Ist das derbe Männersatire oder eine verhohlene Todesdrohung? Um diese Frage geht es in der Debatte um ein KI-Video, das der pensionierte Heeres-General Roberto Vannacci, Gründer und Chef der neuen Rechts-außen-Partei Nationale Zukunft (FN), über die sozialen Medien verbreitet hat. Nach Angaben von FN-Generalsekretär Massimiliano Simoni gegenüber der Zeitung „Corriere della Sera“ vom Dienstag wurde das Video weder von der FN selbst noch auf deren Geheiß produziert. Man wisse nicht, wer dahinterstecke, versicherte Simoni: „Jemand war clever genug, dieses Video zu erstellen, und der General hat es weiterverbreitet. Es ist reine Satire.“
Das Video, mit Elon Musks KI Grok erstellt, zeigt den Imperator „Robertus Vannaccius“ in der Kaiserloge des Kolosseums. Neben ihm sitzen zwei Patrizier, die unschwer als Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und Senatspräsident Ignazio La Russa zu erkennen sind. Meloni ist Parteichefin der rechtskonservativen Brüder Italiens. La Russa ist einer der einflussreichsten Granden der Partei, die als stärkste politische Kraft des Landes seit Oktober 2022 unter Meloni die Mitte-rechts-Koalition in Rom führt. Der Ex-General Vannacci, der im Sommer 2023 mit dem selbst verlegten Bestseller „Il mondo al contrario“ (Verdrehte Welt) schlagartig bekannt (und wohlhabend) wurde, hat seine eigene Partei erst im Februar gegründet. Dass er in dem Video nun als Imperator vorkommt, Meloni und La Russa dagegen als subalterne Patrizier, ist eine augenzwinkernde Allmachtsphantasie.
Dann senkt der Imperator im KI-Video den Daumen.roberto.vanacci.68/Instagram, KI-generiertReine Phantasie ist Vannaccis künftige Teilhabe an der Macht aber nicht. Der Mann mit dem politischen Instinkt, der ungerührt homophobe, sexistische und rassistische Phrasen drischt und deshalb vom Verteidigungsminister aus dem Armeedienst entfernt wurde, erlebt einen Höhenflug. Seine Partei liegt, kein halbes Jahr nach der Gründung, in Umfragen bei bis zu sieben Prozent.
Annäherungsversuche der FN weisen Meloni und La Russa bisher nicht zurück. Weil die Brüder Italiens einst selbst am rechten Schmutzrand geächtet werden sollten, verbannen sie ihrerseits niemanden hinter eine Brandmauer, die es in der italienischen Politik nie wirklich gegeben hat. Vannacci weiß, dass er bei den Parlamentswahlen 2027 das Zünglein an der Waage zugunsten der Rechten gegenüber der wiedererstarkten Linken sein könnte – und damit für Meloni zum Steigbügelhalter bei der angestrebten Wiederwahl als Regierungschefin würde.
Zurück zum Video. In der Arena stehen, mit dem Rücken aneinandergefesselt, die sozialdemokratische Oppositionsführerin Elly Schlein und der frühere Ministerpräsident Giuseppe Conte, Parteichef der linkspopulistischen Fünf-Sterne-Bewegung. Das zweite Gefangenenpaar bilden die einstige Parlamentspräsidentin Laura Boldrini und der frühere Ministerpräsident Romano Prodi, gleichsam pensionierte Gallionsfiguren der italienischen Linken.
Als boshaftes Detail hat Boldrini einen verbundenen Unterarmstumpf. Die Hand muss sie im „Bocca della Verità“ eingebüßt haben, dem legendären Wahrheits- beziehungsweise Lügenbrunnen in Rom, der Lügnern die rechte Hand abbeißt, wenn sie diese in die Mundöffnung des Brunnenreliefs legen.
Gefangen und zum Tode verurteilt: die mithilfe von KI erstellten Figuren, die Giuseppe Conte und Elly Schlein darstellen sollen.roberto.vanacci.68/Instagram, KI-generiertAuf den Rängen verfolgen der einstige EZB- und Regierungschef Mario Draghi sowie die früheren (linken) Gesundheitsminister Beatrice Lorenzin und Roberto Speranza entsetzt das Geschehen. Denn natürlich senkt Imperator Vannaccius den Daumen, nachdem zuvor eine weitere Patrizierin – man erkennt Vannaccis aus Rumänien stammende Ehefrau Camelia Mihailescu – ihrerseits den Mittelfinger nach oben gestreckt hatte.
Worauf schließlich ein Löwe und ein mit Hammer und Sichel (sic!) bewaffneter Gladiator – es ist der FN-Aktivist Giuseppe Barboni, bekannt von einem Video, in dem er einen Migranten auf offener Straße verprügelt – ihr blutiges Geschäft verrichten. Das wird im Video nicht gezeigt, stattdessen als Schlussszene das verschmitzte Grinsen des Imperators, der sich schließlich abwendet.
Satire darf derb und geschmacklos sein, auch unwitzig. So wie die einschlägigen, ebenfalls mittels Grok-KI erstellten Fotos und Videos aus der Social-Media-Produktion Donald Trumps. Bei deren Politästhetik nimmt das Vannucci-Video erkennbar Anleihen. Aber fordert die Figur des Imperators Vannuccius auch zu Gewalttaten, gar zur Tötung politischer Gegner auf?
Als Erster reagierte Giuseppe Conte auf das KI-Video. „Vannacci befiehlt meinen Tod und den anderer politischer ‚Feinde‘. Es ist eine Botschaft, die zu Gewalt anstiftet und Fanatiker aufhetzen könnte. Wir haben das in Italien schon einmal erlebt. Wenn Sie glauben, uns einschüchtern zu können, irren Sie sich.“ Vannacci erwiderte, er habe doch bloß ein „wunderschönes und offenkundig unrealistisches Video in Science-Fiction-Manier“ geteilt, und empfahl Conte, ein Medikament gegen Allergieschübe einzunehmen: „Dann geht es Ihnen besser.“ Conte forderte Meloni zu einer Stellungnahme gegen die Rückkehr einer „Mythologie der Gewalt“ auf.
Die Ministerpräsidentin nahm vorerst nicht Stellung in der Sache. Ein Sprecher ihrer Partei teilte mit, das Video passe „inhaltlich und stilistisch eindeutig nicht zu uns“, denn die Brüder Italiens fühlten „immer mit den Märtyrern und niemals mit den Henkern“.

vor 4 Stunden
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