Als vor zwei Jahren die Serie „Push“ bei ZDFneo Premiere hatte, konnte man sich wundern. Vor allem darüber, dass vorher noch niemand auf die Idee gekommen war, auf diese Weise vom Beruf der Hebamme zu erzählen: realistisch, dramatisch, anrührend. Hier wird das Beste aus Medicalserien verschränkt mit einer lebenspraktischen Darstellung des Berufs, der der Gesellschaft mehr wert sein müsste, als es der Fall ist.
Typisch waren vorher TV-Dramen wie „Nacht der Angst“ (2015) mit Nina Kunzendorf. Ihre Figur stand vor Gericht, nachdem es bei einer Zwillingsgeburt zu Komplikationen gekommen war und ein Kind behindert blieb. Von „Hexenjagd“ sprach ihre Verteidigerin, und der Film zeichnete in Rückblenden die Dramatik des Geschehens nach. Inzwischen müssen Hebammen teure Versicherungen abschließen, um sich gegen Risiken abzusichern. Für die Illusion von Sicherheit? Kein Wunder, dass die Geburtenrate in Deutschland immer weiter sinkt.
Der Moment der Geburt
„Push“ gelang ein anderes Wunder, auf visuell naturalistischer Grundlage (Blut und Plazentas, Dammrisse, Schwangerschaftsvergiftung, ohnmächtige Väter, fluchende Gebärende, überbelegte Kreißsäle und nicht zuletzt echte Geburtsbilder). Es gelang ebenso, den Moment der Geburt zu schildern, in dem den Anwesenden vor Überwältigung der Atem stockt, den Moment, wenn allen Tränen vor Glück kommen. Oder vor Unglück, wie bei einer anonym Gebärenden, die ihr Baby zur Adoption freigibt.
Dr. Charlotte Mohn (Katia Fellin, l.) und die Hebammenstudentin Greta Malinger (Lydia Amasko, r.) bereiten sich auf eine Geburt vor.ZDF/Doro GötzJetzt gibt es die zweite Staffel von „Push“ mit zehn neuen Folgen, von denen keine zu viel ist, und die anonyme Geburt ist eine der hier dargestellten Begebenheiten. Wieder werden zahlreiche Schwangerschaften und Niederkünfte begleitet, erzählerisch fein verflochten. Einige der Geschichten werden über mehrere Folgen linear gezeigt, etwa die von Romy (Ricarda Seifried) und Leo (Sebastian Urzendowsky), die sich überlegen (müssen), ob sie ein Kind mit dem Gendefekt Trisomie 21 zur Welt bringen wollen.
Die großen Lebensfragen
Ja, es wird auch viel erklärt hier, medizinisch, psychologisch, gesundheitspolitisch. Frauengesundheitsthemen, Wechseljahre, Krebs, Leihmutterschaft, Kinderwunsch und dessen Abwesenheit, es geht kreuz und quer durch den Katalog der Diagnostik und großer Lebensfragen. Doch es passt eben hierher, wie die aus der ersten Staffel weitergeführte Situation der Hebamme Nalan (Mariam Hage) zeigt. In der ersten Staffel litten sie und ihr Partner David (Hassan Akkouch) unter einer Fehlgeburt, jetzt steht ihre Liebe auf der Kippe, denn sie will es schnell mit künstlicher Befruchtung versuchen, und David braucht Zeit.
Neben Nalan sind die beiden anderen Hauptfiguren Anna und Greta wieder dabei. Hebamme Anna (Anna Schudt) ist nun geschieden, flirtet ein wenig, hat aber wenig Lust auf eine feste Beziehung, Hitzewallungen und keine Zeit. Greta (Lydia Lehmann), die Hebammenstudentin, ist immer noch verliebt in die Ärztin Charlotte (Katia Fellin); die Chefärztin (İdil Üner) tritt nach ihrer Krebserkrankung kürzer und teilt ihren Posten. Der Arzt Jan (André Kaczmarczyk) und die Ärztin Fritzi (Llewellyn Reichman) trennen sich, weil er ein Kind will und sie nicht.
Die Headautorin Luisa Hardenberg (Drehbücher zusammen mit Anne Katharina Roicke und Johannes Rothe) übernimmt zwar solche Arbeitsplatzliebe-Muster von Krankenhausserien, konzentriert sie aber und beugt sie zurück auf die Themen rund um Fruchtbarkeit und Geburtsvorgang, sucht vielleicht ein paarmal zu häufig nach ermunternden Lösungen, wo Tragik überwältigen könnte.

Herausragend ist die fünfte, quasidokumentarisch gefilmte Folge, die der Hebammenleiterin Elke, von Marie Rosa Tietjen grandios gespielt, durch eine einzige superstressige Schicht folgt. Elke rennt, die Kamera mit ihr, berät, fachlich top, menschlich eins a, löst Probleme, setzt sich ein, während ihr eine panische Gebärende den Schmerz über Stunden immer wieder ins Ohr schreit, sie schließlich anzuflehen scheint, die Plazenta-OP zu verhindern, bis ihr Elke in einem Akt der Gewalt hilft und die Nachgeburt an der Nabelschnur herausreißt.
Gewalt unter der Geburt, auch das ist hier ein Thema und kein Tabu (Kamera Doro Götz und Lydia Richter). In den nächsten Folgen steht die Aufarbeitung an, und an anderer Stelle löst sich manches Problem mit viel gutem Willen in Wohlgefallen auf. Oder darf bestehen bleiben.
„Push“ ist nicht nur sehr sehenswert, sondern wichtig (Regie Pia Hellenthal und Joya Thome). Kurios: Laut Angaben des ZDF schauten die erste Staffel von „Push“ mehr Männer als Frauen (60 zu 40 Prozent). Auch nach der zweiten Staffel könnten sie der Ansicht sein, sie seien wirklich Zeuge geworden bei dem Vorgang, der zwar ein Wunder, aber besser kein romantisiertes Mysterium bleibt.
Die zweite Staffel von Push steht im ZDF-Stream und startet linear am Mittwoch um 21.45 Uhr bei ZDFneo (jeweils mehrere Folgen hintereinander).

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