Herr Diamond, Ihre Ausstellung beginnt mit der Frage, was „Mishpocha“, also Familie oder Gemeinschaft, für die Besucher bedeutet. Was ist sie für Sie?
Für die Ausstellung fand ich das Verständnis der Kernfamilie attraktiv. Je weiter wir uns als Menschen entwickeln, desto verwirrender wird eine Idee wie Nationalismus. Wo wir auch aufwachsen, stammen Leute um uns herum von woanders her. Als Mitglied meiner Familie lebte ich in der Diaspora – auf Orte und auf Ideen bezogen. In unserer persönlichen Evolution knüpfen wir Verbindungen und entdecken Dinge, die weit mehr in uns zum Schwingen bringen als das, was uns die Familie gegeben hat. Das geht so weiter, bis wir sterben.
Was sind Elemente Ihres Konzepts? Steht es im Widerspruch zum Nationalismus?
Ich würde nicht Widerspruch sagen. Ich war aber zumindest interessiert an einer Welt, in der man sich für Menschen öffnete. Ein Teil der heutigen digitalen Wirklichkeit ist, dass man fest definiert ist: Ist man das eine, kann man nicht das andere sein. Nach meinem Verständnis erschaffen Kunst und Musik verschiedene Familien, Gemeinschaften, Mischpoke. Man hat in der Musik ein gemeinsames Erlebnis, in der Zeit synchronisiert. Wo man herkommt, ist für einen Moment egal. Man fühlt kurz dasselbe.
Die Ausstellung ist im Jüdischen Museum. Spielte für Sie das Judentum eine Rolle dabei, wie Sie Familie begreifen?
Es ist mir einfach so passiert, dass ich jüdischen Ursprungs bin. Es sollte keine jüdische Ausstellung werden. Erst dachte ich sogar, dass es vielleicht nicht passt, weil ich mich nicht als jüdisch identifiziere. Es hat für mein Aufwachsen keine große Rolle gespielt. Wir lernen in den USA auch nichts über die verschiedenen Diaspora und die Wege, die damit verbunden sind. Aber dann habe ich an einer Museumsführung über die Frankfurter Judengasse teilgenommen, das Ghetto, in dem Juden für vergleichsweise kurze Zeit frei waren. Ein sehr interessanter Mikrokosmos. Danach wurden sie ausgerottet.
Der Raum Mix! mit den Video-und Soundinstallatinen („Mix Installation“) in der Ausstellung „Mishpocha“.Frank RöthSpielte Ihre Familie eine Rolle dabei, welche Subkultur Sie für sich in den frühen Achtzigerjahren auswählten?
Darauf hatte meine Familie in verschiedener Hinsicht Einfluss. Sie war sehr typisch für New York City. Ich wuchs in einem Umfeld auf, in dem es möglich war, sich als Künstler auszudrücken. Um mich herum waren immer Menschen, die mit Kunst zu tun hatten.
Das hatte mit Ihren Eltern und ihrem beruflichen Hintergrund zu tun?
Es hatte viel mit der Welt zu tun, aus der meine Mutter und mein Vater kamen. Elternschaft löst eine lustige Kombination aus – von einerseits Nachahmung und andererseits Dingen, die Kinder unbedingt anders machen wollen. Meine Eltern waren Immigranten der ersten Generation, mein Vater aus Polen, meine Mutter als Kind osteuropäischer Eltern in den USA.
In dieser Zeit gab es diverse Szenen: Punk im CBGB, den Kreis um Grandmaster Flash, der Hip-Hop erfand.
Ich erlebte den Zauber all dieser Einflüsse. Dazu kam die lokale Szene visueller Künstler. Jeder baute seine Ideen auf die Spitze anderer Ideen. Es gab viel Meinungsstreit – auf liebevolle Art.
Waren aber diese Szenen, die Ihre Musik geprägt haben, nicht sehr getrennt?
Darin bestand der Zauber, in New York aufzuwachsen. Es war die vordigitale Welt, man konnte in Viertel laufen, in denen Klubs die unterschiedlichsten Musikstile spielten: Punkrock, Hip-Hop, Salsa, Jazz und so viel mehr. Heute hat jeder alles auf seinem Smartphone. Aber damals war New York der einzige Ort, an dem man alles um die Ecke hatte.
Einige Medien beschreiben Ihre stilistische Vielfalt als Ergebnis eines offenen jüdischen Geistes. Ist da etwas dran?
Wenn ich aus einer jüdischen Familie in Ohio gekommen wäre, hätte mir der Zugang gefehlt. Es spielt also keine so große Rolle, wie offen meine Familie war. Entscheidend war, bei überschaubaren Kosten des öffentlichen Nahverkehrs in eine U-Bahn zu steigen und all diese Dinge selbst zu sehen.
Was machte New York Anfang der Achtzigerjahre aus?
Ich will nicht alt klingen und meine Jugend romantisieren. Damals war ich etwas zu jung, um das ursprüngliche CBGB zu erleben, in dem der Geist des Punks auflebte. Die Ramones habe ich schon damals verehrt. Gesehen habe ich sie erst im viel größeren Palladium – aber noch auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Und all diese neuen Musikstile von Punk und Hardcore über Hip-Hop bis zu Reggae und Dub waren sehr radikal. Für mich war es wie in einem Süßigkeitenladen.
War es leicht, mit Ihrem Hintergrund in afroamerikanische Szenen zu tauchen?
Für mich gab es keine Wahl. Ich war besessen, also musste ich hin. Als wir das erste Mal zu einem „Disco Fever“ in der Bronx gingen, war es erst beängstigend. Die Liebe hat uns ein bisschen blind gemacht. Als wir selbst begannen, Musik zu machen, hatten wir ein unterschiedliches Publikum. Wir haben Dinge vermischt, aber niemand hat gegen uns gekämpft. Wir haben das nicht als Risiko betrachtet.
Mitte der Achtziger verließen Sie New York. Haben Sie gemerkt, dass Familie, „Mishpocha“, verloren ging?
Ich war froh, einen neuen Kern zu finden. Das habe ich auch in dieser Ausstellung reflektiert. Meine Bandmitglieder Adam Yauch und Adam Horovitz standen mir näher als meine biologischen Brüder, weil wir so viel teilten. In dieser Zeit veränderte sich viel. Der Künstler Geoff McFetridge, die Filmemacher Spike Jonze und Mike Mills oder der Fotograf Ari Marcopoulos zählten dazu. Wir schufen unsere Gemeinschaft.
Sie entwuchsen also Ihrer Szene?
Ja, so kann man es sagen. Wenige Jahre vorher hatten wir die Band Bad Brains gesehen, was für uns das aufregendste Ereignis war. Wir wollten wie sie sein. Dann hörten wir Rap und wollten das auch machen. Es braucht diesen Funken.
Haben Sie sich je gefragt, ob das, was Sie taten, kulturelle Aneignung war?
Lustigerweise kannte ich diesen Begriff lange nicht. Um ehrlich zu sein, hörte ich erst davon, nachdem ich jahrzehntelang Musik gemacht hatte. Entweder war ich ignorant oder er hatte keine Bedeutung.
Das Kunstwerk „The Library Room" von Ira Eduardovna im Raum Roots der Ausstellung „Mishpocha“.Frank RöthManche Musiker bezeichnen ihre Fans als Familie. Haben Sie je so gedacht?
Ich habe darüber nie so gedacht. Aber Emotionen sind etwas sehr kraftvolles in der Musik. Manches hört man lieber allein in der Stille und mit eigenen Gefühlen. Aber wenn man sie gemeinsam im selben Moment erlebt, hat das eine große Kraft. Man teilt Emotionen und findet eine gemeinsame Sprache – jenseits von Botschaften. Das kann Pop besser als bildende Kunst. Das sollte auch in der Ausstellung mitschwingen. Sie sollte so sein, dass Menschen nicht nur einmal durchlaufen, sondern mehrfach wiederkommen können. Der Vorteil an einem Museum ist, dass man es erlebt und hinterher darüber spricht. In der Musik hat man das gemeinsame Erlebnis.
In der Ausstellung kombiniert sich das durch Do-It-Yourself-Elemente.
Vielleicht kommt das durch meinen Punkrock-Hintergrund. Gerade arbeite ich viel mit Synthesizern, die ich nicht spielen kann. Im Mai erscheint eine erste Single aus diesem Material. Musikalisch ist es noch ein bisschen unreif, von den Texten etwas reifer.
Auch der Präsident der USA ist ein New Yorker. Ändern sich Bedingungen, Kunst zu machen, unter Donald Trump?
Ich identifiziere mich immer noch als New Yorker und versuche, ihn nicht als Teil der Stadt zu sehen. Das ist vielleicht mein eigener Nationalismus. Die Bedingungen für die Kunst verändern sich permanent. Als Jugendlicher erlebte ich die Reagan-Ära und tauchte in Punkrock und Hardcore ein. Beide hatten große Dringlichkeit und fühlten sich wie eine Widerstandsbewegung an. Ich hoffe, dass eine solche Energie jetzt wieder entfacht wird.
Die Beziehung zwischen Regierungen und Kunst ist nie einfach. Auch die von Kapitalismus und Kunst nicht, damit quäle ich mich schon lange herum. Zu bestimmten Zeiten sind Regierungen und Kapitalismus Unterstützer der Kunst. Aber wenn sie weniger unterstützen, entsteht oft größere Kunst, weil sie dringlicher ist.
Die Fragen stellte Philipp Krohn.
Mishpocha. The Art of Collaboration beginnt am 17. April und ist bis 27. September im Jüdischen Museum Frankfurt zu sehen.

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