150 Jahre Festspiele: Bayreuths historische Spur

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Die Moskauer Tageszeitung „Russkije Wedomosti“ kündigte im Mai 1876 ihren Lesern an: „Im August wird ein Musikfest von epochaler Bedeutung stattfinden. Der berühmte, so lange mit Ungeduld erwartete Opernzyklus Richard Wagners ‚Der Ring des Nibelungen‘ soll in einem eigens dafür erbauten Theater in der bayerischen Stadt Bayreuth endlich aufgeführt werden. Die gewaltige Schöpfung des berühmtesten aller lebenden Komponisten wird – unabhängig vom Maße des Erfolgs, der ihr beschieden sein wird – ohne Frage eine tiefe historische Spur hinterlassen.“

Der Autor dieser Zeilen war der Komponist Peter Tschaikowsky, der die ersten Bayreuther Festspiele als Musikkritiker begleitete. Nachdem er den „Ring“ gehört hatte, schrieb er, dass jeder, der „an die ethische Kraft der Kunst“ glaube, aus Bayreuth den Eindruck „erquickender, freudiger Genugtuung“ mitnehmen müsse. Das sei ein „Markstein in der Geschichte der Kunst“.

Die Baukosten damals – ein Schnäppchen!

Seit 150 Jahren finden die Bayreuther Festspiele nun statt. Ein Komponist hatte es geschafft, ein Theater bauen zu lassen, und begründete darin Festspiele, die bis heute ausschließlich seinem Werk gewidmet sind. Die Baukosten lagen bei etwa 300.000 Talern. Das waren 900.000 Mark, heute etwa 7,47 Millionen Euro. Ein Schnäppchen!

Wirtschaftlich waren die ersten Bayreuther Festspiele ein Desaster, sodass Bayerns König Ludwig II. seinem Günstling Wagner mit einem Kredit aushelfen musste. Künstlerisch war die Ausstrahlung immens. Wagner inspirierte die Musik, die Literatur und die bildende Kunst ganz Europas wie kein zweiter deutscher Künstler seiner Zeit.

Heute wird angesichts der Bayreuther Festspiele über anderes diskutiert. Richard Wagner war einer der schärfsten Antisemiten seiner Zeit. Sein Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain entwickelte sich zum Vordenker nationalsozialistischer Rassenideologie; Wagners Schwiegertochter Winifred wurde eine glühende Unterstützerin Adolf Hitlers; Wagners Enkel Wieland beschäftigte als ziviler Leiter der Außenstelle Bayreuth des Konzentrationslagers Flossenbürg Häftlinge für die Herstellung von Bühnenbildern.

Anno Mungen beschreibt in seinem neuen Buch „Von Bayreuth nach Auschwitz“, wie eng die Aufführungstermine für Wagners „Ring des Nibelungen“ im Theater Kattowitz abgestimmt waren auf die Dienstpläne des Vernichtungslagers Auschwitz, damit die Vollstrecker des Massenmordes an den europäischen Juden in den Schichtpausen Wagner hören konnten.

Was die Bayreuther Festspiele waren, sind und sein können, beschäftigt unsere Gegenwart. Worin die Kraft der Kunst, die ethisch so stark beschädigt ist, noch liegen kann und ob sie unserem Gemeinwesen als förderungswürdig erscheint, wird die Debatten kommender Jahre bestimmen.

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