e le tue fronde
l’inclito verso di colui che l’acque

cantò fatali, ed il diverso esiglio
per cui bello di fama e di sventura
baciò la sua petrosa Itaca Ulisse.

Tu non altro che il canto avrai del figlio,
o materna mia terra; a noi prescrisse
il fato illacrimata sepoltura.

Ugo Foscolo: „Sonette“. Italienisch – deutsch. Übersetzt von Christoph Ferber. Mit einem Nachwort von Georges Güntert. Edition Mevina Puorger, Zürich 2018. 42 S., geb., 22,– €.

Von Niklas Bender ist zuletzt erschienen: „König Saul“. Der missglückte Anfang und Europas religiöses Erbe. Eine Literaturgeschichte. Wallstein Verlag, Göttingen 2025. 492 S., geb., 49,– €.

Redaktion Hubert Spiegel

Gedichtlesung Thomas Huber

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